Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Die Hackerkatze

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

 

Zuerst dachte ich, ich höre Stimmen. Sie riefen „Hallo“ oder „Wer ist da?“. Einige Male vernahm ich sogar meinen Namen. Manchmal sogar Flüche! Heute schon wieder. Laut und deutlich vernahm ich ein „Verdammt noch mal!“. Immer wieder suchte ich meine Umgebung ab und konnte ausschließen, dass es aus dem Fernseher oder von den Nachbarn kam. Meine Großmutter war also die beste Kontaktstelle, um nachzufragen, was es mit diesen Stimmen auf sich haben konnte. Als ich ihr einmal sagte, eine der Stimmen klänge wie Opa, da war sie ganz aus dem Häuschen. Aufgeregt schnappte sie in ihrem Schaukelstuhl nach Luft und wedelte hektisch mit den Armen, während ich diese leichtfertige Bemerkung schon wieder bereute. Augenblicklich fingerte sie ein Pendel hervor und wollte nun ganz genau auspendeln, ob es sich denn wirklich um Opa aus dem Jenseits handelte.

Heute weiß ich, dass die Tatstaturdeaktivierung des Handys eine praktische Hilfe sein kann, um das Hören solcher Stimmen zu umgehen, und vor allem jene, die einen ausschimpfen, nachdem bei ihnen das kleine fortschrittliche Gerät zum x-ten Male in den Gehörgang bimmelte. Welch ein Segen, keine schimpfenden Dämonen im Kopf. Den Termin mit dem Exorzisten kann ich also auch absagen.

Ich ließ Oma im Glauben, Opa habe sich aus den Tiefen des unerforschten Jenseits gemeldet, um ihr Grüße und endlose Liebe zu senden. Zwar geht es ihr jetzt nicht mehr so gut wie zuvor, da sie Opa mehr vermisst denn je, aber die Beschaffung einer Katze konnte dies doch hervorragend ausbalancieren. Es war eine dieser schwarzen Katzen mit weißen Pfötchen und hellem Halsansatz, die mir vor einer Woche zugelaufen war. Sie lief ständig hinter mir her, als röche ich nach Fisch. Ich sollte diese Besuche beim Fast-Food-Chinesen lassen.

Nun war Oma hocherfreut über ihren neuen Opa-Ersatz, doch bestand sie nicht nur auf die elektronische Katzenklappe per Funksteuerung von Kanal 1 bis 10, sondern auch auf eine dieser hochmodernen, verschlossenen Elektronik-Fressnäpfe, die sich nur öffnen, wenn sich die Katze mit ihrem eigens dafür konzipierten Funkhalsband näherte. Der Vorteil war hierbei, dass die Geruchsentwicklung nicht mehr so stark ist und herumstreunende Katzen nicht ungefragt ins Haus von Oma eindringen sowie von Lillys Napf stehlen konnten. Okay, die Fisch begeisterte Katze aus dem Nichts musste dafür ein Halsband mit einem kleinen Kästchen tragen und wenn sie sich dem Fressnapf näherte, surrte es kurz, der Napfdeckel öffnete sich und Lilly konnte dinieren. Es gab nur ein winzig kleines Problem. Immer wenn sich Lilly dem Napf näherte und der Deckel brav zur Öffnung surrte, fand sie nur vertrocknete Katzenfutter-Krümel vergangener Tage. Wie deprimierend! Höchste Technik, die trotz ihrer Ausgeklügeltheit Millionen Katzen zum Verhungern drängt, denn der geschlossene Deckel ließ den fortschrittlich denkenden Omas einfach nicht die Möglichkeit hineinzusehen, ob der Napf noch voll oder ob wieder einmal Nachschub vonnöten war. So, als würde man eine Pflanze mit verschließbarem Blumentopf besitzen und nie sehen können, ob die Erde jetzt noch feucht ist oder sich doch schon gen Wüste Gobi zu entwickeln droht. In Anbetracht der Lage mit dem Gerede über den jenseitigen Romeo-Opa, der sich durch die Höllen und Himmel gekämpft hatte, um ihr Grüße über den Gehörgang ihres Enkelsohnes zu senden, und nicht zu vergessen, die allzu detaillierten Beschreibungen über Krankheiten im Alltag und Bezeichnungen der Ärzte, bei denen einem schon bei Nennung ihrer Profession ganz anders wurde, oder wenn Fremdwörter durch den Raum hallten, die sich ein Arzt durch beharrliches Studium erkämpft haben mochte und Oma hier mithilfe ihres 324. Arztbesuches mal locker Paroli bot, musste ich mir etwas einfallen lassen. Das ist eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, dachte ich, während ich fieberhaft nach einer Lösung dieses Dilemmas suchte. Szenen eroberten mein Bewusstsein, in denen ich stundenlang bei Oma, ausgelutschter Volksmusik und Wetten dass saß, während meine einzigen Spaziergänge nur noch aus dem Gang zum Vorratsschrank mit den nach Fisch muffelnden Katzendosen bestanden.

Nun besitzt Lilly ein Halsband mit mehreren Kästchen um den Hals, die wohl möglich so jede Katzenklappe und jeden Fressnapf in der kompletten Nachbarschaft öffnen konnte, ich vermute, sehr zur Überraschung derselben. Doch dies war die beste Lösung. Ich brauchte mir keine Geschichten mehr über Krankheiten, Kriege und Opa anhören und Lilly war sogar preiswert versorgt! Die kleine Investition von 200 Euro für die unterschiedlichen Funk-Frequenz-Sender würde sich auf lange Sicht gesehen gewiss bezahlt machen.

Wohlig grinsend drängten sich mir Bilder von Katzen auf, die Lilly treu und ergeben folgten und sie schnellstens zur Revierkatze des ganzen Stadtteils erklärten, so, wie man einst Merlin oder Gandalf verehrte, da sie mit ihren Zauberkräften verschlossene Tore öffnen und ganze Schätze zum Vorschein bringen konnten. Und welcher Schatz denn Fresschen kann die Augen einer Katze so zum Glühen bringen?

Nun gut, es gab Nächte, an denen brauchte Oma ein wenig Aufmunterung und Betreuung, also schlief ich manchmal auf ihrem Sofa, um ein Auge auf sie zu haben, aber auch, um ihrer Ansicht nach all die von ihr zu Quacksalbern erklärten Ärzte allein mit meiner nächtlichen Anwesenheit in den Schatten zu stellen. Sobald Oma schlief, genoss ich die kleinen Spaziergänge durch die vielen Alleen des Wohnviertels, konnte mir aber das Grinsen nicht verkneifen, wenn es an jeder Tür surrte und Lilly mithilfe ihres Funk-Sende-Arsenals sämtliche Katzenklappen und Fressnäpfe der Nachbarschaft öffnete. Eine richtige Hackerkatze, dachte ich, und summte unauffällig vor mich hin, damit mich bloß niemand für diese verwerfliche Tat zur Verantwortung ziehen konnte.