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(eine Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)
Es war Nacht. Eine sehr klare Nacht. Wir standen an einem Waldrand und mein Freund schaute mich kurz an. Ich sah, dass er die gleiche Traurigkeit wie ich empfand. Genau wie in meinen Träumen, so lief auch er nun ständig auf und ab, wenn er auf etwas wartete. Dann aber lehnte er sich an einen Baum und schaute zu Boden, scharrte mit dem Fuß in der Erde herum. Ich blickte aus dem Wald heraus auf ein Feld und einen Weg. Ich wusste, dass sie diesen Weg entlang gegangen war. Plötzlich begann mein Freund ein Lied zu summen. Es war ein klassisches Lied und er summte es so tadellos traurig, dass mich ein Gefühl der Einsamkeit durchflutete, das ich noch nie zuvor empfunden hatte. Er summte weiter und ich war erstaunt über die Vielfalt seiner Töne, die er hervorbrachte. Sie hallten durch den ganzen Wald, weit über das Feld hinweg. Das Gefühl der Einsamkeit schien sich nun ins Unermessliche zu steigern. Plötzlich überströmte ein gleißendes Licht den Wald. Es strahlte die Bäume an, drehte sich langsam nach rechts fort, erleuchtete das Feld, drehte sich weiter und dann verschwand es. Ich war überzeugt, dass es ein Auto gewesen sei. Ein Auto, das sie entführt hatte und nie mehr zurückkommen würde, aber er lächelte. Er schaute wieder zu Boden und summte weiter. Mir kam es mittlerweile so vor, als befände sich ein ganzes Orchester versteckt in den Büschen, um mir einen Streich zu spielen, denn ich hörte deutlich die Geigen, aber ich wusste, dass es sie eigentlich nicht wirklich gab. »Du weißt, dass sie gegangen ist und sie wird nicht zurückkehren!« »Doch, sie wird! Sie wird zurückkommen und mich mitnehmen.« »Nein, das wird sie nicht!« Ich wusste, dass er Recht hatte. Sie würde nicht zurückkommen. Sie kann gar nicht mehr zurückkommen. Sie hatte sich entschieden für immer zu gehen. »Werde ich sie wieder sehen?« »Nur, wenn Du zu ihr gehst.« »Das kann ich tun? Wie?« »Dazu musst Du die beiden Wesen besiegen, von denen ich Dir erzählt habe.« Ich erinnerte mich. Er hatte mir einmal von zwei äußerst gefährlichen Wesen berichtet, die in den Wäldern lebten und sich, fast unsichtbar für das menschliche Auge, gern in der Nähe von alten Gebäuden aufhielten. »Nicht weit von hier ist eine Burg«, antwortete er auf meine Gedanken hin. Ich zögerte. Sollte ich gegen diese unbesiegbaren Wesen in den Kampf ziehen, von deren Existenz nur noch Kinder wussten, die sich in der Nacht vor deren Besuch fürchteten? Ja, ich wollte es tun! Ich würde alles für einen einzigen weiteren Moment mit ihr tun, das wusste ich nur zu gut. Ich nickte ihm zu. Wir standen auf einem kleinen Turm dieser Burg und konnten hinunter in einen Vorgarten schauen. Mit einem fast nicht wahrnehmbaren Kopfnicken deutete er darauf hin, dass ich konzentriert den Vorgarten beobachten sollte. Ich sah nur ein paar Schatten, die das Mondlicht und die Bäume erzeugten, aber plötzlich sah ich einen dunklen Schatten, der nicht hin- und herwogte, sondern sich geradlinig bewegte. Ich kniff meine Augen zusammen, um jeden Irrtum auszuschließen, aber ich konnte dennoch diesen Schatten ausfindig machen, der sich mittlerweile an mehreren Bäumen vorbei geschlichen hatte. »Schau genau hin!« Ich sah förmlich, wie er immer mehr an Konturen gewann und sich zu einem richtigen, dreidimensionalen Wesen entpuppte, und als es auf die freie Fläche des Gartens trat, da bekam ich einen Schreck. Es hatte sich in einen alten, zwei Meter großen und sehr hageren Mann verwandelt. Ein Teil der rechten Gesichtshälfte, die rechte Schulterpartie und der Arm schienen von einer Art messingfarbenen Rüstung bedeckt zu sein. Er trug noch einen weißen Bart, der seine knöcherne andere Gesichtshälfte umso mehr zum Vorschein brachte. »Das ist das erste Wesen, das Du besiegen musst. Es ist nicht sehr stark, aber dennoch gefährlich. Das müsstest du bereits schaffen können. Aber das zweite Wesen übertrifft das erste bei weitem. Es wird gleich kommen, pass genau auf!« meinte er und deutete wieder mit seinem Kinn zum Vorgarten. Ich vernahm ein Surren in der Luft, es erinnerte mich an einen Bienenschwarm, dann schoss plötzlich aus dem Unterholz ein rotierender Zylinder heraus. Als ich genauer hinsah, sah ich deutlich, dass es erdbraun war, sich ständig um sich selbst drehend, und mich urplötzlich an eins dieser Sandkastenförmchen erinnerte, wenn man sie auf den Kopf stülpte. Es hatte wohl einen Durchmesser von zwei Metern und war mindestens 1,50 m hoch. Mir wurde leicht schwindelig, weil dieses Surren immer aufdringlicher wurde, dann plötzlich gab es ein lautes Plopp, und es war verschwunden. »Dieses Wesen hat es in sich! Du musst auf der Hut sein, denn es ist sehr gefährlich. Wenn Du es besiegen willst, dann brauchst du unbedingt Hilfe. Ich werde dir noch einen Mann und eine Frau mitgeben. Ihn zeichnet das logische Denken aus und sie die Intuition und das schnelle Handeln. Sie werden dir helfen! Wenn du beide besiegt hast, dann hast Du genügend Energie, um dich auf die Suche nach ihr zu machen«. Ich verstand jedes Wort, das er sagte. Nichts war mir klarer in diesem Leben, als die Situation, die er mir hier beschrieb. Ich wandte mich ab und ging. Ich traf diese Frau und den Mann. Wir begrüßten uns noch nichtmals, denn auch sie waren über den weiteren Verlauf unserer Taten bestens informiert und es gab dem auch nichts mehr hinzuzufügen. Ab und zu lächelten wir uns auf dem Weg zur Burg an, aber ansonsten wechselten wir kein Wort. Kurze Zeit später ragte der Eingang zur Burg vor uns auf. Wir gingen hinein. Innen standen wir in einer großen Vorhalle. Rechts von mir befand sich eine sehr stabile Holztür mit auffälligen Eisenbeschlägen. Ich legte mein Ohr an die Tür und lauschte. Als ich nichts vernahm, nickte ich den beiden kurz zu, um anzudeuten, dass ich eben hineingehen und nachschauen werde, ob sich darin etwas Interessantes befindet. Ich drückte die Tür auf und trat schnell ein. Hinter mir schloss ich sie schnell und lautlos. Oben rechts gab es ein kleines Fenster, durch das etwas Mondlicht drang, es reichte eben aus, um die Konturen des Raumes sichtbar zu machen. Meine Augen mussten sich erst einmal ans Licht gewöhnen. Einige Meter vor mir war erahnte ich so etwas wie einen runden Teich, der rundherum mit Steinen verziert worden war. Ich ging einige Schritte darauf zu, als ich plötzlich ein monströses Brüllen vernahm, dass ich glaubte, mir bliebe augenblicklich das Herz stehen. Das Blut schoss mir in den Kopf und ich war starr vor Entsetzen. Als ich meinen Kopf endlich nach links drehen konnte, erblickte ich ein Wesen, das starke Ähnlichkeit mit einem Riesenaffen besaß. Mich langsam nach hinten bewegend, hoffte ich darauf, schneller an der Holztür zu sein, als es mich anspringen würde. Schritt für Schritt ging ich, immer wieder nach hinten schielend, zurück. Ich besaß auch keinerlei Waffen. Wir waren auch nicht darauf vorbereitet gewesen, gegen physische Wesen kämpfen zu müssen. Unsere eigentlichen Gegner waren jedenfalls nicht mit irgendwelchen Waffen zu besiegen. Erst wollte ich darüber nachdenken, ob dieser Riesenaffe nun aus einem Zoo ausgebrochen sein könnte oder einfach zum Inventar des Hauses gehörte, als mir eine Bewegung des Affen deutlich machte, dass er mich im nächsten Moment angreifen wird. In dem Augenblick, als er zum Sprung ansetzte, kam aus der Dunkelheit ein schwarzer Panther geschossen, der ihn von hinten ansprang und direkt in seinen Nacken biss. Brüllend schlug der Riesenaffe um sich. Sofort nutzte ich diese Chance und sprang zur Tür, riss sie auf und schlug sie erleichtert hinter mir zu. Meine beiden Begleiter schauten mich mit großen, fragenden Augen an. Ich zuckte verlegen mit den Schultern und teilte ihnen mit, dass dieser Raum nichts Interessantes bot. Dann gingen wir die Treppe am Ende der Vorhalle hinauf. Nach einer weiteren Treppe gelangten wir auf einen Speicher. Sofort stachen mir rechteckige, große Blöcke ins Auge, die mit Planen verdeckt waren. Wir wunderten uns, und einer meiner Begleiter zog neugierig eine Plane von einem dieser Blöcke herunter. Ich staunte, als ich Hunderte von Bündeln an Geldscheinen erblickte. Unter der nächsten Plane fanden wir weitere Bündel mit Wertpapieren. Insgesamt lagen hier gewiss mehrere Millionen Euro, die unbenutzt vor sich hinstaubten. Meine Begleiter schienen nicht sonderlich beeindruckt von diesem Fund, aber ich wusste, dass dies ein Symbol für einen Teil meiner verschütteten Energien waren, und das diese mir zufallen würden, wenn wir es tatsächlich schaffen sollten, die beiden Wesen zu besiegen. Wir verließen den Speicher und gingen wieder hinunter in die Vorhalle. Kaum unten angekommen, erblickten wir einen Mann, der im Eingang stand. In seiner rechten Hand befand sich eine Pistole, seine Augen funkelten wild und sein Blick verriet uns, dass er nur auf uns gewartet hatte. Er hob den Arm und schoss einige Male blind in unsere Richtung. Wir strömten sofort auseinander und suchten nach Deckung. Mir lief es kalt den Rücken herunter, als mir die gegenwärtige Situation klar wurde. Dieser rotierende Derwisch hatte sich in einen gewöhnlichen Mann verwandelt, der einen geladenen Revolver trug. Darauf waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Es war nur allzu verständlich, schnellstens das Feld zu räumen, damit wir in Ruhe unsere Situation überdenken konnten. Ich gab den anderen ein Zeichen und wir verließen die Räumlichkeiten durch eins der Fenster in der Vorhalle. Draußen im Garten liefen wir dann zu einem nahe gelegenen Wald und beabsichtigten dort einen neuen Plan aufstellen. Wir wollten auch in Bewegung bleiben und gingen so erstmal einen Waldweg entlang. Mein Begleiter schien sehr beschäftigt und rätselte ununterbrochen vor sich her. Intuitiv wusste ich, dass er ein Genie im Verknüpfen sämtlicher Ereignisse war. Seine Ansicht enthielt die Betrachtung, dass alle Informationen, die man zur Lösung eines Problems benötigte, innerhalb des gegenwärtigen Tages versteckt sind. Dazu abstrahierte er dann seine ganze persönliche Vergangenheit, Annahmen und Pläne über die Zukunft. Fünf Minuten später hellte sich sein Gesicht förmlich auf und er rief, dass er die Lösung habe, bzw. nahe dran sei. Nachdem ich ihn fragte, woher er denn wisse, dass er nah an der Lösung sei, ohne die Lösung eigentlich wirklich kennen zu können, behauptete er, dass ihm dies sein Körper verraten würde. Ich zog meine Augenbrauen hoch, aber als er begann, mir einige der Informationen des Tages aufzuzählen und sie sodann verknüpfte, konnte ich nur noch staunen. Er war felsenfest davon überzeugt, dass der Derwisch, so nannten wir ihn scherzeshalber, die Kunst besaß, sich in alles und jeden zu verwandeln, außerdem wäre ihm sein misstrauischer Blick aufgefallen, was ihn nun zu der Annahme gebracht hatte, dass dieses Wesen das Vertrauen symbolisiere. Seine Aussage raubte mir den Atem! Er hatte Recht! Bevor ich noch irgendetwas dazu sagen konnte, handelte meine Begleiterin. Sie rief, dass sie nun die Lösung hätte und rannte tiefer in den Wald hinein. Dort scharrte sie im Boden herum und kehrte dann mit einer rappelnden Blechdose zurück. Sie hatte einen ganz bestimmten »Fänger« gebaut, der den Derwisch einfangen sollte. Sofort verließen wir den Wald und kehrten zur Burg zurück. Bereits am Eingang sahen wir ihn wieder stehen, mit dem Revolver in seinen Händen. Unvermittelt hob er den Arm und schoss, aber meine Begleiterin ließ sich dadurch nicht beeindrucken und rappelte mit dieser Dose demonstrierend in der Luft herum. Das Geräusch schien dem Derwisch überhaupt nicht zu gefallen, er ließ die Pistole fallen und flüchtete. Sie rannte hinter ihm her und wir hinter ihr. Schließlich war er uns entkommen, aber wir erwischten seinen Vasallen, den mit der Rüstung. Er lag dort und hielt sich die Ohren zu. Ich riss ihn hoch und band seine Hände mit einem Lederriemen, damit er nicht mehr fliehen konnte. Dann wirbelte ich ihn einige Male herum, bis er ganz schlaff war und steckte ihn dann in meinen Körper, damit er mir von nun an gehorchte. Seine Kraft wurde zu meiner und mit der gewonnenen Energie erkannte ich jetzt auch, wer dieser Derwisch wirklich war und ich ahnte, dass er bald zurückkommen würde.
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