Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Das Zikkurat von Etemenanki

(Der Turmbau zu Babel)
(Aus dem Jonathan-Evangelium - © Jonathan Dilas)

 

Die bleierne Müdigkeit des abgedunkelten Raumes schien wie ein Spiegel des gegenwärtigen Zustandes von Kusch zu sein, dem ältesten und weisesten Mannes der Stadt Shinar. Er hatte das kleine Volk aus dem Osten hergeführt und ihnen die Möglichkeit gegeben, einen neuen Anfang zu machen. Doch Kuschs Tage waren gezählt und er lag seit Wochen in diesem alten Lager, den Tod erwartend.

„Wir haben die Flut überlebt, mein Sohn, und haben uns nun hier niedergelassen“, sagte Kusch leise zu seinem Sohn Nimrod. „Ich werde nicht mehr lange unter den Lebenden weilen und hoffe, dass du die Stadt gerecht führen wirst. Ich bin sehr zufrieden mit dir, denn du bist ein Held. Deine Taten haben die aller anderen übertroffen und jeder ehrt nun deinen Namen.“

Sein Sohn schaute ihn mit wässrigen Augen an: „Vater, ich bin glücklich, dass du uns nach Shinar geführt hast. Ich glaube, ich werde deine Worte für immer in Ehren halten und ich bin sicher, ich werde hier mein Schicksal erfüllen.“

„Das wirst du in der Tat, denn du bist ein Auserwählter.“

Nimrod schwieg als er diese Worte hörte. Er überlegte, ob sein Vater auf seine Träume anspielte.

Kusch nickte: „Du weißt, wovon ich spreche. Das erkenne ich an deinen Augen. Erzähle mir von deinen Träumen.“

„Ich träume noch immer, wie ich das Tor zu den Göttern entdeckt habe. Es befindet sich hoch oben am Himmel. Es ist eine viereckige Luke, die ein gleißendes Licht ausstrahlt, sobald sie sich öffnete. Wird sie geschlossen, so kann man nichts mehr erkennen. Ich versuche jedes Mal das Tor zu erreichen und greife danach, doch vergeblich, denn es ist zu hoch oben am Himmel und ich bin zu klein. Diesen Traum träume ich nun seit Jahren und seitdem wir in Shinar angekommen sind, habe ich das bestimmte Gefühl, hier das Tor der Götter zu erreichen.“

„Ich glaube an dich, aber denke daran, die meisten glauben allein aus der Angst heraus, dass die Fremden Götter sind. Sie werden darüber erzürnt sein, wenn du eine Möglichkeit finden solltest, ihr Tor zu öffnen und ihre Stadt zu betreten. Du hast besondere Kräfte durch deine Träume, aber sie sind dir überlegen. Sie verfügen über unvorstellbare Waffen und seltsame Gerätschaften, mit denen sie ganze Städte vernichten können.“

„Ich weiß, Vater, aber ich habe mein Schicksal akzeptiert. Wenn ich auf der Suche nach dem Tor der Götter meinen Tod finden sollte, dann soll es so sein“, sagte Nimrod und nahm Kuschs Hand. Irgendwann schliefen sie gemeinsam ein.

So saßen sie viele Minuten schweigend dort und dann erhellten sich die Augen Nimrods:

„Vater, ich habe eine Eingebung. Ich werde einen Turm bauen. Dieser Turm wird so hoch sein wie das Tor der Götter. Ich werde das Tor aufstoßen und einen Weg finden, um das Himmelsschiff zu vernichten. Unsere Sklaverei wird ein Ende finden!“

Doch Kusch öffnete seine Augen nicht mehr, denn er war friedlich eingeschlafen. Auf seinen Lippen fand man ein leichtes Grinsen, denn er ist in Frieden gegangen, da er wusste, dass sein Sohn Nimrod wusste, was er zu tun hatte.

Nimrod spürte, dass ein Vater gegangen war, aber als befände sich sein Geist noch im Raum, sprach er weiter: „Die falschen Götter versklaven das ganze Land und wenn eine Stadt nicht Folge leistet, wird sie als Mahnmal für andere Städte ausradiert. Es ist an der Zeit, ihre Macht zu brechen und es ist von Wichtigkeit, dass die Menschen erkennen, dass die Fremden keine Götter sind. Sie sind Fremde aus einer dunklen Welt und planen, unser Volk endgültig und auf ewig zu versklaven. Ich werde das zu verhindern wissen und das Tor der Götter finden, den Einstieg in ihr Himmelsschiff. Mein Turm wird gewaltiger und schöner sein als die hängenden Gärten von Semiramis!“

Stumm nickte Nimrod vor sich hin und in Gedanken sah er seinen Turm, den er bauen wollte. Er wusste, dass das Himmelsschiff getarnt über Shinar schwebte und es an ihm lag, den Zugang zu finden. Der Turm würde genau unter dem Tor zu bauen sein, denn keine Leiter reichte so weit nach oben.

Die Jahre zogen ins Land und Nimrod hatte den Turmbau angeführt. Tausende aus der Stadt Shinar halfen ihm dabei. Andere Städte weigerten sich jedoch an dieser Freveltat teilzunehmen, denn sie fürchteten die Kraft der falschen Götter.

„Nimrod, wir haben neue Ziegel und Erdharz erhalten. Sollen wir weiterbauen?“

„Natürlich! Und vergesst nicht, sie in der Farbe des Turmes zu streichen. Er soll nicht aussehen wie das Flickwerk eines blinden Schneiders.“

Der Turm besaß bereits acht Plateaus und war einfach gewaltig anzuschauen. Nimrods Plan war einfach, aber genial. Manchmal, wenn er auf dem obersten Plateau stand, sah er bereits einen schmalen Spalt des Zuganges zum Himmelsschiff. Das ganze Himmelsschiff jedoch war getarnt und konnte mit dem bloßen Auge nicht so leicht erkannt werden. Es ist gewaltig und viele hundert Meter groß, das wusste Nimrod. Wenn es ihm gelang, Zugang zu dem Schiff zu bekommen, dann könnte er es vielleicht zum Absturz bringen und den anderen zeigen, dass diese Götter verletzbar sind.

„Seid ihr sicher, dass wir das nächste Plateau bauen sollen, Nimrod?“, sagte sein Vorarbeiter und Unsicherheit klang in seiner Stimme nach. Vermutlich fürchtete er die Strafe der Götter.

„Ja“, antwortete Nimrod knapp.

„Ihr wisst, dass dies Marduks Anhänger erzürnen wird. Er ist von ihrem Anführer Jehova zu unserem Verwalter ernannt worden. Er wird seit vielen Jahren im Tempel zu Esaĝila verehrt.“

„Ich bin mir dessen bewusst, mein Freund. Wir sind die Tiamats, die Widersacher Marduks und Jehovas. Und ich fühle die Anwesenheit Jehovas dort oben. Also befiehlt den Bau des nächsten Plateaus, damit wir endlich in das Himmelsschiff einfallen können. Sie mögen zwar gut bewaffnet sein, aber wir sind zahlreicher. Wir werden den Sieg von uns tragen und allen zeigen, dass diese Götter falsch sind!“

„Wie wollt ihr das Himmelsschiff öffnen?“, fragte der Vorarbeiter irritiert.

„Meine Vorfahren haben einige ihrer Waffen gestohlen und für einen solchen Tag, wie die Fertigstellung des Turmes, aufbewahrt. Ich kenne den Weg zu diesen Waffen und sie haben viel Macht. Sie öffnen das Tor!“

Zur gleichen Zeit auf dem Himmelsschiff:

„Wie steht es um die Reparaturen auf unserem Schiff?“, fragte Jehova seinen ersten Offizier Marduk.

„Wir benötigen noch einige Jahre, um die Reparaturen abzuschließen. Der Kampf mit den Grauen hat mehrere Decks zerstört.“

Jehova schaltete den Monitor ein und warf einen Blick hinunter auf die Stadt Shinar.

„Was geschieht dort unten? Was treiben die da die ganze Zeit?“

„Laut neuesten Erkenntnissen bauen die Tiamats an einem Turm, um in unsere Hauptluke einzudringen.“

„Wie lächerlich! Das ist eine infantile Idee! Wer ist darauf gekommen?“

Marduk räusperte sich: „Es ist Nimrod gewesen. Er führt einige tausend Männer an, die bereits seit Jahren an diesem Turm bauen. Zuerst dachten wir, dass die Männer aus Shinar uns zu Ehren ein Monument errichten wollten, so wie sie es mit dem Tempel Esaĝila der Fall gewesen ist, aber es scheint sich hierbei anders zu verhalten. Es sind Rebellen. Sie widersetzen sich unseren Gesetzen. Sie besitzen auch eine Geheimsprache untereinander, mit der sie sich verständigen. Wir haben erst vor kurzem herausfinden können, dass der Turm einen ganz anderen Zweck erfüllt.“

„Nimrod! Er hat schon des Öfteren versucht, meinen mühevoll aufgebauten Ruf zu untergraben. Es ist an der Zeit, dass wir ihm und seinem Gefolge eine Lehre erteilen!“

„Was habt ihr vor, Herr? Wir haben keinen Schlüssel, um ihre Geheimsprache zu entschlüsseln. Sie scheint auf der Ursprache der Menschen aufzubauen und die haben wir nie verstanden“, entgegnete Marduk.

„Sie haben keine Chance, die Luke zu öffnen. Womit wollen sie diese öffnen? Das geht nur von innen.“

„Herr, es wird gemunkelt, dass sie im Besitz von Waffen sind, die aus unserer Munitionskammer gestohlen wurden.“

„Was?“, donnerte Jehovas Stimme von den Bordwänden wider. „Wie kann das sein?“

„Wir wissen es nicht. Der Diebstahl kann vor vielen Jahren geschehen sein. Unsere Protokolle weisen jedenfalls keinerlei Fehlbestände auf.“

„Wenn sie den Turm zu Ende bauen und die Luke tatsächlich öffnen sollten, dann sind wir geliefert. Sie sind Tausende und unsere Besatzung übersteigt kaum die Anzahl von fünfzig.“

„Und nicht nur das, Herr, denn sollten sie mit Gewalt unsere Luke öffnen können, wird dies unvorhergesehene Auswirkungen auf unser Raumschiff haben. Unsere Reparaturarbeiten könnten um weitere Jahre zurückgeworfen werden“, erklärte Marduk.

„Ich verstehe. Es wäre verheerend, wenn sie das schaffen. Ganz abgesehen davon, wenn die anderen Städte unsere Illusionen durchschauen würden und erkennen, dass wir keine Götter sind, sondern ebenso verletzlich wie sie. Es würde wie ein Signalfeuer für die anderen wirken und sie würden uns von diesem Planeten verjagen. Sie würden ihre eigenen Kräfte entdecken und dann wird sie nichts mehr aufhalten! Das müssen wir verhindern! Los, Marduk, mach das Cherub fertig. Ich will mir das aus der Nähe anschauen…“

„Jawohl, Herr. Ich werde alles in die Wege leiten…“

„Und, Marduk, denke daran, den Babbel an der Fähre anzubringen. Wir werden damit übers Land fliegen und dieses experimentelle Gerät an ihnen testen.“

Eine Stunde später befanden sich Jehova und Marduk mit einer kleinen Crew an Bord des Cherubs. Sie überflogen Shinar und beobachteten das Verhalten der Tiamats, die eifrig an dem Turm bauten.

„Seht, Herr, dort ist der Turm! Und schaut nur, Herr, sie tragen gerade eins unserer Geschütze den Turm hinauf. Damit wollen sie die Luke öffnen.“

„Das werden wir zu verhindern wissen. Schaltet den Babbel ein, auf dass er ihre Gehirnströme verwirre und sie sich untereinander nicht mehr verständigen können. Sie werden ihre wahre Sprache vergessen und gezwungen sein, eine neue zu entwickeln. Wenn wir das Gerät auch auf die anderen Länder anwenden, dann werden sich Kulturen bilden und sie werden Grenzen errichten, Zäune aufbauen, sich streiten und bekämpfen. Nur, wenn wir die Sklaven dazu bringen, sich untereinander zu bekämpfen, können wir siegen. Wenn sie zusammenhalten, werden wir die Verlierer sein.“

„Jehova, euer Einfall ist nahezu göttlich.“

Jehova und Marduk lachten und ließen die Waffe aktivieren. Sie sendete einen hochfrequenten Strahl aus, der die Menschen verwirrte. Diese ließen ihre Werkzeuge fallen und schauten sich irritiert um…

Nimrod erkannte den Ernst der Lage als er das Cherub sah und was ihre Waffe anrichtete. Seine Männer ließen die Werkzeuge fallen. Niemand war mehr gewillt, noch einen Stein auf den anderen zu setzen. Er rannte zu seinen Männern und versuchte sie anzusprechen, doch sie schienen ihn nicht zu verstehen. Sie schüttelten die Köpfe, zuckten mit den Schultern und antworteten in einer Sprache, die Nimrod noch nie zuvor vernommen hatte. Da verstand er die Wirkung der Waffe der falschen Götter. Die Verwirrung nahm Überhand und einige seiner eigenen Männer bekämpften sich mit Stöcken und Messern. Es gab Missverständnisse und Desorientierung. So dauerte es nicht lange, bis selbst seine besten Männer das Weite gesucht hatten.

Nimrod sank auf die Knie. Sicherlich würden die Menschen nun glauben, die Strafe der Götter habe sie getroffen, weil sie ungehorsam gewesen waren und sich gegen den Herrn aufzulehnen versucht hatten. Es war kaum auszudenken, was diese Tat der falschen Götter für Auswirkungen besitzen würde, aber eins stand fest, seine Männer verteilten sich bereits in alle vier Himmelsrichtungen und verschwanden.

Dann fiel Nimrod in den Staub. Sein Lebenswille verließ ihn an diesem Punkt. Alles, wofür er gekämpft und woran er geglaubt hatte, fand in einem mächtigen Streich der falschen Götter sein Ende. Welchen Sinn machte es jetzt noch, weiter zu leben?

Nimrods Augen schlossen sich und er verließ seinen Körper… Er jagte hinauf in den Himmel, schoss durch das Tor der Götter mühelos hindurch und schwebte durch das gewaltige Raumschiff. Zum ersten Mal sah er die Macht der falschen Götter und verstand, dass der Mensch einfach noch nicht weit genug war, um einer solchen Macht widerstehen zu können. Sein Volk würde für viele tausend Jahre versklavt werden und die Nachfahren würden es nicht einmal bemerken, wer ihre Vergangenheit derartig geformt hatte. Sie würden die Lehre der Götter für ihr Evangelium halten und nicht als einen Dienst betrachten, einen Dienst, den man als Untertan vollrichtet. Es gab für die falschen Götter nun einen Weg, zu ihren Sklaven zu kommen, indem sie Angst und Schrecken verbreiten. Ihre Worte basierten auf Drohung. Wer sich den Gesetzen widersetzte, wird fortan die Strafe der Götter fürchten.

Während Nimrods Geistkörper durch das Raumschiff schwebte, starb sein Körper im Staub der verstrahlten Erde.