Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Bewusstwerdung

(eine Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

 

Wie wundervoll du mich führst in dieser schönen Sommernacht. Wirfst mich umher und gleitest mit mir über das Parkett, als sei ich der einzige Engel dieser Nacht, der deine starken Arme spüren darf. Meine Augen öffnen sich nun und erblicken zuerst das schöne Mahl auf unserer Tafel, auf der wir stets genüsslich unsere Speisen zu uns zu nehmen pflegten. Mein Blick wird so manches Mal nur durch deinen eleganten, langen Mantel verschleiert. Die Kerzen auf der Tafel sind längst verloschen und Spinnenweben zieren nun die Teller und Schalen, aus denen wir einst lachend und glucksend das Obst ergriffen.

Unsere geliebten Freunde schweben sogleich mit in den Tanz hinein und wirbeln sich stolz in unseren Reigen. Maries Umhang streift mein Gesicht, doch dein Lieblingsparfüm mit Rosenduft hat sich nun verwandelt. Welch seltsamer Duft in meine Nase steigt, den ich doch nie vergessen wollte. Ich erinnere mich an deine zarten, rosafarbenen Hände, deine Brüste und deine Lippen, die mich einst in einer lauten Gewitternacht so heiß küssten während unsere Liebhaber mit verdreckten Stiefeln durch die Burgverliese irrten, doch nun sind deine Hände so hart und knöcherig geworden, deine Fingernägel gar verschwunden. Was ist nur geschehen mit dir, mein lieblicher Engel des Lichts? Was haben wir die ganze Zeit über nur getan? Es scheinen Jahrhunderte vergangen zu sein… Nur ein Blick in den Spiegel mag mir Aufschluss über unsere Taten dieser vielen Jahre geben. Haben wir nur ununterbrochen getanzt und an nichts anderes mehr gedacht? Ganz unbewusst und verloren in einer Burg fern der Zeit, die nur selten von Fremden ins Auge fährt. Wohin sind all die schönen Dinge nur hingegangen, die unsere Welt so verträumten?

Nun bewege mich doch zum Spiegel mein Geliebter, damit ich unseren wunderschönen Tanz verfolgen und sichten kann; lasse mich fühlen, wie rasant du mich führst. Doch dein Haar… es ist so seltsam lang und grau, dein Schädel ganz knöchern, ja, das sehe ich in dem Moment, als du im Spiegel kurz vor mir verweilst und mich zu drehen gedenkst. Jetzt aber wird der Blick in mein eigen Gesicht frei, mein Geliebter, und wir werden für ewig so weitertanzen, damit uns nicht die Unruhe ereilt, uns in ungeahnte Tiefen hinfort treibt, die uns trennen könnten und hoffentlich für ewig verschlossen bleiben. Liebe mich in dieser Sekunde, wenn ich mich erblicke und wie eine junge Göttin lächele, die nur von dir allein auf Händen getragen wird…

Mein Haar… es ist ganz strohig, zerzaust und alternd grau, meine mandelförmigen Augen mit leuchtendem Blau und gemeißelter Nase unvergesslich schön, meine roten Lippen und rosa Wangen sind einem knöchernem Schädel mit ausgehöhlten Augenräumen gewichen, der mich nun höhnisch angrinst, ohne mir eines Grinsens bewusst zu sein. Wie sehr fürchtete ich diesen Moment nach all diesen hunderten von Jahren, in der du mich so wundervoll führtest mit deinen unendlichen Versprechungen und Komplimenten, nur um diesen letzten Tanz mit mir genießen zu dürfen. Kein Trost, keine Wärme, keine Ziele mehr in dieser Welt. All dies verlor sich in unserem letzten Tanz, der all diese Jahrhunderte anhielt und ich mir meiner selbst erst jetzt bewusst werde.

Lasse mich noch ein letztes Mal deinen Moder schmecken und wieder sanft einschlafen, während du mich drehst und drehst und drehst…