Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Emily die Traumwandlerin

Teil 3

(Ein fantastischer Fortsetzungsroman von © Jonathan Dilas)

 

„Was machst du da?“, fragte Eric.

Emily hielt ein leuchtendes Gerät in der Hand und tippte darauf herum.

„Nichts.“

„Was ist das?“, bohrte Eric weiter.

„Das ist ein Smartphone.“

„Und was kann man damit machen? Solche magischen Werkzeuge aus eurer Welt funktionieren hier nicht…“

„Du meinst, es gibt keinen Strom hier? Also der Akku funktioniert noch. Hier, schau! Wie du siehst, kann ich damit noch was machen“, meinte Emily und hielt ihm das Gerät vor die Nase.

„Gut, es leuchtet noch, aber irgendwann wird es das nicht mehr tun. Die magische Kraft dieses Geräts lässt irgendwann nach, weil es aus eurer Stromwelt kommt.“

Emily lachte: „Um ehrlich zu sein, ich versuche ein GPS-Signal zu bekommen.“

„Was ist das für ein Signal? Hat das mit der Hexe zu tun? Kannst du damit ihren Standort bestimmen?“, wollte Eric wissen.

„Nicht wirklich! Ein GPS-Signal ist ein Signal, das mich über Satellit ortet und mir mitteilt, wo ich mich gerade genau befinde.“

Plötzlich lachte Eric laut los! Er drehte sich von ihr weg, damit Emily nicht sehen konnte, wie sich sein Gesicht verzerrte. Als Formwandler konnten unkontrollierte oder plötzliche Emotionen seine Erscheinungsform kurzzeitig beeinflussen und andere wiederum durchaus erschrecken.

„Warum lachst du so laut?“, fragte sie empört.

Nachdem sich Eric wieder unter Kontrolle hatte, schaute er wieder unter seiner Hutkrempe hervor und blickte in Emilys Augen:

„Du willst dich selbst orten? Du weißt doch, wo du bist!“, stammelte Eric in seinem Gelächter heraus.

Emily schaute verdutzt und lächelte verunsichert: „Was ist daran so witzig?“

„Weil du immer noch glaubst, wir befänden uns hier in deiner Welt. Sie sieht zwar sehr ähnlich aus, aber es ist trotzdem eine Nebenwelt. Eine Welt mit anderen Gesetzen. Wenn wir den magischen Ort erreichen, dann wirst du schon sehen, dass es diesen in eurer Welt nicht geben kann. Ebenso verhält es sich mit dem Schloss der Königin.“

„Da bin ich aber gespannt wie ein Flitzebogen!“

„Erinnere mich bloß nicht daran!“, entgegnete Eric und schaute wieder zum Horizont.

Eric erinnerte sich mit Schmerzen daran, wie der Pfeil der Hexe ihn bald tödlich vergiftet hatte. Wenn es ihm nicht gelungen wäre, die Wirkung des Giftes zu verlangsamen, indem er sich in eine Echse verwandelt hatte, würde die Reise schon längst ihr Ende gefunden haben.

Sie erreichte einen Hügel, den sie mit flinken Schritten erklommen. Oben angekommen präsentierte sich eine wunderschöne Aussicht für die beiden. Vor ihnen lag ein kleines Tal mit einem kleinen See in der Mitte, der mit Steinen umsäumt war. Auf der linken Seite des Teiches gab es einen Steinkreis, der in der Mitte einen seltsamen Aufbau wiederum aus Steinen besaß. Es waren mehrere aufrecht gestellte, säulenförmige Steine, die im Halbkreis aufgebaut waren. Weitere solcher Steine lagen auf den Säulen und verbanden sie miteinander. Auf der Wasseroberfläche des kleinen Sees trieb ein seltsamer Nebel, begleitet von einem mysteriösen, hellblauen Leuchten.

„Ich glaube nicht, was ich da sehe!“, staunte Emily.

„In der Tat! Dies ist der magische Ort! Wir haben es geschafft! Und so gefährlich das auch mit dem vergifteten Pfeil gewesen sein mag, so hat es uns letzten Endes doch einen Vorteil verschafft, denn Arnaka glaubt, dass wir mit der Suche aufhören mussten.“

Emily nickte, selbst wenn sie mit Trauer an diese unangenehme Situation zurückdachte, so hatte die Begegnung mit dem Tod für Emily die Auswirkung, dass ihr Misstrauen und Hass Eric gegenüber verschwunden waren. Es war für sie nicht einfach gewesen, einem Formwandler zu vertrauen, der sich wie ein Chamäleon jeder Situation und sogar jedem Aussehen anpassen konnte. Seine dunkle Gestalt und sein ins Gesicht gezogener Hut unterstrichen das düstere Bild eines nicht sonderlich vertrauenswürdigen Mannes umso mehr. Sie konnte sich keinen Vorwurf machen, auch wenn sie hier mit Klischees zu kämpfen hatte, die ihr im Laufe ihres Lebens als negativ vermittelt worden waren, so wie der dunkle Mann, der mit Hut und einer Tüte Bonbons versucht, Kinder in den Wald zu locken. Eric war eben auf seine Weise speziell und aufgrund seiner Erscheinung unberechenbar, so unberechenbar, wie seine unkontrollierten Verwandlungen in gewissen Stresssituationen.

„Wir haben es geschafft! Wir sind endlich angekommen!“, triumphierte Eric und stiefelte auch schon los in Richtung Steinkreis. Emily stolperte hinterher, um mit Eric Schritt zu halten. Nur noch wenige hunderte Meter und sie waren endlich an dem geheimnisvollen Ort angekommen, an dem es möglich war, in die Träume der Königin einzudringen, damit sie von der bösen Hexe befreit werden konnte.

Noch immer stand ihr das Staunen im Gesicht bei diesem wunderschönen Ort. Er war geradezu überirdisch und sie konnte Erics Worte nun verstehen, als er gemeint hatte, dass sie sich tatsächlich nicht mehr in ihrer vertrauten Welt befindet.

„Es… es ist wunderschön hier!“, flüsterte Emily erhaben, als sie endlich vor dem Steinkreis standen. „Wer hat diesen Ort erbaut?“

Eric lehnte gegen einen der aufrecht gestellten Steine und blickte auf den See hinaus:

„Das waren die Schöpfer…“

„Und wer sind die Schöpfer?“

„Sie sind die All-Einen, die, die es geschafft haben, alles in sich zu vereinen und das Weltall mit all seinen Kreaturen geschaffen haben…“, erklärte Eric stolz und mit angeschwollener Brust.

„Du meinst Gott?“

„Nein, den meine ich nicht! Euer Gott aus eurem dunklen Buch ist nicht der All-Eine, sondern nur jemand, den ihr für den All-einen gehalten habt!“

„Du meinst, er war ein Schwindler? Du glaubst, unsere ganze Welt glaubt seit tausenden von Jahren an einen Schwindler?“, rief Emily empört.

„Also, den Begriff hast du jetzt gewählt…“, entgegnete Eric und lachte wieder laut. „Euer Gott, der in eurem großen Buch erwähnt wird, ist eine Person aus Fleisch und Blut, so wie du und ich. Er ist einst aus einer anderen Welt in die eure gekommen und hat eure Entwicklung als Mensch beschleunigt. So besaß er die unerklärliche Macht, Ein Tier und ein Mensch zu nehmen und sie miteinander zu vermischen. Sie sind auf eurem Planeten umhergewandelt und heute existieren sie nur noch in euren Geschichten. Früher haben sie tatsächlich existiert! Euer Gott hat auch Tiere genommen und sie vermischt, dabei entstanden die verrücktesten Wesen wie fliegende Pferde, Ziegen mit Pferdeköpfen und einem Horn auf der Nase oder Löwen mit Flügeln… Seine Magie war viel größer als eure Magie es heute ist. In seinem Besitz befanden sich riesige Flugmaschinen und geheime Elixiere, mit denen er dies alles bewerkstelligen konnte. Und was macht ihr? Ihr schreibt ein Buch über ihn und verteilt es in der ganzen Welt. Es ist euer bekanntestes Buch und niemand hat es jemals verstanden! Dabei ist es so einfach zu verstehen.“

Emily dachte über seine Worte nach, aber konnte sich einfach nicht vorstellen, dass auch nur ein Wort von dem stimmte, was er von sich gab. Mit Sicherheit erlaubte er sich einen Spaß oder wollte sie nur wieder ärgern.

„Warum ärgerst du mich die ganze Zeit, setzt mich blöden Situationen aus, erzählst mir verrückte Sachen, die nicht stimmen oder aber bist immer irgendwie auf Streit aus? Ich möchte einmal nur den Sinn all dessen begreifen!“

„Wenn ich dich ärgere, dann nur, weil ich will, dass du lernst, dich nicht mehr ärgern zu lassen, und wenn ich mit dir streite, dann nur, weil ich deutlich erkennen kann, dass du nur in dir wachsen und zu einer wundervollen Persönlichkeit werden kannst, sobald du bestimmte Steine, die dir den Weg blockieren, aus dem Wege räumen kannst“, erklärte sich Eric ganz zur Überraschung von Emily. Sie hatte geglaubt, er würde nur wieder abwinken und überhaupt nicht auf ihre Fragen eingehen.

„Dann ist diese ganze Dramatik manchmal von dir nur gespielt?“

„Das ist richtig. Es gibt keinen Moment, in dem ich nicht weiß, was ich tue. Ergänzend muss ich hinzufügen“, und an dieser Stelle schob er seinen Hut nach oben, bis die Krempe seinen Nacken berührte, „dass es mir manchmal ungeheuren Spaß macht, so zu sein, wie du meinst, dass ich es wäre. Es macht mir auch nichts, mich dabei zum Narren zu machen.“

„Ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll“, gab Emily zu bedenken.

„Natürlich findest du das nicht gut, weil du dazu erzogen wurdest, nur Spaß zu haben und jedem Problem aus dem Weg zu gehen, an dem du persönlich wachsen könntest. So beendest du Freundschaften einfach, weil du nicht willst, dass man dir zu nahe kommt. Das wiegt dich in Sicherheit und macht dich stark. Doch deine Stärke basiert nur auf einer Illusion, die auf deinen Gedanken aufbaut, aber nicht auf Erfahrungen.“

„Trotzdem kann ich nicht glauben, dass Gott ein Schwindler war. Warum sollte er das getan haben?“

„Das ist mir nicht bekannt. Jedenfalls lag ihm viel daran, und dies haben mir einige Naturwesen mitgeteilt, sehr viel Material von eurer Welt in seine zu transportieren. Aus dem Grund hatte er diese riesigen Flugmaschinen mitgebracht. In diese passte allerhand Zeug hinein, wie mir berichtet wurde.“

Nun stockte Emily der Atem. Mit einem Schreck schoss ihr die Frage ins Bewusstsein, ob Eric mit Wesen bekannt war, die bereits so alt waren, dass sie Gott persönlich getroffen hatten.

Eric grinste von Ohr zu Ohr, als er ihre Gedanken aus ihrem Gesicht lesen konnte.

„Lass uns ein anderes Mal darüber reden, Emily. Wir müssen nun eine große Aufgabe bewältigen! Du wirst in diesen famosen Steinkreis eintreten und unter meiner Führung werde ich dich in die Träume der Königin führen, auf dass du sie von ihrem Fluch und dem negativen Einfluss der Hexe befreist.“

Nachdenklich nickte Emily. Eigentlich war sie überhaupt noch nicht bereit, diesen großen Schritt zu unternehmen. Was sollte sie in den Träumen der Königin bewirken? Soll sie dort die Hexe verdreschen oder sie im tiefen Unterbewusstsein suchen, um diverse Spinnweben einer verrückt gewordenen Hexe zu entfernen? Es war ihr nicht wirklich deutlich, was sie nun zu tun hatte.

Emily schluckte: „Was soll ich denn tun?“

„Du brauchst keine Angst zu haben. Lege dich in diesen Steinkreis, ordne dein Haar und nehme die Hände hoch, sodass sie neben deinem Kopf liegen. Es ist wichtig, dass du dich dem Moment und der Kraft in deinem inneren hingibst. Versuche, nichts zu kontrollieren oder Einfluss auszuüben. Lasse es geschehen und gib dich einfach nur hin. Dann sagst du dir immer wieder, dass du zur Königin gebracht werden willst. Wiederhole es, ohne auch nur einmal damit aufzuhören! Mache es immer wieder, solange, bis du zur Königin gebracht wirst.“

„Woran bemerke ich, dass ich in den Träumen der Königin bin?“, fragte Emily noch immer ziemlich verunsichert und legte sich mit wackligen Knien in den Steinkreis, die Haare zu den Seiten ausgebreitet und die Hände mit den Handflächen nach oben neben ihren Kopf gelegt.

„Das ist ganz einfach! Alles um dich herum wird Rot. Danach erfährst du das Gefühl, getragen zu werden. Nach ein bis zwei Minuten wirst du in ihren Träumen angekommen sein. Pass auf, dass du dort bleibst und nicht wieder zurückschnellst. Konzentriere dich sofort auf die Umgebung um dich her und denke nicht darüber nach, wo du wirklich hergekommen bist. Denke auch nicht darüber nach, wie du heißt oder wer oder was ich bin. Konzentriere dich ganz allein auf die Königin. Ich werde hier draußen auf dich warten und deinen Körper beschützen.“

Nun erblickte sie Erics Kopf über ihr, der sich zwischen ihr und dem wunderschönen blauen Himmel geschoben hatte.

„Pass genau auf! Gib dich der Situation hin! Versuche nicht, gegen etwas anzukämpfen. Sei bereit!“

„Eric… ich weiß nicht… ich habe langsam richtig Angst! Ich glaube nicht, dass ich dem gewachsen bin! Überhaupt habe ich nicht die geringste Ahnung, wo mich das alles hinbringen wird. Außerdem habe ich keine Vorstellung darüber, was ich zu tun habe. Kannst du das nicht für mich erledigen? Ich gebe dir gern meine Fähigkeit als Traumwandlerin! Ich schenke sie dir, damit du zur Königin…“

In diesem Augenblick verschwand alles, was soeben noch existiert hatte. Der Himmel über ihr, Erics Gesicht, der Steinkreis, die sanfte Brise, die über die Wiesen gehuscht war, waren verschwunden und diesen wich mittlerweile eine lausige Kälte. Als sie ihre Augen öffnete, sah sie ihren Atem, der sich bei jedem Atemzug bildete.

„Wie kann ich hier atmen? Das ist ein Traum! Da stimmt was nicht! Eric hat was falsch gemacht! Und warum habe ich so schnell gewechselt? Eeeeeerrrrriiiiiicccccccc, hilf miiiir!“

*

Ihre Stimme hallte zurück, als würde sie von nahestehenden Wänden zurückgeworfen werden. Es war dunkel um sie her und unter äußerster Anstrengung konnte sie einschätzen, dass sie sich in einer Art unterirdischem Gewölbe befand. Wo war sie hier gelandet? War dies wirklich ein Traum oder hatte sich die Hexe eingemischt und sie bereits abgefangen?

„Verdammt nochmal!“, fluchte Emily, die sich nun vor Kälte ihre Oberarme rieb und immer wieder in die Handinnenflächen hauchte, damit ihr warm wurde, „wo hat mich dieser Idiot jetzt schon wieder hingebracht? Ich stehe hier mutterseelenallein in der Kälte, an einem Ort, der den Eindruck erweckt, als wäre er selbst von der Hölle vergessen worden und das Schlimme an dem Ganzen ist, dass ich nicht weiß, wo ich hier überhaupt bin!“

Nun tastete sich Emily langsam zu den Umrissen einer Mauer, die sie links von sich erblickt hatte. Als sie an der Mauer ankam und sie berührte, zog sie ihre Hand schnell wieder zurück. Sie war dermaßen kalt, dass sie bereits klebrig wirkte. Hätte sie ihre Hand länger dort behalten, wäre sie an die Mauer angefroren. Wie sehr wünschte sie es sich, sofort wieder zurück zu dem Steinkreis zu gelangen, dort, wo es warm, angenehm und schön war. Worauf hatte sie sich nur wieder eingelassen? Zuerst war sie einem fremden Mann gefolgt, hatte ihre Eltern im Stich gelassen, sich mit dem Mann angefreundet, um sein Leben gebangt, als er von einem Giftpfeil getroffen wurde, mit Nymphen gesprochen und nun hing sie in einem dunklen, kalten Verließ einer vergessenen Burg.

„Habe ich gerade Burg gedacht?“, fragte Emily sich selbst.

Wie war sie auf den Gedanken gekommen, dass es sich hier um eine Burg handeln könnte? Es könnte auch ein unterirdischer Gang oder ein altes, verfallenes Gebäude sein.

Plötzlich erblickte sie eine Nische in der Mauer. Schnellen Schrittes eilte sie dorthin, in der Hoffnung, einen Ausgang gefunden zu haben. Tatsächlich! Sie stand nun vor einer alten Holztür. Sofort suchte sie nach der Türklinke, aber alles, was sie entdecken konnte, war ein Ring aus Eisen, an dem man ziehen konnte. Wie wild drückte und zog sie an dem Ring, aber sie schien verschlossen.

„Verdammt! Wo bin ich hier?“

Plötzlich hörte sie Schritte. Hinter der Tür schien sich ein Gang zu befinden. Endlich nahte Rettung! Emily war überglücklich: „Vielleicht ist es dieser Formwandler… Ernst oder Erich oder wie er hieß, und wird mich nun aus diesem grauenhaften Drecksloch befreien!“

Die Schritte endeten genau vor der Tür auf der anderen Seite. Emily legte ihr bezauberndes Lächeln auf, um den Formwandler zu begrüßen und sich bei ihm zu bedanken, als jemand eine kleine Klappe in der Holztür öffnete.

„Hallo Emily, da bist du ja! Wir haben dich schon erwartet!“

Und Emilys Lächeln verlor sich wie ein Eiskristall in der alles schmelzenden Sonne, denn sie blickte direkt in das Gesicht der Hexe Arnaka.