Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Emily die Traumwandlerin

Teil 4

(Ein fantastischer Fortsetzungsroman von © Jonathan Dilas)

 

Die Kreatur war hier! Er konnte sie nun atmen hören, ein röchelndes, klapperndes Geräusch verhieß eine enorme Größe und der faulige Atem zog sich bereits wie ein bleiernder Nebel durch die verlassenen Gänge dieses alten Bergstollens. Die Bergzwerge hatten ihre Arbeiten an diesem Stollen schon vor langer Zeit eingestellt und die Knochen, auf denen Zadig gerade unvorsichtig herumgetrampelt war, durften mit Sicherheit ein Zeugnis dieser furchterregenden Entdeckung der Bergzwerge gewesen sein. Wie viele von den fleißigen Arbeitern mochte sie mit ihrem gefräßigen Maul gepackt und verschlungen haben, nur um Minuten später laut rülpsend ihre blankgeleckten Überbleibsel auszuspucken? Zadigs Informant hatte ihn darüber aufgeklärt, dass diese Kreatur der Wächter des Blutes eines uralten Drachens sei, der vor tausend Jahren in diesem Berg zu seiner endgültigen Ruhe gefunden hatte. Dies hatten die Zwerge nicht wissen können, als sie mit ihren Grabungen begonnen hatten und wurden auf das Tödlichste überrascht. Kopfüber waren sie geflohen, doch nur die wenigsten entkamen. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, hätte Zadig normalerweise für einige Augenblicke die Zeit angehalten, wäre daraufhin bis zum Ende der Stollens gerannt, mit einem breiten Grinsen das Drachenblut an sich genommen, längst erfolgreich von dannen gezogen und die unheimliche Kreatur mit Verwunderung in den Augen zurückgelassen haben, doch das Schicksal hatte andere Pläne mit ihm, denn es war noch keine zwölf Stunden her, als Zadig auf der Insel Goldar vor dem Rat der Zauberer stand und seiner magischen Kräfte beraubt worden war. Dabei hatte er nur versucht, den Rat davon zu überzeugen, dass sich ein böser Zauberer unter ihnen befand, der sie von innen heraus zu infiltrieren versuchte, um seine dunklen Pläne durchzusetzen.

Die weisen Zauberer hatten dies jedoch leider als ein Versuch gedeutet, Misstrauen im Rat zu sähen und ehe er sich versah, wurden Zadig und seine beiden treuen Gefährten ihrer Kräfte beraubt und von der Insel Goldar verbannt. Nun verblieb der Rat, der Einfluss auf sämtliche Länder besaß, verblendet und nichtsahnend zurück. Die Auswirkungen dieses dunklen Einflusses würden allen Ländern schaden. Aus dem Grund gab es für Zadig nur eine Möglichkeit, nämlich seine Kräfte mithilfe des Drachenblutes zurückzugewinnen, seinen Elfenring zu reaktivieren und auf eigene Faust den bösen Zauberer und dessen globalen Einfluss zu beweisen. Leider war es absolut nicht geplant gewesen, mit unangemessener Lautstärke in die Knochen der armen Opfer dieser gefräßigen Kreatur zu treten. Eigentlich, so musste Zadig nun vor sich selbst eingestehen, besaß er überhaupt keinen ausgeklügelten oder erfolgversprechenden Plan. Wieder einmal hatte er sich allzu sehr auf seine Intuition und spontanen Ideenreichtum verlassen, um an das ersehnte Blut zu gelangen. Nicht einmal durfte er sich sicher sein, dass ihm das Drachenblut die Wiedergewinnung seiner Fähigkeiten bescherte, immerhin war dies nur eine Information, die er sich in seiner bloßen Verzweiflung für zwei Goldstücke hatte erkaufen können.

Während die Zweifel an seinem Gemüt nagten und er vorsichtig und möglichst lautlos einen Schritt vor den anderen setzte, kramte er in seinen Taschen herum, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, das seinen Plan ein wenig konstruktiver erscheinen ließe.

Plötzlich vernahm Zadig das bedrohliche Knurren dieser grauenhaften Kreatur, die sich nun offensichtlich keine 20 Meter von ihm entfernt befinden dürfte. Ekelerregend stieß ihm der verfaulte Atem entgegen, dass er sich geschwind den Kragen seiner Jacke vor die Nase hielt, um ihn nicht in seiner ganzen Fülle einatmen zu müssen, während der aufgewirbelte Staub winzige Leuchtfunken in die Luft trieb, die sich nur im Schein der Fackeln spiegelten, die die Zwerge hinterlassen hatten und sich wie durch einen magischen Zauber stets selbst entzündeten, sobald man in ihre Nähe gelangte.

Wenn sich diese Kreatur nun unmittelbar vor ihm befand, musste er einen Gang finden, um sie zu umgehen. Doch so weit er sich orientieren konnte, gab es keine Abzweigung, die er hätte nutzen können. Eigentlich lief er in einer direkten Geraden auf einen Kreuzungspunkt zu, an dem sich diese Bestie offensichtlich befand. Zwar besaß Zadig das Glück, dass dieses unheilvolle Wesen seinen Standort verraten hatte, aber in einer direkten Begegnung war er mit Gewissheit der Unterlegene. So schnell würde er gar nicht schreien können, wie dieses Ungeheuer seinen Kopf abgebissen und zufrieden hinuntergeschluckt hätte. Seine letzte Erinnerung aus diesem Leben wäre dann höchstens sein blankes Entsetzen gewesen, das sich auf seinem Gesicht abgezeichnet und sich in den Augen der Kreatur gespiegelt hätte.

Kaum hatte er diesen Gedanken bereits leicht fröstelnd zu Ende gedacht, sprang die Kreatur fauchend in den Gang hinein, in dem sich Zadig gerade befand. Im Lichtschein der Fackeln erblickte er ihr Aussehen: Sie war dunkelbraun und von deformierter Statur. Ihr Kopf war überdimensional groß, das gefräßige Maul geiferte und lechzte nach frischem Fleisch und sei es auch nur das eines schmächtigen Mannes, wie es Zadig war! Mit einem lauten Schrei wandte er sich panikerfüllt um und rannte den gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Hinter ihm spürte er, wie die schreckliche Kreatur sabbernd auf seiner Fährte war und voller Entsetzen suchte Zadig nach einem Ausweg. Dieser Plan mit dem verdammten Drachenblut war der Schlechteste, der ihm jemals eingefallen war, dachte er noch, während er wieder orientierungslos über die Knochen trampelte, sodass sie fürchterlich knirschten und knackten und schloss gleichzeitig innerlich bereits mit seinem Leben ab. Doch nachdem er keine drei Meter in die Knochen gelaufen war, fiel er im nächsten Augenblick unvermittelt in die Tiefe. Der Boden hatte unter ihm nachgegeben und es ging direkt einen Stollengang weiter nach unten. Wenige Augenblicke später verlor er sein Bewusstsein und das letzte, was er erblickte, war die sabbernde Kreatur am Rande des Loches, durch das er gefallen war.

*

Die Stille bohrte sich wie eine Pfeilspitze in Leonoras Kopf. Sie wusste nicht, wie lang sie bereits in diesem Bergwerk umhergelaufen war, aber eins war gewiss, dass sie es nicht eher verlassen würde, bis sie das magische Artefakt gefunden hatte, von dem ihr in einer zwielichtigen Spelunke in Lemar berichtet worden war. Diese dunklen Gassen gefielen ihr ebenso wenig wie diese unübersichtlichen Stollengänge. Die magischen Fackeln verliehen ihr etwas mehr Sicherheit und Geborgenheit, andernfalls hätte sie sich gewiss verlaufen. Der Händler hatte ihr erklärt, dass sie nach einem steinernen Gesicht suchen solle. Im Mund dieses Gesichtes würde sich ein Hebel verbergen, der bei Betätigung eine Kammer öffnete und sie sodann zum Artefakt führen würde. Sie musste dieses Artefakt um jeden Preis finden, denn derjenige, der es benutzte, so hieß es, würde augenblicklich von jedem Leiden befreit. Dabei war es völlig gleichgültig, worunter die Person litt, das Artefakt würde es sofort heilen. Leonora war darum auf das Äußerste gespannt und vor allem sicher entschlossen, es bald persönlich in den Händen zu halten. Es verhielt sich nicht so, dass Leonora unter einer unheilbaren Krankheit litt, aber vor genau drei Tagen war sie ohne jede Erinnerung vor den Toren Lemars erwacht. Selbst ihren wirklichen Namen konnte sie nicht mehr erinnern und hatte sich kurzerhand für Leonora entschieden, um im Kontakt zu anderen Menschen in keinster Weise zurückgeblieben zu erscheinen. Doch zurückgeblieben war Leonora in keinem Fall, denn sie besaß das intuitive Wissen, für eine unglaubliche Tat ins Leben getreten zu sein, nur hatten ihre Widersacher auf eine bisher unbekannte Art und Weise offensichtlich ihr Gedächtnis gelöscht. Wie unvorteilhaft doch das fehlende Wissen darüber war, sich nicht an seine Freunde und nicht einmal mehr an seine Feinde zu erinnern. Darum war die Hoffnung groß, dass ihr dieses Artefakt das Gedächtnis zurückgeben würde.

Deutlich konnte sie erkennen, dass der Gang in zwanzig Metern sein Ende finden würde. Sie war gespannt, was dort auf sie wartete. Ein schwaches, grünliches Licht nahm sie bereits wahr. Doch ehe sie zum Gangende gelangen konnte, wurde die Stille durch ein seltsames Grollen unterbrochen, auf das ein lauter Schrei und ein mächtiges Getöse folgte. Sie riss ihren Kopf in den Nacken und blickte zur Decke des Stollenganges, der an dieser Stelle erstaunlicherweise über sechs Meter hoch zu sein schien. Offensichtlich war der Spuk mit dem Schrei nicht beendet, denn plötzlich brach über ihr die Decke ein und ein Mann fiel von oben herab! Für einen Augenblick wusste Leonora nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Fiele der Unbekannte einfach zu Boden und starb, musste sie das Artefakt mit niemanden teilen, doch auf der anderen Seite hatte sie plötzlich den starken Impuls, dem Fremden dennoch zu helfen, der so unangekündigt durch die Decke fiel! So sprintete sie los und machte sich bereit, den Fremden, der bereits bewusstlos zu Boden raste, aufzufangen.

Leonora streckte ihre Arme aus und fing ihn mehr schlecht als recht auf. Natürlich entglitt er ihren Armen, aber ihr Rettungsersuch hatte den Sturz schon einmal gebremst. Doch hatte Leonora nicht die Steine mit einkalkuliert, die zusätzlich von der Decke fielen und einer der dickeren Brocken erwischte sie am Hinterkopf. Sofort wurde ihr schwindelig und sie taumelte nach vorn, stolperte über den fremden Mann, der bewusstlos am Boden lag, und fiel der Länge nach hin. Wenige Augenblicke später wurde es dunkel um sie her.

*

Langsam kam Zadig wieder zu sich. Sein erster Blick galt sofort dem Loch in der Decke und der übel riechenden Kreatur, die gerade noch sabbernd zu ihm heruntergeblickt hatte, doch sie war spurlos verschwunden. Vermutlich hatte sie angenommen, dass er bei dem Sturz ums Leben gekommen war und setzte ihre Jagd anderenorts fort. So fühlte Zadig in seinen Körper hinein, ob er sich etwas gebrochen oder verstaucht hatte, aber zu seiner Überraschung ging es ihm gut, nur sein Rücken schmerzte ein wenig. Mehr als eine Prellung hatte er sich offensichtlich nicht zugezogen.

Nun tastete er nach einer Waffe oder zumindest einen Stock, um sich verteidigen zu können, doch er konnte nichts finden. Das einzige, was er fühlte, war das lange Haar einer Leiche, die sicherlich ebenfalls auf das Konto der Bestie zu verbuchen war. Doch erstaunlicherweise fühlte er nun das Gesicht der Leiche, es war warm und es schien noch Leben darin zu stecken. So richtete Zadig sich auf und entdeckte eine Frau, die bewusstlos neben ihm lag. Was hatte es nur mit dieser Frau auf sich? Wer war sie?

Dann nahm er sich eine der Fackeln, die an der Wand ihr Dasein fristete. Nun konnte er die Umgebung ausleuchten und sich die Fremde genauer anschauen. Als er die Fackel über sie hielt, bekam Zadig einen Schreck! Zuerst nahm er nur eine am Boden liegende Frau wahr, die sich aber überraschenderweise für winzige Augenblicke in ein engelhaftes Wesen verwandelte, dessen bezaubernder Anblick ihm augenblicklich den Atem raubte. Dieses faszinierende Wesen richtete sich in vollster Schönheit und in purem Glanz auf, umsäumt mit einer silbernen Aura, die sich um ihren Körper gezogen hatte und ihre funkelnden wunderschönen Augen bohrten sich direkt in Zadigs Hirn. Er war dermaßen perplex in dem Moment, dass er sich nicht rühren konnte und sich stocksteif der Vision hingab, die sein komplettes Sein erfüllte. Dieser Engel blickte ihn nun direkt an und öffnete den Mund, als wollte sie ihm etwas mitteilen. Leider sah er nur die Bewegungen ihrer Lippen.

Doch so schnell diese Vision aufgetaucht war, so schnell verschwand sie wieder und er fand nur eine normale Frau am Boden des Stollenganges. Zadig war noch immer von dieser Wahrnehmung irritiert und konnte sich nicht erklären, was dies nun zu bedeuten hatte. Stand dieses engelhafte Wesen etwa mit dieser Frau in Verbindung? Was wollte diese Frau hier und war sie gekommen, um das Drachenblut für sich zu beanspruchen? Somit würden sie Gegner sein und mussten um das Drachenblut kämpfen!

Er beugte sich zu der Frau hinunter und rüttelte an ihrer Schulter: „Wacht auf!“, rief er. „Wacht auf!“

Langsam richtete sie sich auf und hielt sich ihren Kopf: „Bei den Göttern, mein Kopf dröhnt gewaltig!“

„Wer seid Ihr?“, fragte Zadig neugierig.

„Mein Name ist Leonora. Du bist durch das Loch in der Decke gefallen und ich habe versucht, dich aufzufangen.“

„Oh, habt Dank! Nun weiß ich, warum ich mir nichts gebrochen habe. In dem Durcheinander und auf der Flucht vor der schrecklichen Bestie habe ich Euren beherzten Einsatz völlig verpasst.“

Irgendwie gewann Zadig den Eindruck, es mit einer höher gestellten Persönlichkeit zu tun haben. Vielleicht war sie eine Prinzessin oder eine wohlhabende Frau aus dem Norden. Sicherheitshalber sprach er sie darum so förmlich an.

„Ich würde vielmehr behaupten, dass du nicht durch den Sturz, sondern den Schreck in Ohnmacht gefallen bist! Das klingt mir jedenfalls nicht nach einem Held, den ich gerettet habe“, bemerkte Leonora scherzhaft. „Aber bevor wir uns in Details verlieren, sag mir, wer bist du?“

„Mein Name ist Zadig, ich bin einer der wenigen Menschen, die vom großen Rat der Zauberer der Insel Goldar dazu auserkoren wurde, ein Lehrling der Magie zu sein und dem es tatsächlich gelungen ist, einen Elfenring zu erlangen. Diese Auszeichnung ist für mich von größter Bedeutung, denn als Mensch auf der Insel Goldar zum Zauberer ausgebildet zu werden ist eine große Ehre!“

„Das kann ich mir gut vorstellen!“, entgegnete Leonora und erhob sich schwerfällig. „Was willst du denn hier, großer Zauberer? Und warum hast du deine Magie nicht eingesetzt, als du durch die Decke gefallen bist?“

„Ich habe nur mit einer überaus schrecklichen Kreatur gekämpft, einer wahren Bestie, die durch die Stollengänge hetzt und etwas zu bewachen scheint. Ich war zu sehr abgelenkt, als dass ich so schnell reagieren konnte“, flunkerte Zadig spontan. Er wollte ihr gegenüber nicht schwach erscheinen.

„Dann bewacht diese Bestie das Artefakt!“, rutschte es Leonora spontan heraus.

„Das Artefakt? Ich habe gehört, es sei eine Ampulle voller Drachenblut, die sich hier in dem alten Bergwerk befinden soll.“

„Drachenblut? Was sollte man damit anfangen können? Unsterblichkeit? Magie?“, wollte Leonora wissen. „Ich glaube, dass es vielmehr ein Artefakt ist, ein Objekt von den Sternen, das einst auf unsere Welt fiel. Von wem hast du diese Information?“

„Magie erhoffe ich mir, das muss ich aufrichtig zugeben, dass es sich um Drachenblut handelte, das erklärte mir ein Informant in Lemar.“

„Haha“, lachte Leonora laut auf, „mir erzählte es ebenfalls ein Handelsreisender in Lemar. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es die gleiche Person war! Es fragt sich nur, wer war er und warum gab er uns unterschiedliche Hinweise?“

„Vielleicht wusste er nicht, um was es sich bei diesem Gegenstand tatsächlich handelte“, vermutete Zadig.

„Wer immer er auch sein mag, wir werden zuerst das Artefakt finden müssen. Danach können wir uns um diesen seltsamen Informanten kümmern!“, beschloss Leonora und blickte den Stollengang hinunter zum grünen Licht.

„Gut, dann lasset uns gehen! Doch nehmt Euch in Acht vor dieser grauenvollen Bestie. Sie ist sehr schnell, gewandt und höchst fürchterlich anzusehen. Sie könnte uns in wenigen Augenblicken zerfleischen und dann können sich unsere Knochen zu diesen hier gesellen“, erklärte Zadig und wies auf Teile eines vermoderten Skeletts, das sich unweit ihrer Füße befand.

Leonora nickte und ging los. Nun liefen sie gemeinsam den Stollenweg entlang. Die Wände waren sehr gut herausgearbeitet worden und an manchen Stellen funkelten Kohle und Katzengold in verführerischen Farben hervor. Am Ende des Ganges trat jedoch etwas für ihre Augen in Erscheinung, das sie kaum fassen konnten! Eine gewaltige Höhle mit einer Decke, die hundert Meter nach oben reichte. Sie war in ein wunderschönes Grün getaucht, ohne, dass man auf Anhieb erkennen konnte, woher sie ihr bezauberndes Licht bezog. Die Höhle erstreckte sich mehrere hundert Meter in die Länge und wies sogar einen kleinen See in einem Krater auf und von dem leichter Nebel aufzusteigen schien. Von den Decken hingen gewaltige Tropfsteine herab und vervollkommneten die Atmosphäre in höchster Perfektion. Dieser Anblick war derartig atemberaubend, das sie für Minuten mit offenen Mündern staunend dastanden und die Zeit vergaßen.

Leonora unterbrach irgendwann die Stille und murmelte nachdenklich vor sich hin: „Es ist unfassbar! Was ist das für eine wunderschöne Höhle!“

„Ich hörte einst von Bergzwergen, die in Stollengängen und Minen arbeiteten, aber eine solche Höhle entdeckten sie nur in den seltensten Fällen und wenn, dann haben sie sie nach Schätzen durchsucht und diese fortgebracht.“

„Es sei denn“, warf Leonora ein, „sie wurden daran gehindert! Beispielsweise durch eine Bestie, die jemand hier ausgesetzt hatte, um etwas ganz Bestimmtes zu schützen! Lass uns also möglichst schnell den Hebel finden, damit wir an das Artefakt kommen!“

Plötzlich vernahmen sie ein fürchterliches Grollen hinter sich! Dies verhieß nichts Gutes! Die Bestie war nach erfolgloser Jagd höchstwahrscheinlich durch das Loch gesprungen!

„Lauf!“, schrie Zadig und rannte mit seinen flinken Beinen auf den See zu. Seine Idee war es, dass er dort ins Wasser springen würde, um die Bestie somit auf Abstand zu halten. Die Kreatur hechtete aus dem Stollengang heraus und erblickte den flüchtenden Zadig und nahm sofort seine Spur auf. Der Geifer floss aus dem gierigen Maul der Bestie und ihr Brüllen war ohrenbetäubend laut, während es endlos von den Höhlenwänden widerhallte.

Leonora hatte sich hingegen einfach mit wenigen Schritten zur Seite bewegt und ihren Rücken gegen die Höhlenwand gedrückt, sodass sie von der Kreatur vom Stollenausgang aus nicht mehr gesehen werden konnte. Die Bestie war somit einfach an ihr vorbeigelaufen. Zadig hatte bereits genügend Aufmerksamkeit mit seinem Verhalten auf sich gezogen, dachte sie, und beobachtete nun das Schauspiel.

„Wie praktisch wäre es nun, einen Bogen zu besitzen!“, murmelte Leonora.

Doch irgendwie tat er ihr gleich wieder leid, wie er verzweifelt versuchte, zum See zu gelangen und darauf zu hoffen, dass die Bestie wasserscheu sei und ihn dort in Ruhe ließe. „Diese Zauberer! Wenn es darum geht, ihre Kräfte einzusetzen, dann denken sie entweder nicht daran oder sie stehen ihnen gerade aus irgendwelchen Gründen nicht zur Verfügung“, dachte sie und schüttelte mit dem Kopf. Sie musste sich demnach etwas einfallen lassen. Somit lief sie auf einem Umweg zum See und hielt nach irgendetwas Ausschau, das ihr vielleicht im Kampf gegen die Bestie Unterstützung liefern konnte.

*

Zadig rannte wie ein Verrückter zum See und er spürte die Bestie wieder einmal im Nacken. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er betete zu den Göttern, dass er es bis zum See schaffen würde. Nach wenigen Augenblicken kam er endlich an und sprang mit einem großen Satz ins Wasser und schwamm direkt zur Mitte. Dort angekommen drehte er sich fiebernd um und hoffte, dass die Bestie ihm nicht folgen würde. Tatsächlich verharrte sie am Rand und fletschte ihre blanken Zähne. Daraufhin fauchte sie zornig und scharrte mit seinen Tatzen wie ein Pferd mit den Hufen. Sie sah wirklich furchterregend aus, wie Zadig nun deutlicher denn je erkannte.

Doch plötzlich spürte Zadig eine unglaubliche Energie, die aus dem See zu kommen schien und an seinen Beinen wie sanfte Schlingpflanzen emporkroch. Sie erfüllte ihn immer mehr und ein Blick auf seine Hände zeigte ihm, wie sie grün anliefen. Dies war kein normaler See! Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Voller Entsetzen dachte er mittlerweile verzweifelt darüber nach, ob er dieser Energie vertrauen oder einfach aus dem See herauslaufen sollte. Leider saß er hier eindeutig in der Falle, denn die Bestie würde ihn augenblicklich töten, sobald er das Wasser verließ. Vielleicht war die Bestie überhaupt nicht wasserscheu, sondern mied das Wasser aus ganz bestimmten Gründen, die ihr, im Gegensatz zu Zadig, absolut bewusst waren! Diese Gedanken halfen ihm leider nicht dabei, sich auch nur irgendwie mit der Situation anzufreunden und so schimpfte er mit sich selbst in dieser unheilvollen Situation.

Wie aus dem Nichts sprang jedoch Leonora aus der Dunkelheit hervor und rammte der Bestie eine Lanze in die Seite. Das Ungetüm fauchte ohrenbetäubend und hasserfüllt, schlug ohne zu Zögern nach Leonora, die von der Pranke erwischt und mehrere Meter weit fortgeschleudert wurde!

Zadig hielt sich völlig verängstigt die Ohren zu und konnte dieses Knurren und Fauchen nicht länger ertragen. Seine Ohren fiepten unbeschreiblich laut und er fürchtete um sein Gehör, als er plötzlich eine Stimme in seinem Kopf vernahm: „Du musst den Engelhybrid beschützen!“

Diese Stimme war sanft und warm, weiblich, aber dennoch voller Bestimmtheit und fordernd, sodass er einfach alles für sie getan hätte.

So blickte sich Zadig nun panischer denn je um. Gleichsam fiel sein Blick auf seinen Elfenring. Er leuchtete in einem satten Grün und schien ebenfalls die Farbe des Wassers angenommen zu haben! Scheinbar hatte die Energie in diesem See nicht nur Auswirkung auf seinen Körper, sondern auch auf den Ring. Ohne nur eine Sekunde zu zögern, konzentrierte er sich auf den Ring und ein grüner Strahl schoss aus diesem heraus und traf auf die Bestie. Diese verharrte mit einem Mal und eine aschfahle Schicht zog sich über ihren Körper. Sie konnte sich keinen Millimeter mehr bewegen. Zadig hatte einen Zauber über sie verhängt, trotz der Tatsache, dass der Rat der Zauberer ihn seiner Fähigkeiten beraubt hatte. Wie konnte dies sein? Weder hatte er das Drachenblut zu sich genommen, noch durften der Rat ihm seine Fähigkeiten zurückgegeben haben.

Flink bewegte er sich aus dem See heraus und lief zu Leonora. Sie hatte sich mittlerweile wieder aufgesetzt und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Seite:

„Dieses verdammte Vieh! Es hat mich doch tatsächlich erwischt.“

„Keine Sorge, ich werde dies mit meinem Ring heilen! Wartet!“

Er hielt den mittlerweile wieder verdunkelten Ring an Leonoras Taille, aber es geschah nichts!

„Ich… ich verstehe nicht!“, stammelte Zadig irritiert. „Ich glaube, es funktioniert nur, wenn ich mich in dem See befinde.“

Es gab keine andere Erklärung, stellte Zadig für sich selbst fest. Hastig erklärte er es Leonora und schlug vor, wieder in den See zu gehen, um sie zu heilen. Wenige Minuten später war es ihm tatsächlich gelungen, sie von ihren Schmerzen zu befreien.

„Verdammt! Ich kann nur zaubern, wenn ich hier in diesem grünen Wasser sitze“, rief Zadig verzweifelt. „Ich kann doch jetzt nicht mein Leben lang hier drin sitzen. Wie soll ich dem großen Rat der Zauberer denn helfen?“

„Jedenfalls vielen Dank für deine Hilfe!“, meinte Leonora trocken.

„Nun, Ihr habt mir auch geholfen! Wenn Ihr die Bestie nicht abgelenkt hättet, dann wäre mir nicht aufgefallen, dass mein Ring wieder leuchtete.“

Mit großem Interesse blickte Leonora auf den Ring: „Hast du ihn von den Elfen bekommen?“

„Richtig. Diesen habe ich bei Beginn meiner Zaubererausbildung bekommen In der Zaubererschule lernte ich mit der Zeit, die Energie dieses Ringes zu nutzen, um meine Kraft zu bündeln.“

„Aber warum hast du den Zauber nicht früher eingesetzt und wieso funktioniert deine Kraft nur in dem See?“

Nun blickte Zadig beschämt zu Boden und beschloss, ihr die Wahrheit zu sagen: „Der Rat der Zauberer hat mir meine Magie genommen, weil ich behauptet hatte, dass er infiltriert wurde. Daraufhin wurde ich verbannt und musste die Insel Goldar für immer verlassen. Ich habe keine Gelegenheit mehr, wieder an meine Magie zu gelangen. Aus dem Grund…“

„…bist du hier und suchst nach deinem Drachenblut, um deine Magie zurück zu erhalten!“

Zadig nickte.

Leonora blickte nachdenklich auf den See: „Vielleicht hat das Artefakt eine gewisse Wirkung auf den See. Wasser ist ein hervorragender Leiter. Es könnte doch sein, dass es damit zusammenhängt. Dann würde das Artefakt tatsächlich die Möglichkeit bieten, dir deine Magie zurückzugeben.“ Daraufhin blickte Leonora enttäuscht zu Boden: „Leider bedeutet dies gleichzeitig, dass es mir nicht dabei helfen wird, meine Erinnerungen wieder herzustellen…“

„Lasset uns das Artefakt zuerst finden. Vielleicht besitzt es mehrere Eigenschaften - und sollte es nur mir dienen können, dann werden wir einen Weg finden, um Eure Erinnerungen wieder zurückzuholen.“

„Dann kann ich dir nun zu deinem Glück mitteilen, dass ich den Kopf aus Stein und den Hebel entdeckt habe! Davor lag jedoch ein Leichnam, von dem ich mir den Speer geborgt hatte!“, erklärte Leonora freudig.

Gemeinsam gingen sie zurück zu der Stelle, an der Leonora den Speer entdeckt hatte. Ganz unscheinbar war das steinerne Gesicht Teil einer Säule und besaß vielleicht einen Durchmesser von einem Meter. Sein Mund war geöffnet und gerade so weit, dass eine menschliche Hand hineinpasste. Zadig schaute misstrauisch auf das Gesicht aus Stein:

„Also, mit Verlaub, ich stecke meine Hand dort sicherlich nicht hinein! Es könnte eine Falle sein und ehe ich mich versehe, wird mir meine Hand rücksichtslos abgebissen. Ich dürfte mich an dieser schmerzvollen Stelle nicht einmal beschweren, denn mein Plan ist es, etwas aus dieser grünen Höhle zu stehlen. Würde mir dies alles…“

Zadig konnte seine Rechtfertigungen nicht zu Ende führen, denn Leonora hatte einfach ihre Hand in den Mund des Steingesichts gesteckt und den Hebel ausgelöst. Deutlich vernahmen sie das Geräusch von schwerem Stein, der verschoben wurde. Eindeutig war dies zumindest ein akustischer Hinweis, dass sich die geheime Kammer soeben erfolgreich entriegelt hatte. Leider entdeckten sie jedoch keine Tür, die sich gerade hätte öffnen können.

„Es ist ganz sicher etwas passiert, aber wo befindet sich nun die Kammer? Ich sehe nicht einmal, woher dieses Geräusch kam.“, fragte Leonora neugierig und ihr Blick wanderte suchend umher.

„Schaut! Der See!“, rief Zadig.

Das grüne Wasser des Sees war verschwunden. Vermutlich war es durch das Öffnen der Kammer nach unten abgeflossen. Somit befand sich die Kammer die ganze Zeit unterhalb des Sees.

Doch fiel Zadig Leonoras trauriges Gesicht auf, denn immer mehr bestätigte sich seine Version, dass es sich hier um grünes Drachenblut handelte, das dem Finder magische Fähigkeiten verlieh. Zadig würde somit seine Kräfte wiedererlangen und sie würde leer ausgehen.

Beherzt schritten sie auf den Platz zu, wo sich zuvor der See befunden hatte und sie entdeckten eine steinerne Treppe, die in eine pechschwarze Dunkelheit führte.

Langsam schritten sie die Treppe hinab und eine Fackel leuchtete ihnen den Weg. An den Wänden entdeckten sie mehrere Höhlenmalereien. Neugierig leuchteten sie diese aus. Sie erkannten einen riesigen Drachen, der von mehreren Kämpfern mit Speeren umzingelt wurde. Sie versuchten den Drachen zu bändigen oder gar zu töten. An einer anderen Stelle durften sie eine blass gezeichnete Sonne sehen, die irrtitierenderweise jedoch am nächtlichen Firmament zu leuchten schien. Mehrere Sterne umrahmten die vermeintliche Sonne und darunter befanden sich weitere gemalte Figuren, die zum Himmel wiesen.

„Es könnte sich hier um eine Sonnenfinsternis handeln“, gab Zadig zu verstehen. „Eine solche Finsternis hat bei den frühen Völkern stets für viel Irritation gesorgt.“

Leonora schaute kritisch auf die Höhlenzeichnungen und schüttelte den Kopf: „Das sieht mir nicht nach einer Sonnenfinsternis aus. Vielleicht ist es ein Komet oder ein Objekt, das fliegen kann. Aber wie auch immer, lass uns das Artefakt holen! Ich habe nicht ewig Zeit! Und wehe, nur du kannst es benutzen, dann bringe ich diesen Händler in Lemar um!“

Langsam endete die Treppe und sie gelangten in eine größere Halle. Diese Halle besaß auf jeder Seite drei Türen, die verschlossen waren. Es waren dichte Türen aus schwerem Holz und mit rostigem Eisen beschlagen. An jeder von ihnen befand sich ein handgroßer Eisenring, der als Griff diente sowie ein dickes Vorhängeschloss. Am Kopf der Halle entdeckten sie eine weitere Tür, die etwas breiter als die anderen schien und gleich zwei Eisenringe und ebenfalls ein Schloss besaß.

„Dies erweckt für mich den Eindruck, als sei dies ein Gefängnis!“, vermutete Zadig flüsternd.

„Warum flüsterst du?“, wollte Leonora wissen.

„Ich weiß es nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir hier unten nicht allein sind!“

Auf alles vorbereitet gingen sie nun vorsichtig Schritt für Schritt auf die letzte Tür zu, die sich am Ende der Halle befand. Die komplette Halle war feucht. Vermutlich von dem Wasser des Sees. Es musste irgendwo hin abgeflossen sein, spekulierte Zadig.

„Wie bekommen wir diese Türen auf?“, wollte Leonora wissen. „Ich habe keine Schlüssel dabei. Vielleicht verfügst du noch über etwas Energie in deinem Ring, damit du sie öffnen kannst.“

„Einen Augenblick bitte!“, bemerkte Zadig und nahm einen Stein vom Boden auf, ging auf die letzte Tür zu, holte weit aus und schlug mit dem Stein auf das leicht rostige Vorhängeschloss. Mit einem lauten Knall fiel es auseinander und glitt zu Boden.

„Geht doch!“, meinte Zadig stolz und stieß die Tür auf. Sie knallte scheppernd gegen die Wand und ihnen bot sich ein weiterer Gang. Auf der linken Seite neben der Tür befand sich jedoch ein Hebel.

„Ich glaube, wenn wir diesen Hebel betätigen, dann können wir die anderen Kammern öffnen und in einer von ihnen wird sich sicherlich das Drachenblut befinden“, verkündete Zadig selbstbewusst und nickte eifrig, während sich seine Hand schon um den Hebel legte.

„Ich könnte mir auch vorstellen, dass das Artefakt am Ende dieses neuen Ganges zu finden ist. Dieser Hebel hier öffnet vielleicht eine weitere Kammer. Immerhin besitzen diese Kerkertüren dort ein Vorhängeschloss. Warum sollte es zusätzlich einen Hebel geben?“

Zadigs Blick wanderte nun zu den Kerkertüren und den neu entdeckten Gang hin und her: „Ich denke, ein Hebel ist dazu da, damit man ihn benutzt!“

Gleichzeitig zog er den Hebel mit aller Kraft nach unten und im selben Moment brach ein Inferno über die beiden zusammen! Die Kerkertüren flogen mit einem gewaltigen Knall gleichzeitig auf und aus den dahinter befindlichen Räumen entstiegen die grausamsten und fürchterlichsten Kreaturen, die Leonora und Zadig jemals in ihrem Leben zu Gesicht bekommen hatten. Eine drei Meter große geflügelte Schlange aus deren Mund eine überdimensional lange Zunge nach einem neuen Opfer lechzte, kroch in die Mitte der Halle und ein graufarbener Zyklop mit einer gewaltigen Keule, die er einsatzbereit hinter sich herzog und bei nächster Gelegenheit einzusetzen drohte, stampfte bereits in ihre Richtung. Weiter bot sich ihnen das nächste Ungetüm, ein Säbelzahntiger mit gewaltigen Flügeln und langen, gebogenen Zähnen, dicht gefolgt von einem kreiselnden Derwisch, welcher sich mit ungeheurer Geschwindigkeit ebenfalls in die Mitte der Halle begab und rücklings mit der Schlange zusammenstieß. Blitze zuckten aus seinem kreiselnden Feld und reizten sie bis zur Weißglut, während noch weitere Ungetüme ihren Weg in die Freiheit fanden.

„Lasst uns besser verschwinden!“, meinte Zadig mit panikerfüllter Stimme und sie schlugen die Tür von innen zu und rannten den Gang hinunter.

Die feuchten Mauern wirkten künstlich erschaffen, als gehörten sie vielmehr zu einer Burg. Die Steine waren fein herausgearbeitet und nahtlos aufeinander geschichtet worden. Der Kerker und nun dieser Gang wirkten für Leonora und Zadig wie einem Gebäude zugehörig. Wie konnte es in einem Bergstollen gleichzeitig ein solches Gebäude geben? Allein physikalisch war dies schwer nachzuvollziehen. Wer würde ein Interesse daran besitzen, eine Burg unter der Erde zu errichten?

Noch immer liefen sie so schnell es ihnen möglich war, um endlich das Ende des Ganges zu erreichen. Als sie dort ankamen, gelangten sie in einen Raum, der in seiner Mitte einen gläsernen Kasten besaß. Dieser stand auf einem silberfarbenen Pfahl. In dem Kasten befand sich ein Flakon, der mit silbernen Ornamenten versehen war, aber dennoch war es möglich, an bestimmten Stellen durch das Gefäß zu blicken.

Mit einer flinken Bewegung schlug Zadig auf den Glaskasten, der sofort in seine Einzelteile zerfiel. Gierig langte er nach dem Flakon und hielt ihn nun fest in seinen Händen:

„Endlich! Das Drachenblut!“, rief er zufrieden aus.

Doch im nächsten Augenblick blickte er Leonora an. Sie wirkte niedergeschlagen und der Glaube an ein Artefakt, das ihr die Erinnerungen hätte wiedergeben können, schwand dahin. Sie setzte sich auf den Boden und lehnte sich resigniert gegen das Gemäuer des Raumes.

„Wir sind gefangen!“, stellte Leonora enttäuscht fest, „Der Raum bietet keine Möglichkeit, zu entkommen und draußen warten die schreckenerregendsten Wesen auf uns, die vermutlich seit Äonen dort eingesperrt waren und von uns beiden Idioten befreit wurden. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass sie nach dieser langen Zeit etwas hungrig sein könnten!“

So kauerte sie nun an der Wand und blickte sinnentleert zu Boden. Für sie war der Weg hier zu Ende. Es gab keine Hoffnung. Selbst wenn Zadig Recht behielt und er seine Magie durch diesen Trank wiedererlangen würde, so könnte er gegen diese fürchterlichen Wesen nichts ausrichten.

„Du wirst vielleicht ein oder zwei von ihnen mit deinem Ring vernichten oder einfrieren können, aber du wirst es nicht bei allen schaffen. Sie werden uns auseinanderreißen, tottrampeln oder fressen. Es kommt nur darauf an, welches von ihnen uns zuerst erreicht!“

Zadig ging zu Leonora und kniete sich vor sie, dabei umfasste er ihre Knie und meinte: „Wir wissen noch nicht, was sich in diesem Flakon befindet und wie es wirkt. Vielleicht wird derjenige sterben, der es trinkt oder ich werde mich nur hervorragend an meine Geburt erinnern und Ihr hättet es besser trinken sollen. Ihr seht, die Situation ist aussichtslos, aber dennoch unklar.“

„Es ist besser, wenn du es trinkst“, gab Leonora nachgiebig zu verstehen. „Ich verzichte darauf, es zu mir zu nehmen. Du sollst es trinken, weil deine Magie uns eine winzige Chance gibt, um uns hier heraus zu holen – so aussichtslos die Situation auch ist. Bitte, trinke du es!“

Zögernd blickte Zadig auf den silbernen Flakon. Am Boden befand sich nur ein einzelner Tropfen einer grünlichen Flüssigkeit. Langsam schraubte er den Deckel auf.

„Es reicht nur für eine Person“, bemerkte Zadig und hielt ihr den Flakon hin. „Erinnern sollt Ihr Euch, wer Ihr seid, und wenn es das letzte ist, was Ihr in Eurem Leben tun werdet.“

„Es wäre töricht, es zu trinken, denn meine Erinnerung wird uns in dieser Situation nicht retten. Nimm du es! Es ist unsere einzige Chance!“

Zadig nickte nachdenklich und er trank den einzigen Tropfen, der sich in dem Flakon befand, während Leonora mit Tränen in den Augen zuschaute.