Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Enochs Traumgesicht

(Das Buch Enoch)
(Aus dem Jonathan-Evangelium - © Jonathan Dilas)

 

„Erzähle mir, Enoch, wie dich die Leibgarde von Jehova gerufen hat, um ihr Schreiber zu sein“, sagte Enochs Enkelsohn Noah und zitterte innerlich ganz zart vor Aufregung.

„Es ist wahr, Seine Leibgarde rief mich, die des Herrn persönlich. Ich sollte fortan Schreiber und Verkünder seiner Worte sein. Das war ein erhabener Moment für mich, das kannst du mir glauben!“

„Und was geschah dann?“

„Das ist eine lange Geschichte… Ich werde sie dir erzählen, denn meine Worte werden vielleicht eines Tages in alten Pergamentrollen zu finden sein und sind Zeugnis des Geschehens unserer Tage. Doch es wird jene geben, die meine Geschichte nicht glauben wollen und sie werden mein Werk verschmähen. So hoffe ich doch, dass mein Traumgesicht in der Lage sein wird, meine Erlebnisse in den Träumen aufzuzeichnen, sodass jeder Traumkünstler in der Lage sein wird, die wahren Botschaften zu erhalten und sie irgendwann zu verkünden.“

„Glaubst du, dass jemand deine Geschichte in der Zukunft nicht glauben wird?“

„Oh ja, so wird es sein. Man wird aber auch versuchen, meine Geschichte zu verbrennen, zu verhöhnen, zu verändern und zu verbannen. Selbst diejenigen werden es tun, die noch heute Jehova ewige Treue schwören.“

„Das ist traurig zu hören, Enoch. Ich hoffe, dass dein Plan aufgehen wird!“

„Mein Plan wird aufgehen! Mein Traumgesicht wird das Werk vollenden… und zwar jetzt.“

„Wie meinst du das?“, fragte Noah.

„Ganz simpel! Ich werde dir diese Geschichte mit meinem Traumgesicht erzählen und während ich sie dir erzähle, wird diese Szene, so, wie wir hier sitzen und mit dem, was ich dir erzähle, für immer in den Träumen bis in alle Ewigkeit zu finden sein!“

„Du bist ein kluger Mann, Großvater!“

„Oh ja, das bin ich!“, rief Enoch und lachte.

„Dann hole dein Traumgesicht und berichte mir von deinen Begegnungen…“

Und Enoch setzte sich aufrecht und schloss die Augen. Sein Gesicht verschwamm für einen Moment und für einen Augenblick schien es so, als würde ein anderes Gesicht als sein gewohntes an diese Stelle treten.

„Alles, was ich nun sage, ist mein wahres Wort. Noch wahrer als jede Schrift und wahrer als jede Erzählung Dritter, die du jemals von mir finden wirst…“, sagte Enoch in einer seltsamen dunklen Stimme und sprach schon lange nicht mehr Noah an, sondern den findigen Träumer, der seinen Bericht irgendwann in der Zukunft finden mag…

„Im Lande Dan setzte ich mich an einen Fluss und wartete darauf, in den Himmel gehoben zu werden. Die ungehorsame Gefolgschaft, die wir so liebevoll Engel nannten, hatten sich mit den Erdenfrauen vermählt und sie geschwängert, ihnen den Umgang mit Schild und Waffe gelehrt und sie zu Kämpfern ausgebildet. Zu Anfang war dies nur der Drang zur körperlichen Vereinigung, doch später kam die Liebe hinzu und die Engel wollten ihre Frauen behalten. Jehova war entrüstet, als er dies erfuhr und bestrafte diese Engel dazu, für immer auf der Erde zu bleiben. Sie durften das Himmelsschiff nicht mehr betreten.

Nun an diesem Wasser saß ich und plötzlich wurde ich hoch in die Luft gerissen. Ich flog und flog, bis ich in das Himmelsschiff Jehovas eintrat. Ich erhielt wieder Boden unter den Füßen und sah direkt vor mir eine riesige Mauer aus kleinen Kristallen. Sie glühten manchmal hell auf und zeigten mir Dinge. Die Kristalle waren von brennenden Flammen umgeben, die sie berührten und zum Glühen brachten. Das laute Knistern machte mir Angst und ich weigerte mich, an ihnen vorbeizugehen, um den Raum zu verlassen, zu dem sie mich hinaufgebracht hatten. In der Mitte der Flammen waren noch größere und sie waren passierbar. Ich trat in schrecklichster Erwartung zwischen sie, doch die Flammen waren kalt und fügten mir kein Leid zu. Sie führten zu einer Passage, die ich entlanglaufen konnte. Während ich diese Passage entlanglief, kam ich auf ein Gebäude zu, dass ein großes Tor am Fuße besaß. Der Boden und die Wände waren allesamt aus diesem Kristall gefertigt. Als ich das Gebäude betrat, erblickte ich eine gewaltige Decke, die weit nach oben reichte. Ich sah Linien, die die Sterne miteinander verbanden, Routen und Wege in Form eines Plans. In den Ecken erblickte ich einige Engel, die die Vorgänge auf der Sternenkarte verfolgten. Hier gab es auch einige Nischen, in die sich ein Engel hineinstellen konnte. Sofort wurde die Decke zu Wasser und Blitze und Flammen waren zu sehen. Ich wurde aufgefordert, den nächsten Raum zu betreten. Ich ging an dem Wächter vorbei und trat in einen weiteren, sonderlichen Raum. Ich durfte erst einmal nicht weitergehen, weil der Raum luftleer war und ich andernfalls eines schlimmen Todes gestorben wäre. So sollte ich warten, bis der Raum mit Luft gefüllt war. Wenige Minuten später durfte ich meinen Weg fortsetzen und trat in eine große Halle. Sie war so gigantisch groß und alle Türen waren weit geöffnet. Über mir erblickte ich eine weitere Sternenkarte und immer wieder die züngelnden Blitze. Mir wurde erklärt, diese seien Energietransformatoren, aber ich verstand ihre Worte nicht gut. Einer der Engel führte mich zum Ende dieser Halle und ich erblickte einen riesigen Thron. An den Seiten befanden sich die Köpfe einiger Engel und er war in Prunk und Schönheit unbeschreiblich. Die vielen Lichter und diese Energieblitze erkannte ich auch am Boden des Throns. Auf diesem Thron saß Jehova! Es war wie ein zuckendes Bild, es knisterte und vibrierte. Die Engel erklärten mir, dass man Jehova nicht wirklich in diesem Raum antreffe und ihn sehen könne, sondern man sah nur ein Abbild von ihm. Das Bild, so sagten sie mir, sei nicht aus Fleisch und Blut.

Das Bild Jehovas, das ich dann sah, war sehr beeindruckend. Er war umgeben von Tausenden seiner Engel, die in Uniformen um ihn herum standen. Sie bewegten sich im gleichen Schritt durch das Bild im Hintergrund. Es war wie ein Fenster in eine andere Welt. Ich war so erschüttert von diesem unfassbaren Bild aus Strahlen und Energie, dass ich gleich zu Boden fiel. Da sprach Jehova zu mir:

„Enoch, komm näher an den Bildschirm, damit ich dich besser sehen kann.“

Ängstlich kroch ich auf diesen Bildschirm zu in der Erwartung, gleich von einem elektrischen Schlag getötet zu werden, solange, bis er zufrieden wirkte.

„Du sollst mein Bote sein. Geh runter zu den abtrünnigen Engeln und frage sie, wieso sie mit den Weibern der Erde geschlafen haben! Sie sollten ihre Gene nicht mit den Menschen vermischen! Dies war mein ausdrücklicher Befehl gewesen und sie haben ihn nicht befolgt. Die Kinder, die die Erdenfrauen gebären, werden die Geburt vielleicht nicht überleben, da die Kinder eine Mischung aus zwei Rassen sein werden. Diese beiden Rassen sind genetisch zwar kompatibel, aber die Kinder werden größer werden und die menschliche Evolution beeinflussen. Vermutlich wird man diese Kinder verhöhnen oder sie beschimpfen. Sie werden kein einfaches Leben haben. Sollen meine Leute etwa irdische Wohnungen beziehen und dort in diesen ungemütlichen Wohnungen aus feuchtem Stein leben? Ich habe ihnen immer wieder gesagt, meine Gefolgschaft hat mir zu gehorchen und sie dürfen darum an Bord meines Raumschiffes leben. Die Wohnungen hier sind wesentlich gemütlicher und komfortabler. Selbst das Essen ist besser. Was ist ihnen also in die Köpfe geraten, sich mit den Erdenfrauen zu vermählen und darum zu bitten, für immer dort unten auf der Erde bleiben zu dürfen. Sehnen sie sich denn nicht nach ihrer Heimat? Enoch, gehe zu ihnen wieder nach unten und sage ihnen, was ich dir sagte! Sage ihnen, sie werden dort unten keinen Frieden finden!“

Dann führten mich einige seiner Engel an einen Ort, wo ich wieder nur diese Energieausstöße wahrnehmen konnte und ein Abbild der wirklichen Welt zu sein schien. Die Menschen sahen aus wie Menschen, aber es waren nur Abbilder von ihnen. Ich sah sie umherlaufen, reden und rufen. Es schien, als konnten sie uns nicht sehen. Dann verschwanden die Menschen von diesem großen Bildschirm und ich erblickte die Erde! Es war ein atemberaubender Moment! Ich sah die Erde und die Winde, die Wolken, die Gewitter und das Land aus unglaublicher Höhe. Die Erde war umgeben von den Sternen des Himmels, klarer und deutlicher als je zuvor.

„Wie ist das alles aufgebaut?“, fragte ich einen der Engel, der den Namen Uriel trug.

Dann verschwand die Erde und ich erblickte etwas anderes auf diesem Schirm. Ich sah unsere Sonne und Gestirne, die sie umkreisten.

„Schau hier“, sagte er, „das ist die Sonne und auf dieser Bahn siehst du eure Erde.“

Dann schaltete Uriel wieder auf die Erde um.

„Und dies ist euer Planet. Wir sind hier, hier und auch hier stationiert. Das sind unsere Handelswege.“

Dabei wies er auf einige Linien, die aus dem Nichts entstanden waren und einige Punkte auf der Erde miteinander verbunden.

„Auf diesen Handelswegen sind wir an Edelsteinen und Edelmetallen interessiert.“

„Was wird mit den Abtrünnigen geschehen? Sie haben sich doch nur in unsere Frauen verliebt. Will Jehova sie wirklich dafür bestrafen?“

„Das wird er. Er ist unser König. Sein Wort ist Befehl. Jehova wird sie dorthin verbannen…“, sagte Uriel und zeigte mir auf dem Bildschirm einen anderen Ort.

Daraufhin zeigte mir Uriel eine Insel, auf die er die Abtrünnigen seiner Gefolgschaft und die Erdenfrauen verbannen wollte.

„Sobald alle Rebellen hier eingesammelt wurden, werden sie bis in alle Ewigkeit dort bleiben. Es soll als Beispiel für jene gelten, die diesen Ungehorsam nachahmen wollen. Es ist unser Gefängnis.“

„Aber ihr könnt das doch nicht tun! Sie haben in Liebe gehandelt!“

Doch Uriel antwortete darauf nicht. Er war ein gehorsamer Untertan Jehovas.

In diesem Moment verstand ich, dass ich es nicht mit Gott zu tun hatte, sondern mit Wesen aus einer anderen Welt.

„Glaubst du, dass es Gott gar nicht gibt?“, unterbrach ihn Noah, der die ganze Zeit dem Traumgesicht Enochs gelauscht hatte.

Das Traumgesicht verschwand und er erkannte wieder das Gesicht Enochs.

„Sie waren von einem anderen Stern. Die Sternenkarten, diese vielen Bildschirme, wie sie Jehova und Uriel benannt hatten, die Energietransformatoren und ihre seltsamen Augen, mit denen sie an ferne Orte schauen konnten. Selbst das Feuer, das kalt war und mich nicht verbrennen konnte, war ein Abbild echten Feuers auf diesem Schirm. All diese Dinge waren Teil einer unglaublichen Magie, mächtig und für uns Menschen völlig unverständlich, aber das war nicht Gott. Den wir Menschen für Gott hielten, war der König eines Volkes, das von einem anderen Stern kam. Sie sind zu uns gekommen, weil wir auf ihrer Handelsroute lagen. Sie hofften, bei uns Güter zu erlangen und einige ihrer Leute haben sich in unsere hübschen Frauen verliebt. So einfach diese Geschichte nun klingen mag, Gott war daran nicht beteiligt. Mein Vater Jared hatte sich genau so geirrt wie ich auch.“

„Und wo ist Gott?“, fragte der Enkelsohn.

„Gott ist alles, was du sehen kannst. Einfach alles. Gott ist die Natur, die Sterne, die Sonne, eben alles, was es gibt. Es ist die Ansammlung aller Wesen im ganzen Universum.“

„Du hast Recht! Dann war dieser König Jehova nicht Gott.“

„Nein, das war er nicht. Wir haben ihn für Gott gehalten, weil er diese großen Zauberkräfte besaß und er vom Himmel aus zu uns herunterkam.“

„Was hast du getan? Hast du dich gegen Jehova ausgesprochen?“

„Nein, sonst würde er mich mit in dieses Gefängnis gesperrt haben. Ich habe seine Stiefel geleckt, damit ich wieder zu euch zurückkommen konnte.“

„Willst du weiter erzählen?“

Und Enochs Traumgesicht kam wieder zum Vorschein:

Dann erblickte ich auf dem Bildschirm einen leuchtenden Berg. Und dann folgte eine Schlucht, die zu dieser Gefängnisinsel führte. Sie war so gewaltig, dass sie niemand überqueren konnte. Ich fragte Uriel, was es mit dieser Schlucht auf sich habe.

„Diese Schlucht ist der Beginn der Strafe. Jeder, der den Befehlen Jehovas nicht Folge leistet oder sogar nur schlecht von ihm redet, wird hierher verbannt. Unsere Gesetze sind hart. Andernfalls würden die Engel nicht gehorchen und ihren Gott verleugnen. Unsere Gesetze werdet ihr Menschen auch übernehmen müssen. Es gibt keinen Ausweg. Wer nicht gehorcht, kommt in dieses Gefängnis. Dort sind überall Kameras installiert und die Aufnahmen dienen zur Erheiterung unseres Herrn.“

Und ich wagte in diesem Moment nicht zu hinterfragen, ob er wirklich glaubte, dass Jehova Gott oder nur ein sehr mächtiger König war, sondern ich pries den Herrn bis in alle Ewigkeit.

Dann zeigte mir Uriel über den Bildschirm andere Orte auf der Erde, die ich noch nie erblickt hatte. Ich sah riesige Tiere, die in dichten Wäldern lebten. Vögel mit wunderschönen Stimmen und eigenen Liedern. Und unter jedem Tier erschien der Name des Tieres, den Uriel für mich in Windeseile geschrieben zu haben schien.

Danach kamen wir wieder auf die Abtrünnigen zu sprechen. Ich wollte verstehen, was Jehova so wütend gemacht hatte.

„Die Rebellen haben sich nicht nur mit euren Frauen vermählt und ihre Gene mit ihnen vermischt, sondern sie haben ihnen unsere Waffen gegeben. Sie haben ihnen erzählt, was sie niemals erzählen durften. Es wurden die tiefsten Geheimnisse unserer Strategien, Pläne, Taktiken und unser Wissen verraten. Ungehorsam und Verrat wird Jehova nicht dulden. Die Rebellen haben einige Menschen auserwählt und sie zu ebenbürtigen Gegnern für uns gemacht. Der Engel Jequn ist ihr Anführer und der Kopf der Rebellen. Er befehligt Gadreel, der sie im Kampf ausbildet und Penemue, der ihnen das Schreiben, Rechnen und andere Dinge lehrt, die aus unserer Datenbank stammten. Weit über 160 unserer Anführer sind mittlerweile zu Jequn übergelaufen und haben viele unserer Soldaten mitgenommen.“

Die Engel befanden sich im Krieg. Es war für mich eine erschütternde Erkenntnis.

Danach brachte mich Uriel wieder zurück zum Fluss. Ich durfte die Geschehnisse weiter mit verfolgen, nachdem ich die Nachricht an die Abtrünnigen überbracht hatte und wiederum die Bitte derer an Jehova, sie doch zu verschonen und Milde walten zu lassen. Es entstand ein Krieg zwischen den Abtrünnigen und Jehovas Gefolgschaft. Die Abtrünnigen oder Rebellen konnten immer mehr Menschen im Kampf ausbilden, zeigten ihnen, wie man mit Waffen umging und erschufen ein großes Heer. Jehova sah sich seiner Macht beraubt und suchte nach einer Lösung. Er plant mit seinem Himmelschiff baldigst eine gigantische Sintflut, die alle Menschen in den Tod reißen soll. Ich habe Jehova darum gebeten, eine Lösung für das Überdauern der Menschen zu finden, denn nicht alle Menschen wären ungehorsam. So konnte ich ihn davon überzeugen, dich im Fall des Falles auf eine Arche zu setzen und dein Überleben zu sichern.“

Dann endete Enoch mit seiner Geschichte und verwandelte sich wieder zurück.

Noah schaute ihn mit großen Augen an: „Ich werde die Flut überleben?“

„Ja, das wirst du. Jehova wird mit der Flut versuchen, alle auf der Erde lebenden Rebellen und Menschen zu vernichten. Damit du überleben kannst, habe ich versprochen, auf dem Himmelsschiff Jehovas zu bleiben. Damit werde ich uns beide retten.“