Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Die Vorreiter - Teil 2

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas, 1995)

 

Pedro saß an einem Lagerfeuer und spießte gerade einen frisch gefangenen Fisch mit einem angespitzten Stock auf. Das Wasser lief ihm schon im Munde zusammen. Endlich hatte er seinen Fisch im Feuer und angereichert mit der Vorstellung, gleich in diesen saftigen Fisch hineinbeißen zu können, stierte er auf die Flammen und wartete. Plötzlich gab es einen seltsamen Knall und wie aus dem Nichts stand Samuel neben ihm.

»Ahhhhh.«, schrie Pedro lauthals.

Samuel grinste und setzte sich zu Pedro ans Feuer, nachdem er den Mund wieder geschlossen hatte.

»Bist du tot?« fragte Pedro und zitterte am ganzen Leib.

»Nein, du Dummkopf. Ich habe nur gelernt, mich anders fortzubewegen.«

Mit braunen, weit aufgerissenen Augen wiegte Pedro langsam seinen Kopf hin und her.

»Du bewegst dich wie ein Geist.«

»Rede keinen Unsinn!« entgegnete Samuel.

»Du weißt, warum ich gekommen bin. Wir haben nun ein Jahr wieder in unserem alten Selbst verbracht und nun ist es Zeit, die letzte Wahrheit herauszufinden.«

Kaum hatte Samuel diesen Satz zuende geführt, begann Pedros ganzer Körper unwillkürlich zu zittern.

»Nun ich sehe, daß dein Körper es kaum erwarten kann. Komm, laß uns gehen!«

»Mein Fisch!«, rief Pedro, und während Samuel ihn am Arm hochzog und mitschleifte, hielt Pedro verbissen den Stock mit dem brennenden Fisch fest. Immer wieder rief er nach dem Fisch. Doch der Fisch wurde in der Eile kräftig durch den Sand gezogen und dann blieb er darin liegen. Die glühende Spitze des Stockes war abgebrochen und konnte den qualmenden Fisch nicht mehr halten.

»Mein Fisch! Mein Fisch!«, rief Pedro noch einige Male, aber er mußte nun einsehen, daß er ihn zurücklassen mußte. Als er sich wirklich dazu entschieden hatte, diesen Fisch zurückzulassen, da strauchelte er auch nicht mehr und konnte Samuel sehr leicht folgen. Schon lange nicht mehr hatte er ihn am Arm festgehalten und nur noch ein flüchtiger Blick zurück zeigte ihm, daß sie bereits kilometerweit von seinem Lagerfeuer entfernt waren.

Nun kamen die Erinnerungen wieder, zurück in sein Hirn, das ganz plötzlich in seiner vollen Größe zu nutzen war und schaute zu Samuel. Er wußte, daß auch er sich nun an ihre letzte Erkundungsreise erinnerte und nun sahen sie gemeinsam nach vorn, um auf das Licht zu warten. Plötzlich gab es keine Wolken, keinen Strand und keine Palmen mehr und sie waren von tausenden, leuchtenden Strahlen umgeben. Einige davon trafen auf ihre Körper und sie fingen an zu vibrieren. Dieses Vibrieren stieg ins Unermeßliche, als es einen lauten Knack gab und Samuel und Pedro waren schwerelos. Über ihnen sahen sie wieder dieses wunderschöne Licht, das in allen Farben strahlte und diese enormen Glücksgefühle auslöste. Es war Gott! Es war unbeschreiblich, aber um es so gut und so kurz wie möglich zu beschreiben, kann nur gesagt werden, daß es Gott war. Tränen flossen über Pedros Gesicht.

»Pedro!«, hörte er aus weiter Entfernung.

Wer wagte es, Pedro zu stören, der sich nun als ein Teil Gottes erkannte und nun von all seinen Sünden reingewaschen war? Es war Samuel. Genau. Samuel rief ihn. Pedro erkannte seine Stimme. Ja, auch er ist ein Teil Gottes. Gewiß würde auch er so fühlen wie er. Wieder hörte er seine Stimme. Was sagte er? Er hörte genauer hin, bis er Samuel deutlich verstehen konnte:

»Nun hör auf mit diesen Spielereien! Laß Dich nicht täuschen!«

Zuerst glaubte er, Samuel sei ein Frevler, der noch nicht reingewaschen war, aber mit einem Mal erkannte er, daß Samuel Recht hatte. Das Licht wollte ihn nur täuschen, das war ja die beabsichtigte Tarnung. Er erinnerte sich, daß er doch vorgehabt hatte zu erkennen, was es mit diesem Licht wirklich auf sich hatte.

Pedro drehte sich zu Samuel, um sich für seinen Ratschlag zu bedanken, als sein Atem stockte. Samuel war nicht mehr dort. Er war verschwunden! Anstelle dessen befand sich dort eine leuchtende Kugel, nein, es war eher ein leuchtendes, farbiges Ei, das er nun vor sich sah. Auf seiner Oberfläche war ein grelleuchtender Punkt, der sich ständig hin- und herschob. Die ganze Atmosphäre knisterte und er fragte sich, wo Samuel geblieben war, während er staunend auf dieses leuchtendbunte Ei starrte. Er wollte nach ihm rufen, aber er brachte kein Wort über seine Lippen, nur ein kehliges Röcheln. Er schlug sich immer wieder gegen seinen Brustkorb, in der Hoffnung, endlich genügend Luft zu erhalten, um nach seinem Freund rufen zu können, aber es war unmöglich. Außerdem war da noch dieses leuchtende Ei, das sich genau vor ihm befand und in ununterbrochener Bewegung zu sein schien. Plötzlich hatte er Luft:

»Saaaamuuueeeel!«, rief er lauthals.

»Schrei doch nicht so, ich stehe doch neben dir«, entgegnete Samuel und drückte seine Hand. Jetzt erkannte er, was dieses seltsame, leuchtende Ei war. Es war Samuel!

»Du ... du siehst aus wie... riesiges Ei!«

»Ich weiß«, meinte Samuel ganz trocken, »aber du siehst auch nicht besser aus.«

»Sehen wir so aus?« fragte Pedro bedächtig.

»Allerdings. Das ist unser wahres Aussehen. Wir müssen jetzt nur noch herausfinden, warum das so ist und welchen Sinn das alles hat. Wir müssen die letzte Wahrheit erkennen!« Pedro fühlte eine plötzliche Euphorie. Ja, dachte er, es ist an der Zeit herauszufinden, was dieses Licht in Wirklichkeit ist. Was sich dahinter befindet und was der Grund für unsere Existenz ist.

»Wer sind wir und was ist der Grund für unsere Existenz?« fragte er sich immer wieder in fast kaum wahrnehmbarer Lautstärke und starrte auf das grelle, strahlende Licht. Zuerst sahen sie nur diese grellen, leuchtenden Fäden, die von diesem Licht ausgingen und langsam, ganz langsam erkannten sie dahinter eine Art Kugel. Dahinter war wieder eine Kugel und so ging es immer weiter fort.

»Da müssen wir noch durch und dann sehen wir die letzte Wahrheit.«, rief Samuel, als kämpfe er gegen das Getöse eines lauten Sturmes an. Pedro drückte Samuels Hand, um ihm mitzuteilen, daß er ihn verstanden hatte, als es plötzlich ein unangenehmes Reißen in ihm selbst gab und dann sah er, was hinter den Kugeln war. Es war einfach unglaublich und drohte ihm den Atem zu rauben...

Pedro konnte mit aller Deutlichkeit sehen, daß er und Samuel leuchtende Eier waren, eingebettet in unzähligen Fäden, die das Aussehen von Strohbündeln hatten. Sie hingen vielmehr daran, wie dicke Äpfel an einem riesigen Ast eines unglaublichen, gigantischen Baumes.

Als er seinen Blick ein wenig zur Seite drehte, sah er einen tiefroten Horizont und weiter links noch viel mehr solcher leuchtender Eier, die zu Millionen an diesen Ästen hingen. Es war unglaublich. Seine ganze, gewohnte Welt war nur eine Art glasklarer Traum gewesen, in denen er sich beliebig von einem Ort zum anderen bewegen konnte, aber in Wirklichkeit saß er die ganze Zeit in einem dieser Eier und halluzinierte Bewegung. Seine ständigen Wege von der Höhle zum Strand, von dort zu seiner Feuerstelle und in den Dschungel zu den leckeren Beeren, waren immer nur halluzinierte Bewegungen gewesen. Das alles hatte es in Wirklichkeit nicht gegeben, denn er hatte die ganze Zeit nur in diesem Ei gesessen und all diese Bilder an die Innenwand seines eigenen Eies projiziert.

Entsetzen und Faszination vermischten sich zu nie erfahrenen Gefühlen, aber es sollte sich noch steigern, denn plötzlich hörte er ein lautes Schwirren. Verzweifelt versuchte er festzustellen, woher dieses seltsame Geräusch kam, aber es war ein entsetzliches, fast ohrenbetäubendes Schwirren, das ihn in Panik zu versetzen drohte.

»Samuel,«, flüsterte er und hoffte auf Antwort.

»Ich bin hier«, entgegnete er und konnte seine Anwesenheit deutlich spüren.

»Was ist das?«

»Das ist das, was hinter Gott ist. Das ist das Absolute. Es kommt um zu sammeln.«

Pedro glaubte erst, Samuel mißverstanden zu haben, aber als er diese Sequenz noch einmal abrief, war es wieder das gleiche Wort: Sammeln!

»Sammeln?« Was wird denn hier gesammelt...?«

»Sieh dort!« rief Samuel.

Als er nach rechts sah, erblickte er wieder diese leuchtende Kugelreihe und noch weiter rechts sah er mehrere Eier, die aufplatzten und aus ihnen etwas herausströmte. Es war die Persönlichkeit, die die Erfahrungen eines ganzen Lebens in Form von purer Bewußtheit angesammelt hatte und nun freigesetzt wurde. Doch diese Freisetzung hielt nur Augenblicke an, denn diese leuchtende Kugelreihe zog diese Bewußtheit an, zog sie förmlich durch einen Tunnel, ein Rohr oder ähnliches, hindurch und beförderte sie weiter. Weiter! Weiter? Wohin?

Bevor er diese Fragen eigentlich zuende formulieren konnte, erkannte er mit dem Schrecken aller Schrecken die deutliche, absolute Wahrheit: Gott war ein Gärtner! Ein Gärtner, der sich einen riesigen Garten mit Eiern angelegt hatte, sie pflückte und dann verzehrte. Er war riesengroß, so gigantisch, daß man nur eine Schuppe seiner wahren, immensen Existenz erkennen konnte, unbegreiflich in seiner Realität. Mit einem Mal erkannte Pedro den Sinn seines Lebens, den Sinn der Existenz aller Wesen auf dem Planeten, den er so liebte. Nun erkannte er auch, das selbst dieser Planet nur ein auf der Seite liegendes, farbiges Ei war, daß es ebenfalls ein lebendes Wesen war, nur unendlich größer als er selbst. Aber alle, aber sie alle hatten das gleiche Schicksal!

»Siehst du, was ich sehe?« rief Pedro in die knisternde Stille hinein.

»Ja mein Freund, das tue ich mit aller Deutlichkeit und Klarheit, die ich jemals in meinem Leben besessen hatte!«

»Ich hätte so gern nur die Spur eines Zweifels, aber es ist offensichtlich. Alles reiht sich aneinander, alle Puzzle-Teile, die wir gemeinsam gesammelt haben, fügen sich nun nahtlos zusammen; zusammen zu einem unglaublichen, aber dennoch absoluten, realen Bild.«

»Ja Pedro, unser ganzes Universum ist ein Garten. Ein Garten, der die schönsten Früchte trägt und jede Erfahrung ergibt Erkenntnis und jede Erkenntnis ergibt Bewußtheit und das ist der Stoff aus dem wir sind und wovon Gott sich ernährt. Wir sind Fische über dem Feuer, mein Freund! Fische über dem Feuer!«

(© Jonathan Dilas, Februar 1997 - Froh' Ostern!)