Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Der Weg zurück

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

 

Es war eine verrückte Meldung, die wir da im Radio gehört hatten. Mein Freund und ich befanden uns gerade auf dem Weg zu einem Ort, in dem eine Art Wesen aufgetaucht sein soll, das die Anwohner dort in Angst und Schrecken versetzte. Gegenwärtig befanden wir uns ungefähr noch vier oder fünf Kilometer davon entfernt. Als wir gerade eine Straße überqueren wollten, hörten wir einen Ambulanzwagen mit eingeschaltetem Blaulicht. Wir gingen einige Schritte zurück auf den Bürgersteig, als die Ambulanz schon an uns vorbeiraste.

Erstaunt blickten wir uns an, denn es war nicht so, daß die Insassen jemanden transportierten oder abholen wollten, sondern ganz offensichtlich auf der Flucht waren. Ich schaute meinen Freund an, lachte kurz auf und meinte, daß die es mit ihrer Angst aber übertreiben würden, denn dieser Ort sei ja noch einige Kilometer entfernt.

Im gleichen Augenblick vernahmen wir Schreie und schauten die Straße hinauf, die ein wenig bergauf verlief. Dort stand ein riesiger Wolf, zumindest sah dieses Wesen in etwa so aus. Er war bestimmt 1,60 m hoch und besaß einen riesigen Kopf. Sein bedrohliches Knurren vernahm ich bis zu uns hin. Eine Frau ließ ihre Einkaufstaschen fallen und rannte panikartig davon. Doch der Wolf machte nur einen Sprung, und es war einfach unglaublich: Der Wolf riß sein Maul überdimensional auf, und fraß die Frau an einem Stück auf! Sie verschwand regelrecht in seinem wahnsinnig gefräßigen Schlund, und ehe man dieses Bild richtig verarbeiten konnte, machte der Wolf bereits weiter mit seiner unheilvollen Tat. Dabei bewegte er seine Vorderpfoten so, daß es mich an die Fortbewegungsart eines Schimpansen erinnerte.

Mein Freund und ich schauten uns mit angstverzerrten Gesichtern an. Ich fing mich schneller als er und zog ihn an seinem Kragen zu einer Einfahrt, die zu einem Fabrikgelände führte. Wir liefen dort hinein und versteckten uns direkt hinter der Ecke. Ich preßte mich so eng wie möglich an die rote Backsteinwand und versuchte mein schweres Keuchen zu unterdrücken. Der Schweiß lief mir an der Stirn hinunter. Ein Blick zu meinem Freund verriet mir, daß er ganz gewiß nicht den Mut hatte, einfach um die Ecke zu schauen, damit wir wissen konnten, wie sich nun dieser Wolf verhielt, ob er einfach an dieser Einfahrt vorbeilaufen würde. An meinen Augen konnte er bereits die Frage erkennen, die sich auf meinen Lippen befand, und er schüttelte den Kopf und kämpfte zusätzlich noch mit einem Brechreiz.

Ich nickte und schluckte einige Male beinahe auffällig laut und glitt die Mauer entlang zu einem Vorsprung, von dem ich wußte, daß ich dahinter einen guten Einblick auf die Straße hatte. Ich schaute ganz langsam um die Ecke und konnte sehen, wie sich der Wolf gerade auf unserer Höhe befand und dann weiterlief. Ich atmete erleichtert auf und als ich im Begriff war, meinen Freund mit dieser Botschaft zu beruhigen, blieb mir fast das Herz stehen. Der Wolf hielt abrupt inne, verharrte regelrecht und drehte seinen Kopf in unsere Richtung. Er konnte mich nicht gesehen haben! dachte ich fiebrig und meine Hände begannen unkontrolliert zu zittern. Er konnte mich einfach nicht gesehen haben, das war unmöglich!

Nein, er hatte mich nicht gesehen, er hatte ... er hatte mich gefühlt!

Diese Erkenntnis schoß mir schockartig durch den Kopf, und ich wandte mich kurzerhand an meinen Freund.

»Der ... der Wolf kommt hierher!«

Mehr brachte ich nicht über die Lippen und augenblicklich wurde mir klar, daß dieser unglücklich formulierte Satz seine Panik nur noch steigern würde. Zumindest war nun sein Brechreiz vergessen, denn er klammerte sich an meinen Arm und meinte, daß wir nun verloren seien. Ich schüttelte mit dem Kopf und meinte, daß uns der Wolf vielleicht nur gefühlt hatte, daß er vielleicht nur weiß, daß wir hier hineingerannt sind. Gewiß würde der Wolf blindlings in diese Einfahrt laufen und sich zunächst einmal um diese Bauarbeiter kümmern, die dort auf dem Fabrikgelände ihren Zement mischten oder was auch immer. Mein Freund nickte und stammelte dabei irgend etwas vor sich her. Ich preßte meine Hand auf seinen Mund, und wir warteten in lautloser Stille. Selbst die Geräusche, die die Maschinen auf dem Gelände gemacht hatten, schienen für diesen Augenblick verstummt zu sein, als der Wolf durch die Einfahrt gerannt kam. Er rannte weiter!

»Los!« flüsterte ich, und wir liefen auf Zehenspitzen ebenfalls durch die Einfahrt, nur aber in die entgegengesetzte Richtung. Dann lief ich so schnell ich konnte nach rechts die Straße hinunter. Alles schien menschenleer zu sein. Einige Autos waren willkürlich auf der Straße abgestellt worden und selbst ein Bus mit eingeschalteter Warnblinkanlage wirkte verlassen. In der Panik erkannte ich jedoch zu spät, daß mein Freund links herum gelaufen war, in die Richtung, aus der der Wolf ursprünglich gekommen war. Natürlich war seine Entscheidung intuitiv günstiger als meine gewesen, denn nun hatte ich den Wolf erneut im Rücken und mußte also wieder dafür sorgen, daß er an mir vorbeilief, ohne mich zu bemerken. Immerhin hatte er vier Beine und bewegte sich mit einer schier unglaublichen Geschwindigkeit.

Plötzlich veranlaßte mich irgend etwas, kurz nach hinten zu blicken. Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Der Wolf kam wieder aus der Einfahrt herausgeschossen und obwohl er sich mindestens hundert Meter weit entfernt befand, konnten wir uns gegenseitig in die Augen blicken. Ich hätte mit großer Wahrscheinlichkeit sogar seine Augenfarbe bestimmen können, denn es war so, als würde mein Gehirn diese eine Situation verlangsamen, wie in der Kindheit, wenn man z.B. mit dem Fahrrad stürzte. Für einen Augenblick wurde die Zeit gedehnt und bot somit genügend Raum für vernünftige Reaktionen, um die Gefahren des Sturzes zu vermindern. Dieses Mal verlangsamte sich meine Wahrnehmung auch, aber dafür wurden seine Augen regelrecht herangezoomt, und ich konnte direkt in sie blicken. Eine Gänsehaut des Grauens lief meinen Rücken hinunter, und ich sprintete hinter einen weißen Kombi. Ich duckte mich sofort ab und mein beinahe aussichtsloser Plan war, zu warten, bis er sich auf meiner Höhe befand, so daß ich dann um den Wagen herumkriechen konnte.

In der Stille dieses Moments hörte ich mein klopfendes Herz. Es war, als ob sich mein Herz auf die Größe meines gesamten Körpers ausgedehnt hätte. Überall klopfte es in einem unerträglichen Rhythmus.

Bumm Bumm. Bumm Bumm.

Als sich der Wolf nun auf meiner Höhe befand, kroch ich wie geplant um den Wagen herum. Ich schob meinen Kopf ein wenig höher, so daß ich nur eben über das Dichtungsband des Seitenfensters blicken konnte. (Kurz fiel mein Blick auch auf dieses schwarze Band, es war so deutlich, so unglaublich deutlich!) Ich blickte durch die Seitenscheibe des Wagens und konnte den Wolf direkt erblicken. Er stand dort auf der Straße. Auf eine Art war er wunderschön, auch wenn er mindestens 1,60 m hoch war, sein Kopf jedoch wirkte, als sei er regelrecht aufgeblasen worden und schien mindestens viermal so groß wie der eines normalen Wolfes. Seine Vorderpfoten waren weiß, aber seltsam nach innen gekrümmt. Nun verstand ich auch, warum seine Fortbewegungsart mich so an einen Schimpansen erinnert hatte. Sein gewaltiges Maul war etwas geöffnet. Sehr klar hatte ich Einblick auf seine schrecklichen Zähne. Die Reißzähne hatten mindestens die Größe eines Zeigefingers. Angst und Faszination diesem Tier gegenüber mischten sich, und jäh verschwanden diese Gefühle, als er seinen Kopf drehte und in meine Richtung schaute.

Ich duckte mich wieder ab, hielt den Atem an und versuchte zu hören, ob er sich nun weiterbewegte oder nicht. Intuitiv krabbelte ich ein wenig weiter, so lautlos wie nur eben möglich. Ich wollte es bis zum Kofferraum schaffen, mehr nicht, nur bis zum Kofferraum! Wenn er dann tatsächlich um diesen Wagen herumlaufen würde, dann könnte ich nötigenfalls versuchen, wie eine Schlange auf das Wagendach zu kriechen, damit er meine Hände und Füße nicht sehen konnte. Ich hörte sein Hecheln, dann ein Tapsen, als würde er lässig, und sich seines Sieges sicher, in meine Richtung schlendern. Jede Bewegung, die nötig war, um bis zum Kofferraum zu gelangen, vollzog ich in einer kaum jemals wieder nachahmbaren, langsamen Geschwindigkeit. Endlich! Endlich hatte ich diesen Punkt erreicht, ohne das Gefühl gehabt zu haben, unmittelbar entdeckt worden zu sein. Doch ich sollte mich geirrt haben, denn ich vernahm deutlich, wie der Wolf um den Wagen herumgelaufen kam. Sofort glitt ich auf den Kofferraum und zog mich hoch bis auf das Wagendach. Dort wollte ich mich nur noch so platt wie möglich machen, damit er mich nicht sehen konnte, wenn er nach oben blicken würde. Ganz fest preßte ich meine Augen zu und hoffte, daß ich sie bald wieder aufmachen und erkennen konnte, daß er von mir abgelassen hatte und woanders seine grausamen Taten vollzog, aber nur nicht hier an diesem Ort, mit mir! Plötzlich öffnete sich irgend etwas in meinem Kopf. Ich hörte eine Stimme! Ja, es war unglaublich, aber ich hörte eine Stimme, die eindeutig nicht zu meinen eigenen Gedanken gehören konnte. Diese Stimme sprach zu mir, aber es war nicht meine, sondern die des Wolfes!

»Ich höre Dich! Ich höre Deinen Atem! Deine Bewegungen, die Du gemacht hast, als Du auf das Wagendach gekrochen bist. Ich höre Dein Keuchen und Dein Herz, wie es in der Aufregung wild schlägt und den Tod erwartet.«

Ich hörte wirklich diese Stimme in meinem Kopf. Ich war überzeugt, daß der Tod eintreten würde, gerade jetzt, wo ich nun schon begann die Stimme meines Mörders zu halluzinieren. Nur im Angesicht des Todes ist man zu solch verrückten Erfahrungen in der Lage, die allen Gesetzen der Wissenschaft trotzen. Dann hörte ich ganz deutlich, wie der Wolf auf die Motorhaube des Wagens sprang und vernahm mit der intensivsten Klarheit, die ich je in meinem Leben besessen hatte, sein Hecheln und roch seinen nach geronnenem Blut stinkenden Atem.

Nun war es soweit. Ich hatte mir den Tod immer als etwas Grauenvolles vorgestellt, etwas Unausweichliches. In diesem Moment jedoch erkannte ich, daß er zwar unausweichlich war, aber mir wurde auch klar, daß ich schon immer Angst vor dem Sterben gehabt hatte, einen sich in die Länge ziehenden Tod, der schmerzhaft und grausam war. Wiederherum konnte ich nun glücklich sein, denn der Tod würde schnell und gründlich kommen. Ich wollte auch nicht darüber nachdenken, ob dieser Wolf mich nun in der Mitte durchbeißen oder mich an einem Stück verschlingen würde, damit ich in seinem Magen aus Mangel an Sauerstoff ersticke.

Wieder öffnete sich etwas in meinem Kopf und diesmal war es so, daß der Wolf nicht direkt zu mir sprach, es war eher zu vergleichen mit einer Erinnerung seiner selbst, die er mir nun irgendwie übermittelte, so daß ich sie regelrecht nacherleben konnte.

»Ich bin ein Wolf. Ein anderes Wesen. Ein Wesen, daß die uralten Indianer erschaffen und ausgesetzt hatten, um jeden Menschen zu fressen, der es nicht geschafft hatte, genügend Energie und Kraft anzusammeln, damit er das letztendliche und wichtigste Ziel, das ein jeder Mensch besitzen sollte, erreichen kann.«

Ich sah ganz deutlich vor meinen Augen diese Indianer, wie sie diesen Wolf erschaffen und auf ihre Stammesangehörigen losgelassen hatten, um sie somit einer unglaublichen Prüfung zu unterziehen. Hatten sie genügend Energie angesammelt, um sich dem Anblick des großen Geistes zu stellen? Durchgefallen waren jene, die sodann von diesem riesigen Wolf gefressen wurden. Eine gewalttätige und unverantwortliche Prüfung, so schien es mir in meinen Augen, aber mir war klar, daß dieser Wolf, aus mir noch bisher unbekannten Gründen, in unsere Zivilisation und Zeit eingetreten war, um mit dieser furchterregenden Prüfung weiterzumachen.

Wie ein unerklärbarer Zwang, der unvermittelt auf mich einwirkte, öffnete ich meine Augen und schaute direkt in sein rechtes Auge. Er trat zurück und nahm wie ein Zauberer aus einem Film mit schlechten Special-Effects die Gestalt eines Mannes an.

Er war nun sehr muskulös, hatte kurzgeschorenes, blondes Haar, und alles, was von diesem grauenerregenden Wolf geblieben war, war dieser wilde und verrückte Blick in seinen dunklen Augen.

»Du hast etwas Energie, eigentlich nicht genug, um Dich leben zu lassen, aber es könnte reichen. So werde ich erst einmal an Deiner Seite bleiben und Dich auf Deinem Weg zurück begleiten.«

Nun erinnerte ich mich, wen ich da wirklich vor mir hatte.