Die Telepathin

Die Telepathin

 

Ich kann mich noch genau an ihr Gesicht erinnern. Sie hatte eine kleine, runde Nase, schmale, fast asiatische Augen und einen kleinen Mund. Ihre Ohren waren etwas groß und liefen nach oben hin etwas spitz zu.

Wenn ich an jenen Tag zurückdenke, als sie mir das ins Büro geschickt wurde, kann ich sehr genau wiedergeben, was sie getragen hatte. Nachdem sie völlig lautlos durch mein Büro schlich und sich alles genau anschaute, als wollte sie sich jedes Detail für immer in ihr Gedächtnis brennen, nahm sie Platz auf dem Stuhl, der für sie vorgesehen war. Nun saß sie mir gegenüber.

Ich vermutete, daß ihre Haare dunkel waren, ja, sie hatten einen roten Schimmer, vielleicht hatte sie ihre Haare irgendwann einmal mit Henna gefärbt. Mittlerweile hatte sie ihre Beine bis zum Körper hochgezogen, und ihre blanken Fußsohlen stützten sich an der Kante der Sitzfläche ab. Leicht schwang sie ihren Körper hin und her.

Ich runzelte meine Stirn. Meine Neugier war noch immer nicht gestillt. Ich wollte mehr von ihr sehen. So glitt mein Blick weiter an ihr hinauf, und ich sah, daß sie eine schwarze Hose trug, die unten ein wenig umgeschlagen war. Als ich weiter hinaufschaute, erblickte ich seitlich einen schmalen, schwarzen Gürtel und der Bund der Hose lappte ein wenig darüber. Im weiteren trug sie eine hellblaue, verwaschene Bluse, die sie in die Hose gestopft hatte. Die obersten zwei Knöpfe der Bluse waren geöffnet, aber sie gewährte mir keinen Einblick in ihr Dekolleté, weil ihre Knie störten, doch dafür konnte ich ihren Hals deutlich sehen. Er war wunderschön glatt, und wenn sie ihren Kopf zur Seite drehte, traten malerisch gezeichnete Sehnen hervor. Ihr Kinn war rund und makellos geformt, völlig eben, als hätte sie das Alter von zwanzig Jahren nie überschritten. Weiter durfte ich nicht blicken!

Natürlich hätte ich gern in ihre Augen geschaut, so etwas wie einen inneren Kontakt zu ihr aufgenommen, so, wie man es eigentlich mit allen Menschen tut, denen man begegnet, aber in diesem Fall war dies nicht möglich. Nein, so gern ich es auch getan hätte, es war nicht erlaubt! Sicher, ich arbeitete bereits seit sechs Jahren in diesem Büro, und ich habe bisher jeden direkt angeschaut, der hier saß, doch bei dieser jungen Frau war es anders. Sie war nämlich zuvor bei meinem Kollegen. Der liegt nun in der Krankenabteilung. Ins Krankenhaus hatten wir ihn nicht bringen dürfen, denn das Büro, in dem ich saß, gab es offiziell gar nicht. Auch gab es das Institut nicht, für das ich arbeitete, selbst wenn es staatlich finanziert wurde.

Um mich nun von dem Wunsch, ihr in die Augen zu blicken, abzulenken, starrte ich weiter auf ihre Akte. Ich sprach ihren Namen laut aus, als sei es eigentlich eine Frage, die sie nun zu bestätigen hatte. Sie antwortete immer nur mit einem »Hmhm«, und aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass sie mich nicht fixierte, sondern, dass sie ihren Kopf mal nach links und dann wieder nach rechts drehte. Sie schien immer noch dabei zu sein, mein Büro peinlich genau zu studieren.

Auf dem Einlieferungsformular stand, dass sie ohne Anwendung von Gewalt in dieses Institut gebracht worden war. Sie sei freiwillig mitgegangen, so hieß es in einer Zeile für sonstige Bemerkungen.

Im Weiteren fand ich auch noch einen handgeschriebenen Zettel. Es war die Handschrift meines Kollegen, das konnte ich genau erkennen. Er hatte mir so manches Mal eine Notiz auf meinen Schreibtisch gelegt, wenn er mir etwas mitteilen wollte. Dieses Mal jedoch handelte es sich um einige Notizen, die er für sich selbst geschrieben hatte, welche die mir gegenübersitzende Person betrafen. Die Notizen schienen in aller Eile geschrieben worden zu sein, und ich begann, die Handschrift zu entziffern.

Plötzlich teilte sich etwas in mir in zwei Hälften, es war kein starkes Gefühl, sondern eher ein ganz seichtes, irgendwo weit im Hintergrund. Eine dieser Hälften nahm etwas Unangenehmes wahr, es war ein Lächeln. Es war das Lächeln dieser jungen Frau. Ich blickte hoch, aber nur bis zu ihrem Kinn, und tatsächlich, sie lächelte. Sie wusste also, dass mein Kollege diese Notiz geschrieben hatte. Als ich den Zettel näher an meine Augen hielt, um seine Handschrift noch besser entziffern zu können, las ich etwas über einen »allgemeinen Zustand« und »verdrehte Denkweise der Patientin«.

Patientin. Na ja, dieses Wort ist schon immer von so manchem Institut ausgenutzt worden. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass sie dieses junge Ding doch mit Gewalt hierher gebracht hatten und dass sie sich selbst bestimmt nicht als Patientin betrachtete, sondern als völlig normal.

»Normal«, sprach sie plötzlich laut aus.

Ich erschrak regelrecht. Zuerst hatte ich es gar nicht verstanden, aber plötzlich schoss es mir durch den Kopf. Immerhin war das Wort, dass sie laut ausgesprochen hatte, genau das, was ich als letztes dachte. Vielleicht war es ein Zufall, vielleicht aber auch nicht. Diese junge Frau ist ja immerhin zu mir gebracht worden, weil sie gewisse abnorme Verhaltensweisen gezeigt haben soll. Langsam wurde ich doch unruhig und musste wieder an meinen Kollegen denken. Er soll die ganze Zeit geschrien und um sich geschlagen haben, als er in die Krankenabteilung gebracht wurde.

Mit großem Nachdruck wurde mir daraufhin gesagt, dass das Mädchen, welches sie mir ins Büro bringen würden, extrem gefährlich sei und dass ich unbedingt vermeiden solle, ihr direkt in die Augen zu schauen. Mein Kollege hingegen hatte wohl nicht widerstehen können. Vielleicht war doch nur alles Unfug und ein Test der obersten Etage, um meine Loyalität zu testen, doch das konnte ich getrost verwerfen, denn solche Tests wurden bestimmt nicht mit solch einem Aufwand durchgeführt, dass sie meinen Kollegen auf einer Trage davontragen mussten.

»Woher kommen Sie?« fragte ich, da ich auf dem Einlieferungsformular keine Adresse, keinen Wohnort entdecken konnte.

»Das darf ich nicht sagen!«

Ach, eine von denen, dachte ich. Solche Früchtchen kenne ich. In der Regel sind es immer Frauen, die solche geheimnisvollen Aussagen machten, um entweder Verwirrtheit oder psychische Kräfte vorzutäuschen, die sie natürlich in jedem Fall nicht kontrollieren konnten und deshalb psychologische Hilfe benötigten.

»Kommen Sie aus Deutschland?«

»Nein, weder noch.«

»Oder vielleicht aus einem anderen Land in Europa?«

Darauf antwortete sie nicht mehr, sondern drehte wieder ihren Kopf mal nach links, dann wieder nach rechts, zumindest so weit ich es aus den Augenwinkeln feststellen konnte.

»Warum sind Sie hierher gebracht worden?«

»Gut formuliert«, entgegnete sie und schlang ihre Arme fester um ihre Beine, damit sie diese näher an den Körper heranziehen konnte.

In diesem Moment fühlte ich, wie sie mich anstarrte. Sie hatte nun aufgehört in der Gegend herumzuschauen. Irgendwie meinte ich, ihre Augen auf meinem Scheitelpunkt zu fühlen und ich beschloss, mich ein wenig in dem Stuhl zurückzulehnen.

In meiner linken Hand befand sich noch immer der Zettel meines Kollegen. Seine Schrift war einwandfrei schlecht und kaum zu entziffern. Ich las Worte wie: »Nicht mehr ausbalanciert« und »gespalten«, sowie »eindringlich« oder »besinnlich«. Plötzlich entdeckte ich, dass auch etwas auf der Rückseite geschrieben war, ein Lichtreflex ließ mich kurz ein wenig durch den Zettel blicken und so war es mir aufgefallen. Ich drehte den Zettel um und freute mich über eine wesentlich bessere Handschrift, aber bevor ich lesen konnte, was dort stand, hörte ich ihre Stimme:

»Ich würde das nicht lesen!«

Fast hätte ich automatisch aufgeblickt und in ihre Augen geschaut, wie man es so oft tut, wenn man plötzlich angesprochen wird, aber ich blieb wieder an ihrem Hals haften.

»Was meinen Sie damit?«

»Ja so, wie ich es gesagt habe.«

»Warum soll ich das nicht lesen?«

»Das hat Dein Kollege geschrieben und es ist besser, wenn Du…« sie hielt inne und sprach einfach nicht mehr weiter. Mir schien es für einen Moment so, als hätte sie dies mit Absicht getan. Sie wollte gewiss meine Neugier steigern und verlangte nun wortlos, dass ich nachfragte, sie darum bat, ihren Satz zu Ende zu sprechen. Nein, dachte ich mir, das werde ich nicht tun. Als ich mich wieder nach vorn setzte, spürte ich wieder diese seichte Spaltung in mir.

Erneut teilte sich etwas in mir und im gleichen Moment kam dieser eine Gedanke. Meine Beine begannen zu zittern und ich versuchte meine plötzliche Unsicherheit unter dem Schreibtisch zu verbergen. Es war fast unerträglich.

Es gibt manchmal Momente in einem Leben, da kann man einen Gedanken nicht mehr verwerfen. Er brennt sich ins Gehirn und schreit förmlich nach Ausdruck. Er möchte dann, dass man ihm Folge leistet.

Gerade jetzt kam mir ein solcher Gedanke. Ich wehrte mich verzweifelt dagegen, hustete sogar, nur um mich abzulenken, diesen einen Gedanken zu verdrängen, ihn abzuschütteln wie ein lästiges Insekt, aber es war unmöglich. Ich rückte mit meinem Stuhl ein wenig nach vorn, meine Hände krallten sich in die Armlehne und ich hoffte auf Erlösung. Aber alles was ich tat, schien diesen einen Gedanken nur noch zu verstärken.

»Schau mir in die Augen!« forderte sie beinahe flüsternd und sie hatte nun genau den Gedanken ausgesprochen, der sich auf unheimlichste Art und Weise in mein Gehirn eingebrannt hatte und danach rief, befolgt zu werden. Ich riss mich aber dennoch zusammen und widerstand ihrem fordernden Sog. Ich räusperte mich noch einmal, um meine Unsicherheit weiter zu verbergen, als sie mich plötzlich wieder ansprach:

»Lies den Zettel!«

Still in mir dankte ich ihr, denn mich nun auf meine Papiere zu konzentrieren, ja, das sollte Erleichterung bringen. So nahm ich den Zettel hoch, hielt ihn mir vor die Augen und versuchte die letzten Worte meines Kollegen zu entziffern, die er in einer zum Glück besseren Schrift niedergeschrieben hatte. Meine Augen waren verschwommen und ich musste mehrere Male blinzeln, aber ich konnte es trotzdem lesen:

»Es gibt manchmal Momente in einem Leben, da kann man einen Gedanken nicht mehr verwerfen. Er brennt sich ins Gehirn und schreit förmlich nach Ausdruck. Er möchte dann, dass man ihm Folge leistet.«

Ich war geschockt. Ich war wirklich geschockt. Siedend heiß lief mir der Schweiß an der Stirn herunter, floss in meine Augen, dass sie zu brennen begannen. Meine Hände waren schlagartig feucht und ich rieb sie zwanghaft an meinen Oberschenkeln ab. Sie hatte mich! Diese Erkenntnis und auch die, daß es meinem Kollegen genauso ergangen war, überflutete nun mein Bewusstsein, und ich blickte auf. Ja, ich schaute in ihr Gesicht und somit in ihre Augen. Ich erwartete nun das Schlimmste, aber nichts geschah. Sie lächelte und nickte nur mit dem Kopf…

Dieses Nicken erinnerte mich an etwas, es war etwas aus meiner Kindheit. Ja genau, sie nickte und es belebte mich, es riet mir aufzuspringen und den ganzen Tag zu umarmen und zu wissen, dass ich in einer Welt lebte, in der alle Dinge ineinandergriffen und zusammen gehörten. Doch dann tauchte diese Spaltung wieder auf und als ich endlich ihre Augenfarbe bestimmen konnte, schien sich etwas in ihr zu öffnen und all das, was in ihr existierte, strömte aus ihren Augen heraus und drang durch meine in mich hinein.

Ich schrie laut auf und es blitzte immer wieder vor meinen Augen. Das Blitzen ebbte nun langsam ab und ohne darauf vorbereitet zu sein, nahm ich plötzlich Bilder wahr. Sie waren plastisch und deutlich, als blickte ich auf eine Leinwand.

Als ich aufhörte, mich dagegen zu wehren, wurde mir klar, dass diese Bilder Erinnerungen aus ihrem Leben waren. Ihr ganzes Leben lief nun wie ein Film vor meinen Augen ab und ich erkannte, dass sie tatsächlich weder in Deutschland noch in Europa wohnte. Es war auch kein anderer Planet, als dass ich sie als eine Außerirdische hätte bezeichnen können, sondern sie kam ganz einfach aus einer anderen Realität. Ich hatte keine Fragen mehr an sie, weder ernst gemeinte noch obligatorische. Alles raste an meinen Augen vorbei, jede Situation und jeder Moment ihres Lebens. Die herzzerreißenden und auch die bewegendsten Momente. Kein Buch hätte ausgereicht, um ihr Leben zusammenfassen zu können, aber es gab einige Hauptpunkte in ihrem Leben, so etwas wie einen Lebenslauf:

Sie ist nicht so geboren worden wie wir. Man könnte wirklich sagen, daß sie als Erwachsene zur Welt gekommen ist, so als sei sie ausgewachsen und ganz plötzlich in ihrer Welt erschienen. Zu Anfang wird jedes Mitglied ihrer Realität mit Erinnerungen an Eltern und an eine Geburt angefüllt, aber sobald man eine Zeit lang dort lebte, zerfielen die Erinnerungen, und man wurde erwachsen. Erwachsen sein bedeutete aber so viel wie: erkannt zu haben, dass man von irgendwoher in diese Realität projiziert worden ist und man bekommt dann automatisch die Fähigkeit, sich woanders hinzuversetzen, wo immer man hin möchte. Ich nahm die Welten wahr, die sie bereits besucht hatte, und ich verstand somit auch, warum man meinen Kollegen auf die Krankenstation gebracht hatte: Er hatte diesen intensiven Gedankentransfer einfach nicht verarbeiten können. Dieser lief eindeutig über die Augen ab, aber nur, wenn sie es wünschte. Ansonsten hätten ihre Streifzüge durch andere Realitäten gewiß nur nervliche Wracks hinterlassen. Vielleicht war ich psychisch stärker als mein Kollege und konnte diese Informationen leichter verarbeiten.

Der Schweiß auf meiner Stirn war nun verschwunden, und ich konnte mich erleichtert zurücklehnen. Die letzten Bilder ihres bisherigen Lebens liefen an mir vorüber und fanden einen angenehmen Ausklang.

Nachdem sie zusah, wie ich mich von dieser Erfahrung erholte, dankte ich Gott, von dem ich nicht mal mehr wusste, ob er noch lebte oder mir überhaupt zuhören würde. Ich hatte gehofft, dass ich nicht wie mein Kollege enden wollte, und es war mir gelungen.

Als ich sie anschaute, lächelte sie noch immer und ich tat es ihr nach.

»Ist das jetzt alles wirklich wahr gewesen?« fragte ich sie stammelnd.

Sie nickte wissend, so wissend, dass es keinen Zweifel mehr zuließ.

»Das ist ja unglaublich«, sagte ich und atmete noch einmal tief durch.

»Ich weiß«, entgegnete sie.

Trotz aller Vertrautheit, die ich nun ihr gegenüber empfand, denn ich hatte immerhin ihr ganzes Leben erlebt, meinte ich doch noch eine List in ihrer Stimme zu erkennen. Ja, da war definitiv etwas Listiges in ihrer Stimme, so als hätte sie die ganze Zeit einen Plan verfolgt, den sie mir aber bei dem Gedankentransfer vorenthalten hatte. Ich schaute erneut in ihre Augen, trotz der Angst, dass ich das Ganze noch einmal mit durchmachen mußte und hoffte, genau diese eine Information zu erhalten, die noch fehlte; dem ganzen Geschehen hier einen Sinn geben. Wozu sie überhaupt gekommen war und warum sie sich hat in dieses Institut bringen lassen? Sie hätte doch jederzeit fliehen können. Ich wollte unbedingt den Sinn des Ganzen verstehen.

»Ich kann es nicht ergründen, aber ich will es trotzdem wissen«, sagte ich mit dem Wissen, dass ich nicht mehr sagen musste, um sie verstehen zu lassen, was ich von ihr wollte.

»Du willst alles wissen, stimmt’s?«

»Ja, ich will.«

»Gut, mehr wollte ich nicht. Ich wollte nur Deine Zustimmung, denn ohne die hätte ich es Dir nie sagen dürfen.«

Sie öffnete ihre Sitzhaltung, stand auf und schaute zur Tür.

»Wohin willst Du? Willst Du jetzt einfach so verschwinden?«

Sie schüttelte mit dem Kopf.

»Was hast Du dann vor? Möchtest Du jetzt wieder in eine andere Realität springen?«

»Nein,« sagte sie, »ich will Dich nur zurückbringen.«

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.