gedichte aus england h.g. wells zeitmaschine

Misses Mordreds Geheimnis

Eine Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas


Mit ihren zarten, blassen Fingern tastete sie den oberen Rand des Briefes ab, suchte behutsam nach einer kleinen Öffnung, durch die sie vielleicht nur einen einzigen Buchstaben hätte erkennen können, aber der Brief war gut versiegelt. Das dunkle Wachs mit seinen verschnörkelten Initialen schaute sie höhnisch an und schien seinem Sinn verbissen erfüllen zu wollen.

Enttäuscht ließ sie den Brief wieder auf den Tisch gleiten und schaute mit leuchtenden Augen erneut auf den Absender des Briefes:

Ein Brief von H. G. Wells persönlich!

Dies war eigentlich keine Besonderheit, denn laut ihrem Ehemann, Professor Mordred, korrespondierte er schon seit vielen Jahren mit ihm, doch mehr hatte er ihr gegenüber leider nie erwähnt, seit sie vor vier Monaten seine Frau wurde.

Anne Mordred hatte bereits einige Male Informationen über Mr. Wells in Erfahrung gebracht und wusste, dass er in Sandgate in der Nähe von Folkestone mit seiner Frau und zwei Kindern in einem wunderschönen Haus lebte. Als begeisterte Literatin wusste sie zudem, dass in Sandgate so einige berühmte Schriftsteller wohnten, wie auch Sir James Barrie und George Bernhard Shaw, die seit ihrer Jugend ebenso ihre absoluten Favoriten waren. Sie lebten ebenfalls in der Nähe und Shaw war gleichzeitig Mr. Wells bester Freund.

Wie oft hatte sie sich in ihrer Fantasie immer wieder vorgestellt, dass sie Shaw oder Wells einmal persönlich begegnen würde, nicht aus einem familiären Interesse heraus, das lag ihr fern, sondern nur, um in die Augen dieser Meister zu blicken und eine gepflegte Konversation zu führen, Fragen zu stellen, die einen begeisterten Anhänger nun einmal beschäftigten und es gab keinen Zweifel darüber, dass Wells Werk über die hypothetische Existenz einer Maschine, die einen Menschen durch die Zeit befördern könne, faszinierend war und einen revolutionären Gedanken darstellte.

All diese Details füllten immer und immer wieder ihren hübschen jungen Kopf, während ihr Blick weiterhin auf dem Brief ruhte, als wollte sie ihn hypnotisieren und er sich daraufhin vielleicht von allein öffnen würde, um den Inhalt endlich preiszugeben.

Dann blickte sie erneut auf das Siegel und erkannte, dass es mit einer dunklen Kerze vielleicht leicht nachzuahmen sein könnte, wenn sie es einfach aufbräche oder sie würde es schlichtweg vorsichtig lösen und später mit ein wenig Wachs am Unterboden wieder befestigen, aber sie wusste auch, dass solche Siegel aus einem wesentlich härterem Wachs bestanden und sehr leicht brechen konnten.

Schnell holte sie ein kleines Messer aus der Küche, schob die dünne Klinge ein wenig unter das Siegel und fuhr nun immer ein Stückchen mehr um es herum. Wenn dieses Siegel brechen würde, so fieberte es in ihr, so würde ihr Mann sie verstoßen, das war gewiss, denn seine Privatsphäre war sein höchstes Gut. Sobald es nur ein kleines Knackgeräusch geben würde, wäre es um sie vollends geschehen.

Wie verrückt diese Situation doch war, so floss es mit einem Mal, fast sarkastisch und humorvoll, in ihr Bewusstsein: Denn dieses kleine Knacken entschied schnell über die Zukunft ihres weiteren Lebens und all die schönen Annehmlichkeiten des Reichtums und Luxus könnten mit einem Mal verblassen, sie vielleicht unlängst seine Ehefrau gewesen sei und wieder in einem kleinen Geschäft in Londons Straßen zu arbeiten hätte.

In welch haarsträubende Situationen sie sich überhaupt immer wieder in ihrem Leben gebracht hatte und welch Änderung es allein durch die Begegnung mit Mordred erfahren hatte, ließ sie im Nachhinein an ihrem Verstand zweifeln.

Nun löste sich das Siegel langsam und es schien unversehrt, den Rest, so spekulierte sie, würde hoffentlich der Wasserdampf erledigen.

Ein erfülltes und selbstzufriedenes Lächeln huschte über ihre vollen Lippen und sie erahnte sich schon ganz in der Nähe intimster Informationen über eines ihrer größten Vorbilder… und über ihren geheimnisvollen Ehegatten.

Endlich war der schwerste Teil ihrer spontanen und noch nicht wirklich hinterfragten Aktion geschafft, bis sie auch schon auf leichten Füßen zum Ofen in der Küche lief und freudig strahlend aus dem Fenster blickte, während der Brief den ersten heißen Dampf behutsam einatmete.

Anne dachte noch kurz über die Schwierigkeiten nach, in denen sich ihr Ehemann befand. Immerhin stand er unter Mordverdacht, eine junge Studentin getötet zu haben, aber sein Alibi war einwandfrei. Dennoch ging Gerücht um, dass Professor Mordred mit finsteren Mächten in Verbindung stünde, mit denen es ihm möglich gewesen sein soll, an zwei Orten gleichzeitig gewesen zu sein.

Ein Schaudern lief über ihren Rücken und stellte ihre hellen Nackenhaare aufrecht.

Sie hielt nun die andere Seite ebenfalls über den Wasserdampf, damit er sich ein wenig mehr erwärmte.

Was wäre wenn sich dieses Gerücht durch den Inhalt des Briefes erhärten würde? Vielleicht, so schoss es ihr durch den Kopf, würde sie etwas über ihren Ehemann herausfinden können, das niemand wusste. Gegebenenfalls, so rechtfertigte es sich fast wie automatisch in ihren Gedankengängen, könnte sie somit helfen, einen ungeklärten Fall aufzuklären.

Ein finsteres Lächeln schlich sich langsam in ihre Gesichtszüge ein, denn als seine Ehefrau würde ihr sein Vermögen weitaus spendabler zur Verfügung stehen.

Der Brief öffnete sich.

Schnell schob sie den Topf von der Kochstelle und eilte zurück zum Tisch. Als sie ihn aus dem Umschlag nahm, vollführte sie dies mit einer fast rituellen und langsamen Bewegung, um diesen Moment völlig in sich aufzusaugen, während das Blut in ihren Kopf schoss und das leichte Frösteln schnell verschwinden ließ…

„Lieber Professor Mordred,

vielen Dank für Ihren Brief. Wie Sie wissen, habe ich dieses Haus hier in Sandgate nun seit geraumer Zeit fertiggestellt. All dies wäre mir nicht möglich gewesen, wenn mein Buch „Krieg der Welten“ nicht veröffentlicht worden wäre, denn es lieferte mir die notwendigen finanziellen Mittel, um meine Theorien nun gänzlich in die Praxis umwandeln zu können. Wie abgesprochen habe ich das Haus wohlweislich mit einen geheimen Raum ausstatten lassen, von dem meine Familie nicht das Geringste wissen kann, um meine Arbeiten in Ruhe und Geduld weiterführen zu können.

Nicht zuletzt bin ich durch Ihre Hilfe nun so weit gelangt, unsere Maschine mit einer größeren Reichweite als nur zwei Wochen auszustatten und die Kondensatoren sowie das elektromagnetische Feld langlebiger und ausdauernder zu konstruieren. Es wäre kaum auszudenken, wenn Sie zukünftig, oder auch in der Vergangenheit, stranden würden und nicht mehr zurückkehren könnten. Mein sehr verehrter Professor, wenn ich jemandem vertraue, dann kommt Ihnen dieses Privileg sicherlich zu.

Wenn Sie mich das nächste Mal besuchen kommen, wäre ich Ihnen für Ihre weitere Hilfe sehr dankbar, denn die ersten Versuche mit dieser Maschine sind noch immer viel zu gefährlich, als dass ich sie selbst durchführen könnte, denn meine Familie liegt mir sehr am Herzen und sie würden ohne einen treusorgenden Vater und Ehemann nicht auskommen. Ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet und weiß Ihren Mut, Ihre Loyalität und Vertraulichkeit weitaus mehr zu schätzen als Ihnen vielleicht bewusst ist. Eine Reise durch die Zeit ist ebenso faszinierend wie riskant, solange wir im Verschwiegenen damit umgehen lernen und uns noch nicht wirklich im Klaren darüber sind, was geschehen könnte, wenn sich plötzlich zwei identische Menschen begegnen, die nur in unterschiedlichen Zeiten leben. Es mag sein, dass dies keine Veränderung bewirken würde, aber es kann auch sein, dass es verheerende Auswirkungen auf unsere Realität besäße und dies würde nicht nur die Existenz meiner Familie gefährden, sondern auch das der Ihrigen. Wir dürfen nicht zu voreilig sein und müssen mit Bedacht an die Experimente herangehen.

In Hochachtung, H. G. Wells“

Anne ahnte Fürchterliches, als ihre wirren Gedanken sich langsam zu ordnen begannen und eine Möglichkeit in Betracht zogen, die ihr den Atem raubte. Sie legte ihre Hand auf ihren Brustkorb und rang nach Luft: Konnte es wirklich sein? Hatte Mr. Wells nicht nur einen Science-Fiction, sondern vielmehr einen Bericht über seine wissenschaftliche Zielsetzung geschrieben und eine unglaubliche, den Verstand in den Wahnsinn treibende Maschine entwickelt, die einen Menschen in der Zeit verschieben konnte? Es war für Anne kaum auszudenken, welche Möglichkeiten sich hier offenbarten.

Sie legte den Brief zur Seite.

Welch verrückter Geschichte sie nun Zeugin geworden war und mit welch durchdringender Klarheit konnte sie nun erkennen, dass ihr Mann diese hübsche Studentin tatsächlich erdrosselt und sich ein stichfestes Alibi mit Hilfe einer unfassbaren Technik verschafft hatte. Sie verstand nun auch die seltsamen Gerüchte, die in der Umgebung kursierten und sie waren vielleicht nicht gänzlich schlicht erfunden. Doch wer würde ihr diese verrückte Geschichte glauben, selbst wenn sie den Brief als Beweis festhielte und Scotland Yard aushändigen würde?

Gleichzeitig gruselte es sie, nur annähernd darüber nachzudenken, zu welch verrückten Taten ihr Ehemann in der Lage sein könnte, wenn er erfuhr, dass sie ihm dermaßen in den Rücken fiele und vielleicht sogar Kronzeugin im Ermittlungsverfahren gegen ihn wäre. Er könnte durchaus fliehen und die Zeitmaschine dazu missbrauchen, um sie zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens aufzusuchen und ebenfalls zu erdrosseln oder einfach ihre Eltern zu töten, damit sie niemals das Licht der Welt erblickte. Es wäre gar denkbar, dass Mordred bereits über ihre gewissenlose Tat Bescheid wusste und jeden Moment irgendeine zeitverschobene Version seiner selbst ins Haus käme und sie dafür büßen ließe.

Ängstlich schob sie den Brief wieder zurück in den Umschlag und machte sich daran, ihn sorgfältig und ohne jede Spur wieder zu verschließen, auf dass es ihrem Mann niemals auffiele.

In welch verrückte Situation sie sich nun wieder gebracht hatte, so glitt es ein weiteres Mal makaber aber humorvoll in ihr Bewusstsein, denn selbst eine kleine, auffällig gelöste Stelle am Siegel könnte jetzt nicht nur ein Leben in Armut bedeuten, sondern es sogar endgültig beenden.

Niemals hätte sie zu Träumen gewagt, dass einst das Siegel H. G. Wells über die Dauer ihres Lebens entscheiden könnte.

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