Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Der vergessene Kultureinbruch


(erschienen im Magazin "Lebens(t)räume", Ausgabe Oktober 09)
verfasst von © Jonathan Dilas

 

Als Albert Einstein vor einem Globus stand und ihn mit der Hand in alle Richtungen drehte, schüttelte er irritiert seinen Kopf. „All diese Farben“, sagte er, „am liebsten wären mir nur zwei Farben. Blau für die Meere und Braun für die Länder.“

Damit wollte Einstein auf seine einfache und logische Art zum Ausdruck bringen, dass die vielen Länder und Grenzen mit all ihren unterschiedlichen Farben auf einem Globus ein Zeichen dafür sind, dass unsere Nationen nicht vereint sind. Für ihn war es unverständlich, weshalb unsere Welt nicht in der Lage war, das Problem zu erkennen. Einstein wünschte sich stets eine einheitliche Regierung und die Vereinigung aller Länder. Hungersnot, Elend, Armut, Kriege und viele andere Probleme in unserer Welt wären auf diese Weise viel schneller gelöst. Wenn man sich jedoch einmal anschaut, welche Gründe für Kriege und Hungersnot verantwortlich sind, dann ist die Länderteilung sicherlich einer der primären Punkte. Besäßen wir keine Grenzen und keine Länderteilung, so gäbe es kein fremdes Land mehr, das angegriffen werden könnte, denn sämtliche Länder wären vereint. Jeder Mensch stünde auf der gleichen Position wie alle anderen und die globalen Probleme könnten in kürzester Zeit gelöst werden. Jeder Mensch könnte darüber hinaus und zu jeder Zeit das Land seiner Wahl aufsuchen und sich entscheiden, dort zu leben. Die Freiheit des Individuums wäre in dieser grenzenlosen Welt wieder um ein Stück gewachsen.

Woraus resultiert die Länderteilung?

Wer sich die Mühe macht, diese Zukunftsvision weiter zu erschaffen, würde natürlich auch auf die Probleme aufmerksam, die gegenwärtig noch bestehen, auf die Hindernisse und nicht zuletzt die psychischen Barrieren, die jedes Volk mit sich brächte. Eine der ersten Hürden, um diese Zukunftsvision zu realisieren, erfordere die persönliche Überwindung der unterschiedlichen Kulturen, Religionen und politischen Gesinnungen der Länder. Sie sind in erster Linie für die Ländertrennung verantwortlich. In diesem Kontext ist der Mensch als Individuum gefragt und nicht als Angehöriger einer Gruppe oder einer Interessengemeinschaft.

Die Hochkultur des alten Ägyptens

Im alten Ägypten findet sich eine Hochkultur der besonderen Art. Sie demonstrierte die Möglichkeit einer friedlichen Politik gepaart mit Ästhetik und Kunst. Die uns bekannten Pyramiden waren ihrerzeit mit einer Marmorschicht überzogen, ebenso die Straßen und andere Gebäude, die in späteren Dynastien zu Grabkammern umfunktioniert wurden. Der Gang von einem Bauwerk zum anderen war eine Erfrischung für die Füße, wenn sie den kalten Marmor berührten. In den Schulen wird seit vielen Jahren gelehrt, dass für den Bau der Pyramiden Sklaven eingesetzt worden waren. Dieses entspricht nach neuesten Erkenntnissen nicht mehr den Tatsachen.

Die alten Ägypter verfügten nicht über ein Wort für ‚Sklave‘, sie besaßen nicht einmal ein Wort für ‚müssen‘. Neueste Ausgrabungen bestätigen, dass, für die Mithilfe beim Bau von Gebäuden jeder Art, große Marktplätze eingerichtet waren, auf denen Nahrungsmittel im Tausch für die Mitarbeit zur Verfügung gestellt wurden. Diese Mitarbeit war durchaus freiwillig und ein verlockendes Angebot. Das alte Ägypten erhielt erst in späteren Dynastien einen schlechteren Ruf, nicht zuletzt durch die Angaben in der Heiligen Bibel, die das ägyptische Volk negativ darstellte. Eine solche Hochkultur, wie sie in der frühdynastischen Zeit zu finden war, veranschaulichte bereits eine Lösung für Arbeit auf Gegenseitigkeit. Die Vorlage für deren ästhetische Architektur ist bis heute noch ungeklärt. Ebenso der kulturelle Einbruch, der aus ägyptischen Bauern, die im Lebenskampf am Rande des Nils Felder anbauten, ein monarchisches System mit einer extremen Vorliebe für hochkünstlerische Architektur machte. Die alten Ägypter konzentrierten ihre künstlerischen Fähigkeiten neben der Baukunst auch auf Plastiken und Malereien.

In späteren Dynastien zur Amtszeit des Pharaos Echnaton wurde die Kunst extrem von ihm beeinflusst. Waren die Skulpturen und Plastiken stets ästhetisch und wohl geformt gewesen, vielleicht so, wie zu unserer Zeit es in der Modelfotografie zu beobachten ist, so waren sie nun rubensähnlich, verzerrt und unproportional. Selbst nach seinem Tode im Jahre 1334 v. Chr. haben die nachfolgenden Pharaonen diesen Kunststil beibehalten. Die Hochkultur Ägyptens und ihre künstlerischen Fertigkeiten beeinflusste zu dieser Zeit das Land. Erst durch die Entstehung der Religionen wurden die Kulturen dermaßen beeinflusst, dass den Menschen ein statisches Glaubensmodell geliefert wurde, mit Aussagen ihrer Götter, die und Stein gemeißelt oder auf Schriftrollen festgehalten wurden und auf ewig unabänderlich bleiben sollten.

Der Einfluss der Religionen hat sich in fast allen Fällen an den ägyptischen Glaubensannahmen orientiert. Die Kunst wurde missbraucht, um eigene Religionen durchzusetzen. Ein gutes Beispiel liefert der Vergleich folgender Grafiken, von denen die linke eine abgewandelte und veränderte Version der Kirche ist und die rechte die ursprüngliche der Ägypter:

Bild 1                                                                                                Bild 2

Deutlich sieht man, dass die Kirche Bild 2 einfach kopiert und in den Interpretationen abgeändert hat. Die Kunst wurde missbraucht, um eigene Interessen zu verfolgen.

Zu Bild 1 – Interpretation und Abwandlungen der Kirche:

1: Der Engel des Herrn
2: Abraham auf einem Altar festgebunden
3: Der Götzendiener von Elkena versucht Abraham zu opfern
4: Der Altar des Opferns; steht vor den Götzen von Elkena, Libna, Mamakra Korasch und Pharao
5: Der Götze von Elkena
6: Der Götze von Libna
7: Der Götze von Mamakra
8: Der Götze von Korasch
9: Der Götze von Pharao
10: Abraham in Ägypten
11: Dies stellt die Säule des Himmels dar, wie die Ägypter sie sich vorstellen
12: Raqia, das bedeutet Weite oder das feste Gewölbe über uns.

Zu Bild 2:

Interpretation der Ägyptologen:

Das Bild zeigt die mystische Einbalsamierung und Auferstehung von Osiris, dem ägyptischen Gott der Unterwelt. Osiris wurde von seinem eifersüchtigen Bruder Set erschlagen, der seinen Körper in 16 Stücke zerschnitt und zerstreute. Aber Isis, die geliebte Frau von Osiris, sammelte die Stücke geduldig auf und fügte sie wieder zusammen. Der schakalköpfige Gott Anubis wird gezeigt, wie er den Körper von Osiris einbalsamiert auf der traditionellen löwenköpfigen Liege, damit er zum Leben zurückkehren kann. Osiris hält eine seiner Hände über den Kopf, die Handfläche nach unten, als Zeichen von Gram, während seine Seele oder ba, als ein menschenköpfiger Vogel gezeigt, dabei ist in seinen Körper zu fahren. Isis hat in der Zwischenzeit die Form eines Falkens angenommen und schwebt über der Lende von Osiris, der seinen Phallus (ithyphallische Zeichnung) in Erwartung des fortpflanzenden Aktes hält, der Isiris mit deren Sohn Horus schwängern soll. Die vier Söhne des Horus werden als die Köpfe der vier kanoptischen Krüge unter der Liege gezeigt – deren Namen sind Amset, Hapi, Duamutef und Qebehsenuef. Vor der Löwenliege steht eine Trankopferplattform mit Wein, Ölen und einer modischen Papyruspflanze. Im Vordergrund ist ein Becken mit Wasser, welches vorne mit Steinen begrenzt ist und in dem der Krokodilgott Sobek schwimmt. In der ägyptischen Beerdigungsliteratur „wird“ der Verstorbene tatsächliche Osiris und man verweist auf ihn als „der Osiris Hor“ (Hor ist die tatsächlich beerdigte Person).

Viele der gegenwärtigen Texte und Schriften über das alte Ägypten setzen grundlegend voraus, dass die Menschen aus dieser alten Zeit nicht über das Bewusstsein und den Intellekt verfügten, den wir heute besitzen. Doch anhand der überlegenden Kultur im Vergleich zu allen anderen Ländern dieser Zeit, zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass sich dies nicht so verhalten hat. Die Menschen der damaligen Zeit können nicht aufgrund der wenigen Schriftrollen, welche bisher übersetzt wurden, beurteilt werden. So existieren bislang noch über 10.000 unübersetzte Schriftrollen, weil sich hierfür keine Sponsoren finden lassen. Für die wenigen bisher übersetzten Schriftrollen fanden sich neben einigen Museen auch Übersetzer aus dem kirchlichen Bereich, und welche Motivationen die letzteren besaßen, ist deutlich geworden.

So verfügten die alten Ägypter nicht nur über das Wissen von Tierkreiszeichen, den Planeten, ihrer umfangreichen Kunst, Schriftlehre, sondern auch ein großes Wissen über Geometrie, Mathematik und Feldmesskunst sowie von diversen Schminkkünsten und Mode, die selbst in unserer Gegenwart noch angewandt werden. Selbst die (Al-)Chemie, Esoterik und umfangreiche Tierkunde entstand aus diesen Zeiten.

Auslöser für die umfangreiche Anwendung der Kunst im alten Ägypten war ihre Kommunikation mit der Totenwelt, welche wir heutzutage als Jenseits bezeichnen würden. Die Götter waren Wesen, denen sie in ihren Visionen begegneten und glaubten an die Wiederauferstehung des Menschen in einem neuen Gewand. Aus diesem Grunde ist der Haupttrieb ihrer Kunstwerke die Religion gewesen.

Religionen und der alles umwölbende Schöpfer

Der erste Schritt für die Vereinigung von Ländern entsteht durch die Vereinigung von Religionen, die bereit zu erkennen sind, dass der Glaube an einen Schöpfer, der über allen Religionen steht, die einzige Möglichkeit bietet, global einen gemeinsamen Nenner zu finden. Somit wird Allah zu Gott und Gott zu Allah, um es zu vereinfachen, und bietet den Einstieg in eine neue Welt vereinter Länder ohne Armut, Hungersnot, Krieg und Angst vor dem Feind. Auch hier lehren uns die alten Ägypter mit der Zuordnung von Zuständigkeitsbereichen und Charaktereigenschaften der Götter eine verbildlichte Form der Idealisierung. Gott Hathor als Vertreter der Liebe, des Friedens, der Schönheit, des Tanzes, der Kunst und der Musik oder Göttin Seschat als Vertreterin der Schreib- und Rechenkunst. Tajet als Göttin der Webkunst und Ra als Gott der Sonne und Vater aller Götter. Sämtliche Götter existieren in jedem Menschen als schlummernde Fähigkeiten und die Erkenntnis, dass es einen Schöpfer gibt, der alle Religionen überspannt, birgt ebenso die Möglichkeit auf die Vereinigung aller Länder in sich wie die persönliche Einsicht, dass alle Kulturen der künstlerische Ausdruck der Vergangenheit darstellt, aber niemals dazu ersonnen wurden, um Völker voneinander zu trennen.

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Quellen:

  • Der altägyptische Mythos schließt sich eigentlich direkt an den "Osiris-Mythos" an und ist in vielen Variationen und Geschichten erhalten geblieben. Die Recherchen betreffen den ältesten, altägyptischen Text aus der Zeit Ramses dem V. im Jahre 1160 v. Chr.
  • Charles M. Larson “...by his own hand upon papyrus”, S.100–111
  • Eine erweiterte Erklärung zu Dr. Klaus Baer in Dialogue: A Journal of Mormon Thought, Sommer 1968, S.118
  • Hermann A. Schlögl: Das Alte Ägypten. Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra. C.H. Beck, München 2006