Rochen - Astralreisen

Der Springer

»Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen bei Ihrem Problem nicht helfen. Mir sind in meiner Praxis schon viele Sachen zu Ohren gekommen, aber in Ihrem Fall weiß ich einfach nicht weiter. Natürlich sind Ihre Probleme nicht angenehm, aber auch nicht so gefährlich oder destruktiv, als dass ich Sie in ein dementsprechendes Krankenhaus überweisen müsste. Wenn Sie aber darauf bestehen, kann ich mich nach einem entsprechenden Platz für Sie umhören.«

»Nein danke, dann mache ich es lieber auf meine Art.«
»… auf meine Art.«
»… auf meine Art.«

»Bitte auf Null.«

Es knisterte. Nun sah es so aus, als säße ich in einem Kino. Dann löste sich das Bild auf. Kurz darauf ertönte ein elektronisches Piepen auf der oberen linken Seite meines Gesichtsfeldes. Eine Kugel tauchte vor mir auf, ein Hologramm mit einem Raster, auf dem sich eine Art Cursor befand. Dieser Cursor konnte auf dem Raster hin- und herbewegt werden und gegenwärtig stand er auf einem Feld, das ständig zu blitzen schien.

»Gut, auf 7-81.«

So weit ich blicken konnte, sah ich Berge und Täler, die sich, bei meiner Geschwindigkeit, rasch abwechselten. Sie waren in dunkles Licht getaucht, das von großen, bedrohlichen, schwarzen Wolken hervorgerufen wurde. Ein grandioses Trockengewitter mit einem unvergesslichen Panorama bot sich mir dar, und ich flog auf diese Wolkenformation zu. Auf ebenen Flächen entstand die Illusion von helleren und dunkleren Schatten, die über die Erdoberfläche huschten und für kurze Momente riesige Landflächen in Dunkelheit tauchten. Es folgten Blitze und ein Donnern, dass ich glaubte, der ganze Himmel würde aufgerissen.

»Auf zwo.«

Nun verlangsamte sich meine Geschwindigkeit.

Nebelschwaden strömten auf beiden Seiten an mir vorbei und es sah so aus, als wäre die ganze Landschaft mit ihren Bewegungen ein zu schnell abgespielter Trickfilm.

Fokussierung in Reichweite

»Ja? Dann auf drei.«

Ich sah noch einen Blitz, der wohl noch von dem unvergleichlichen Gewitter herrührte, als sich plötzlich eine andere Perspektive einstellte. Von dort aus sah ich eine Frau und einen Mann, die auf einem Gartenzaun saßen.

Sie unterhielten sich sehr angeregt:

»Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dir das abnehme! Du hast sie nicht mehr alle!« sagte er sehr eindringlich.

»Was soll ich denn noch sagen, du glaubst mir doch sowieso nicht!«

Minutenlanges Schweigen folgte. Der Frau standen die Tränen im Gesicht und der Mann ging nun ständig vor ihr auf und ab. Sie schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort hervor.

»Wie oft sollen wir dieses Spiel noch spielen? Ich habe jedenfalls die Nase voll! Ab morgen kannst du dein weiteres Leben ohne mich leben!«

Die Frau weinte nun. Dann schaute sie ihn noch einmal an.

»Zurück.«

Das Raster erschien wieder. Der Fokus stand nun auf einem anderen Feld.

»Fokus auf 11-82.«

Modifikation?

»Nein, einfach auf 11-82 und hypostasieren.«

Ich raste über eine mittelgroße Stadt hinweg. Unter mir konnte ich einen Park sehen. Sämtliche Bäume schaukelten im Wind. Auch an diesem Ort war das Wetter nicht besser, aber dafür nicht so bedrohlich. Überall sah ich unzählige Lichter von Laternen und Autos.

»Jetzt auf drei und fixieren.«

Ich saß auf einer Fensterbank. Vor mir erblickte ich ein großes Wohnzimmer mit einem großen, rechteckigen Tisch und zwei großen Sesseln. Aus meiner Perspektive waren auf der rechten Seite zwei Türen, die beide offen standen. Die linke Tür führte zu einer Art Schlafzimmer, und die rechte zur Diele. Auf dem rechten Sessel saß eine vollschlanke Frau mit langen, mittelblonden Haaren. Neben ihr auf der Lehne eine schlanke Frau mit schwarzen Haaren. Der linke Sessel wurde von einem jungen Mann in Jeanskleidung besetzt, welcher in seiner rechten Hand ein Glas mit einem Getränk hielt. Auf dem Tisch standen einige Geschenke. Offensichtlich war dies eine kleine Geburtstagsfeier, zu denen nicht viele Gäste erschienen waren. Meinen abgezapften Informationen zufolge waren die Sessel nicht nur Sitzgelegenheiten, sondern auch Fronten. Die beiden Frauen gifteten den Mann an.

»Hast du wirklich Schluss gemacht? fragte die Frau im Sessel.

»Ja«, antwortete der Mann und schien zu ahnen, dass beide Frauen sich gegen ihn verbündet hatten.

Gleichzeitig fühlte ich, dass er noch über einen taktischen Trumpf verfügte, ihn aber noch nicht ausspielte. Die Frau, die auf der Lehne saß, schien eine Beziehung mit ihm gehabt zu haben, ließ aber dennoch ihre Freundin mit den langen Haaren reden:

»Warum hast du das gemacht? Was hattest du für Gründe?«

»Ich brauche dir das nicht zu sagen. Misch’ dich auch nicht in diese Sache ein!«

»Hör mal! Immerhin handelt es sich hierbei um meine beste Freundin und ich rate dir, mir zu antworten. Sie hat mir nämlich alles erzählt!« Mit einem seitlichen Kopfnicken deutete sie dabei auf ihre Freundin, die noch immer auf der Sessellehne saß. Dann nahm sie sich eine Zigarette aus ihrer Schachtel, die auf dem Tisch lag.

Er beugte sich vor und schüttete sich noch etwas zu trinken ein.

»Ich finde, dass du überhaupt nicht das Recht hast, dich einzumischen, und ich warne dich: Ich habe immer noch einen Trumpf!«

Das Gespräch wurde immer aggressiver. Sie zündete sich nun die Zigarette an:

»Hör auf, mir zu drohen! Du meinst wohl, dass ich dir das abkaufe? Da irrst du dich aber!«

In diesem Moment kam eine weitere Frau aus der Diele ins Zimmer. Sie hatte mittellanges, krauses Haar, das zu einem Zopf nach hinten gebunden war. Sofort ergriff sie das Wort:

»Ich war gerade drüben bei meinen Großeltern. Wenn wir Glück haben, bekommen wir gleich etwas zu essen.«

Aufgrund des allgemeinen Schweigens runzelte sie die Stirn, aber bevor sie nachfragen konnte, ergriff der Mann das Wort.

»Ich habe gehört, dass du einen neuen Freund hast. Stimmt das?«

Sie zog ihren gebundenen Zopf etwas strammer und meinte:

»Woher weißt du das? Das weiß eigentlich niemand«.

Ihr Blick fiel erst auf mich, dann auf die Frau im Sessel, die, mittlerweile rot angelaufen, leicht ihren Kopf schüttelte. Eigentlich bekam die ganze Sesselfront einen roten Kopf. Langsam verstand ich auch den Trumpf, den dieser Mann zuvor erwähnt hatte. Die drei Frauen waren untereinander sehr eng befreundet und eine von ihnen schien ein Geheimnis ausgeplaudert zu haben, das letzten Endes an die Ohren dieses Mannes gekommen war. Aus welchen Gründen die Frau mit dem krausen Haar ihren neuen Freund geheim hielt, konnte ich nicht entdecken. Das Geburtstagskind verließ das Zimmer, nachdem er geantwortet hatte, es sei ihm nur so zu Ohren gekommen.

Die Frauen überzeugten sich, dass sie außer Reichweite war und dann schauten sich alle fast gleichzeitig an.

»Das war ja so gemein von dir!« sagte die Frau mit den langen Haaren zu ihm.

»Ich hatte dich gewarnt!«

Mehr hatte er anscheinend nicht zu sagen, aber er grinste still in sich hinein, denn er hatte ein weiteres Geheimnis, aber im Moment konnte ich es ihm noch nicht entnehmen. Plötzlich mischte sich die andere Frau auf der Sessellehne ein.

»Eigentlich ist das alles passiert, weil ich wieder so egoistisch gewesen bin. Ich wollte meine persönliche Rache und nun kehrt sich alles gegen mich. Bitte, vertragt euch doch wieder und wir vergessen diesen Streit. Außerdem wollen wir doch ihren Geburtstag nicht verderben.«

Ihr Blick huschte kurz zum Dieleneingang. Ich spürte, wie er ihr auch noch eins auswischen wollte, aber er schien sich zurückzuhalten und es kam wieder eine entspanntere Atmosphäre auf. Sie alle vertrugen sich.

Präspektivieren?

»Ja, ein wenig.« dachte ich und schloss die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, sah ich, dass ich noch immer auf dieser Fensterbank saß. Mittlerweile saßen alle auf dem Boden. Sie hatten die Sessel an die Seite geschoben und einige Kerzen entzündet, die auf dem Tisch verteilt waren. Er und die Frau, die Geburtstag hatte, saßen dicht beieinander und unterhielten sich.

»Fokussieren und Fokaldistanz erweitern!«

In binnen weniger Augenblicke konnte ich jedes Wort hören, dass die beiden austauschten, und wenn es noch so leise geflüstert wurde, sowie jede Gefühlsregung registrieren.

»Was sollte das? Warum hast du das jetzt schon ausgeplaudert? Du solltest doch einen geeigneten Moment abwarten«, sagte die Frau mit dem krausen Haar ganz leise und fast unauffällig.

»Das war der geeignete Moment«, entgegnete er.

»Kommst du nachher wieder, wenn ihr alle gegangen seid?«

Er nickte. Sein Geheimnis war, dass er dieser geheimnisvolle Freund ist, von dem gesprochen wurde. Beide hatten diese ganze Situation abgesprochen. Auch leuchtete mir ein, dass sie den Namen ihres Freundes nicht preisgeben wollte, weil sonst der ganze Freundeskreis hätte gesprengt werden können. Im weiteren erhielt ich die Information, dass die beiden des öfteren ganz gezielt bewusste Spielchen und Inszenierungen planten und durchführten, um sich selbst etwas ganz Bestimmtes zu lehren. Im Moment konnte ich diese angestrebte Fähigkeit nicht lokalisieren, so, als wollte sich dort etwas vor mir verbergen.

Ich wurde durch Schreie in meinen Gedankengängen unterbrochen. Das Geburtstagskind und der junge Mann käbbelten sich und rollten auf dem Boden herum. Die beiden Freundinnen schauten amüsiert zu. Plötzlich sprang sie auf! Sie hatte sich befreien können und rannte in die Diele. Sofort rannte er hinter ihr her, nachdem er auf die Beine gekommen war und sich ein Halstuch geschnappt hatte, das an einem Regal hing, holte er sie kurz vor der Haustür ein. Das einzige, was ich dann noch sah, war ein großer Schatten an der Dielenwand. Ich musste aufstehen und hinterhergehen, da ich von der Fensterbank aus keinen Einblick in die Diele hatte.

Als ich beide wieder sehen konnte, bot sich mir ein irritierendes Bild:

Er hatte sie an die Wand gedrückt, das Halstuch war um ihren Hals geschlungen und er hielt beide Enden in der Hand. Seine Lippen waren an ihr rechtes Ohr gedrückt und er flüsterte:

»Soll ich noch weiter zuziehen?«

»Tu’s doch!« sagte sie mit gedämpfter Stimme.

Sie war fast völlig an die Wand gedrückt. Ihre Hände hatte sie nicht eingesetzt, um das Tuch zu lockern, sondern sie drückte nur erfolglos gegen seinen Körper. Plötzlich sackte sie zusammen. Sie hatte wohl nicht mehr die Kraft gehabt, sich weiterhin aufrecht zu halten. Anscheinend hatte er tatsächlich noch fester zugezogen. Sofort lockerte er das Tuch und nahm sie auf den Arm, trug sie durch die Diele, das Wohnzimmer, ins Schlafzimmer und legte sie dort auf das Bett. Natürlich sprangen die beiden Freundinnen erschrocken auf und liefen hinterher.

»Defokussieren« und ich nahm wieder alles normal wahr.

»Sie ist fast ohnmächtig geworden«, sagte er, ohne die beiden heraneilenden Frauen anzuschauen. Dann setzte sich die Frau mit den krausen Haaren auf und hielt sich dabei ihren Hals.

»Du hast mich fast erwürgt…« sagte sie, jedoch ohne einem Anflug von Zorn oder Vorwurf in ihrer Stimme.

»Tut mir echt leid. Ich habe wohl etwas übertrieben.«

»Das haben wir beide«, meinte sie mit einem Lächeln, »ich hätte dich ja nicht ermutigen müssen.«
Nun gingen wieder alle ins Wohnzimmer. Das Fenster wurde geöffnet, damit sie erst einmal frische Luft bekommen konnte. Es schien nicht besonders kalt zu sein, denn sie blieb auf der Fensterbank sitzen. Ihr wurde eine angezündete Zigarette gereicht.

»Ein Geburtstag mit vielen Überraschungen«, sagte sie und alle lachten. Dabei fiel ihr Blick auf ihn und beide schmunzelten.

Später kam eine Diskussion über eine nicht anwesende Person auf. Ich hingegen blickte mich in diesem Raum um. Mein Blick fiel dabei auf den Zugang zur Diele und nicht ganz bewusst registrierte ich, dass das Licht dort gar nicht eingeschaltet war.
Du hast eine Spur!

Ich dachte nach: Als die beiden in die Diele rannten, sah ich an der Wand einen großen Schatten. Den kann ich nur wahrgenommen haben, wenn das Licht in der Diele wirklich eingeschaltet gewesen war. Außerdem hatte ich auch nur einen Schatten gesehen. Während dieser Beobachtung war die Fokaldistanz noch erweitert, die Fokussierung selbst jedoch, nimmt nach kurzer Zeit automatisch ab. Natürlich schwächt das wiederherum die Fokaldistanz, aber ich muss etwas in diesem Zeitraum wahrgenommen haben, was für einen Durchschnittsmenschen unsichtbar gewesen sein musste.
Retrospektive und Perspektivenverschiebung?

»Na klar!«

Die Frau mit den krausen Haaren lief als erstes an mir vorbei. Hinten an der Haustür wartete sie. Dann kam er hinterher, ergriff ihre Oberarme, schlang ihr mit einer schnellen Handbewegung das Halstuch um den Hals, riss sie herum und drückte sie gegen die Wand. Er presste sein Becken gegen ihren Unterleib, während sie ihren Kopf anhob, als wollte sie ihn auffordern, noch fester zuzuziehen.

»Jetzt!«

Die tatsächlich dunkle Diele wurde plötzlich in ein diffuses, undefinierbares Licht getaucht. In diesem Licht sah ich die leichten Umrisse eines Schattens, der aber nicht so dunkel wie bei der ersten Wahrnehmung war. Dieser war eher eine gut getarnte Silhouette inmitten eines befremdlichen Lichts. Die Silhouette eilte zu den beiden hin und blieb für kurze Zeit in Berührung mit ihnen. Als sie zusammen brach, ging der Schatten wieder auf Distanz und schien verschwinden zu wollen.

»Fokussieren und Kennung aufnehmen!«

Vor mir sah ich ein amorphes Gebilde in goldgelber Farbe, gespickt mit vielen kleinen, hellen Punkten. Dieses Gebilde raste in einer unglaublichen Geschwindigkeit vor mir her, und es bereitete mir Mühe, jedes seiner Bewegungen nachzuahmen. Ein kleiner Fehler und ich würde seine Spur verlieren.

»Sondieren bitte.«

Außerhalb der normalen Reichweite. Viele amorphe Regionen und Annäherung ans Plateau
Irgendwie beunruhigte mich diese Situation. Ich befand mich hier in Regionen, die ich nicht kannte.

»Automatische Kurz-Retrospektive bei offline.«

Bereits aktiviert

»Wie oft schon?«

Die ganze Zeit. ES gewinnt Distanz!

»Bin ich verloren, wenn ich nicht dran bleibe?«

Kommt ganz auf deine Reaktionen an

»Sonst nichts weiter?«

Doch: Intervision

Das hieß für mich immer Ablenkung und ungewollte Irritationen. Außerdem nahm ich auch noch wahr, daß die Fokussierung abnahm. Das alles waren Punkte, die eine erfolgreiche Jagd nur noch schwieriger machten.

Ich kann die Intervision nicht mehr lange unterbinden. Diese Signale sind manchmal sehr wichtig und es ist meine Pflicht, darauf zu reagieren und runterzugehen

Dann wäre ich allein. Dieses fremde Wesen hatte entweder mehr Kraft als wir oder es war völlig gefühllos. Immerhin schien es auf die Intervision nicht zu reagieren.

»Auf zwo und defokussieren.«

Ich fand mich oberhalb einer türkisfarbenen Wolkendecke wieder. Vereinzelte Lücken ließen mich auf eine Oberfläche schauen, die sich langsam und schleppend fortzubewegen schien. Nicht weit von mir entfernt sah ich einige Wesen, die mich an Rochen erinnerten, nur mit dem Unterschied, daß diese hier fliegen und sich innerhalb der Atmosphäre aufhalten konnten.

Langsam und gemächlich schwebten sie sich durch die Luft. Ihre Schwingen bewegten sich dabei auf und ab. Diese Wesen besaßen eine mintgrüne, schuppenähnliche Haut. Körper und Flügel gingen ineinander über und außer der vagen Ahnung von Kopf und Schwanz waren sie völlig in Bewegung. Plötzlich vernahm ich das Signal und automatisch erfolgte eine Richtungsänderung. Ich glitt unter den fliegenden Wesen hinweg. Dabei erblickte ich kurz ihre Unterseite, sie war gelblich mit vielen dünnen Adern, die ungewöhnlicherweise geometrische Muster ergaben. Das gleiche Gelb besaßen auch einige Nebelfelder, die knapp über der sich bewegenden Oberfläche hingen.

Dann tauchte ich mitten durch eine große Wolke und knapp darunter blieb ich auf einer konstanten Höhe. Über mir rasten die Wolken hinweg. Langsam wurde meine Sicht klarer und in Blickrichtung tat sich vor mir ein gigantischer Turm auf. Mit irdischen Maßstäben verglichen, war der Turm mindestens drei oder vier Kilometer hoch. Er wurde aber keineswegs gestützt, sondern endete einige hundert Meter über dem Boden. Er erinnerte mich an einen Fernsehturm, der den Kontakt zum Boden verloren hatte und dennoch stehen konnte. Seine Grundfarbe war ein verwaschenes Blau und nach unten hin wurde er erdbraun. Der Kopf des Turmes glich einer auf den Kopf gedrehten Untertasse und bildete so ein Plateau. Auch sah ich, dass auf der Oberfläche des Turmes irgendwas lag und sich bewegte. Offensichtlich gab es auf diesem Planeten keinerlei Gravitation, ansonsten wäre der ganze Turm in sich zusammengefallen.

Kurze Zeit später hatte es für mich den Anschein, als läge auf dem Plateau des Turmes eins dieser Flugwesen, dass seinen rechten Flügel ständig auf- und abschlug. Aus weiter Ferne hörte ich bereits ein Klatschen, das entstand, wenn der riesige Flügel auf den Boden schlug.

Mittlerweile hatte ich Turm erreicht und mir wurde jetzt erst klar, welchen gigantischen Durchmesser dieser Turm haben musste. Das Flächenende war nicht zu sehen. Ich wendete und nun sah ich das Flugwesen aus nächster Nähe. Es schlug noch immer seinen rechten Flügel auf und ab, das dadurch entstandene Klatschen war ohrenbetäubend und gleichzeitig furchteinflößend.

»Fokaldistanz erweitern.«

Nun lag es völlig still! Eine unerträgliche Totenstille. Das Wesen musste einen Durchmesser von achtzig Metern haben. Auf mehrere hundert Meter war eine gelbe Flüssigkeit literweise verteilt.

»Zurück.«

Das rhythmische Klatschen hatte immer noch nicht aufgehört. Ich bewegte mich bis zum Kopf dieses Wesens. Als ich genau vor seinem linken Auge stand, hörte das Klatschen auf. Das mandelförmige Auge blickte mich an. Es war karminrot und die Beschaffenheit der Pupille erinnerte mich an die einer Katze. Es war eindeutig: dieses Wesen hatte seinen Körper verloren, aber es noch nicht bemerkt.

»Homonomisieren und Resonanz aufbauen.«

Ein starkes Vibrieren ging durch mich hindurch. Ich glaubte, ich würde völlig aufgespalten werden, doch dann wurde ich plötzlich größer und länger. Ein Gefühl, als ob ich in lebende, sich ständig ausdehnende Watte gepackt wäre. Ich konnte optisch fast überhaupt nichts mehr um mich herum wahrnehmen und plötzlich fiel ich der Länge nach hin. Nach einem weiteren, kurzen Zeitraum war die Verwandlung abgeschlossen: Ich war nun einer von ihnen.

Meine Art, Kommunikation zu führen, war nun nur noch ein Teil einer schwammigen und weit entfernten Erinnerung. Der ganze Wahrnehmungsapparat, mit dem ich wahrzunehmen gewohnt war, schien mir völlig durcheinander und ich hatte immense Schwierigkeiten, alles zu koordinieren. Mir kamen Bilder in den Sinn, die mit Walen oder Delphinen zu tun hatten, und bevor ich diese Bilder verdrängen konnte, begriff ich ganz plötzlich: Mein neues Kommunikationssystem war eine Art Schallbilder-Sprache.

Ich musste mir einfach ein Bild vorstellen und dann meine ganze Aufmerksamkeit auf das andere Wesen lenken und gleichzeitig einatmen. Die eingeatmete Luft brauchte ich nur durch einen verengten Spalt, im Rachenraum, den ich ungewöhnlich gut verspüren konnte, in schmalster Form einsaugen. Das bewegte dort ein Organ, welches seltsame Töne hervorbrachte. Ich probierte es einige Male, bis ich damit ein wenig vertraut war. Meiner Vermutung nach, lösten meine Laute die Bilder im Sinnesapparat des anderen Flugwesens aus, die ich mir zuvor vorgestellt hatte. Ich hoffte, dass ich zumindest so gut mit dieser Kommunikationsart umgehen konnte, dass mich dieses Wesen verstand.

»Du hast deinen Körper verloren. Du hattest ihn schon verloren, bevor du dieses Plateau erreicht hattest.«

Ich wartete. Zuerst glaubte ich, dass meine Botschaft nicht angekommen sei, dass diese Kommunikationsart doch zu fremd für mich ist, als ich plötzlich seine Laute vernahm. Bilder und Gefühle zu senden, das ist eine Sache, sie aber zu empfangen, eine ganz andere. Sofort entstanden Bilder vor meinem geistigen Auge, äußerst lebhaft und mit ungewohnt intensiven Emotionen angereichert. Diese Bilder waren keine herkömmlichen Informationen, sondern Nachempfindungen, so, als sei ich nun dieses Flugwesen.

Ich konnte seine Freude am Fliegen, dem Gleiten, und an seinem Leben, deutlich nachempfinden, aber auch seinen Unfall und die Landung auf diesem Turm. Das alles war so intensiv, dass ich fast vergaß, was ich hier überhaupt gewollt hatte. Ich hatte mir nun eher eine Identitätskrise eingehandelt, als meine ursprüngliche Absicht, diesem Wesen zu helfen. Ich verlor mich selbst.
Nach einigen Minuten, oder waren es Monate, hatte seine ganze Erzählung geendet. Ich fand mich wieder.

Plötzlich fiel mir wieder alles ein. Nun kannte ich fast die ganze Weltgeschichte dieser Flugwesen-Spezies und mir wurde klar, dass sie ausschließlich für die Gegenwart lebten. Gedanken über zukünftiges Geschehen machten sie sich äußerst selten oder gar nicht. Somit verstand ich, dass diesem Flugwesen ein kleiner Denkfehler unterlaufen war. Als der Unfall geschah, glaubte das Wesen, dass die Gegenwart nun geendet sei und konzentrierte sich nur noch auf die Vergangenheit und den Geschichten dieser Spezies. Sofort überlieferte ich das dem Flugwesen:

»Deine Vergangenheit ist ein Teil von dir, ein Teil, der dir nicht genommen werden kann. Du hast sie durchlebt und gerade deshalb ist sie unvergänglich und ewig. All das hast du der Kraft zu verdanken, die dich Bilder sehen lässt, obwohl deine Augen geschlossen sind. Genauso verhält es sich mit deiner Gegenwart. Auch sie ist ewig. Lebe so weiter, wie du bisher gelebt hast. Erschaffe neue Vergangenheiten in allen möglichen Arten, die dir gefallen. Und nun … erhebe dich und fliege!«

Stille.

Plötzlich ertönte ein langgezogener Ton. Es klatschte einige Male. Fast synchron erhoben wir uns und stiegen mühelos aufwärts. Schon hoch über der Turmoberfläche, umkreisten wir uns, und das Flugwesen sang mir zu Ehren ein Lied. Der Gesang erzeugte in mir viele Bilder, Bilder, die unfassbar waren, einfach unbeschreiblich. Das, was ich zu sehen/hören bekam, ließ mich nur atemlos zuhören. Ich sah schwebende Städte, Türme und bewachsene Erdflächen. Flugwesen, die in prachtvoller Schönheit darüber hinwegsegelten. Zwei Sonnen am morgendlichen Himmel und vier verschiedene, große Planeten in der Nacht. Und ich sah ihre ganze Lebensphilosophie, ihre Ideale und Götter. Ihre Angst vor dem Tod, durch ihre Überidentifikation mit ihrem schönen Leben und Körper.

Das Flugwesen entfernte sich nun langsam von mir. Seine Töne wurden leiser und an mich herangetragen, als erwache man gerade aus einem Traum mit einer weit entfernten Melodie im Kopf. Ich blickte ihm lange nach. Ich musste glauben, dass es wusste, wo es hinzufliegen hatte.

Als ich das Wesen nicht mehr sah, verwandelte ich mich langsam zurück.

Ich bin stolz auf dich

»Danke.«

Freude stieg in mir auf und verlieh mir neue Energie, um die ursprüngliche Spur weiterzuverfolgen.

»Das seltsame Wesen ist wohl weg, oder?«

Off-line und imperzeptibel, vernahm ich, aber Kennung steht

»Du bist einfach ein Schatz!«

Bis hierhin hatte ich es geschafft. Natürlich hätte ich einfach zurückgehen und neu beginnen können, aber dann wäre dieses Spiel bis in alle Ewigkeit in einer endlosen Zeitschleife immer so weitergelaufen, ohne das Rätsel doch noch zu lösen.

»Kennung abspulen.«

Vor meinen Augen erschien wieder diese dreidimensionale, grüne Kugel. Auf deren Oberfläche erschien aber jetzt das amorphe Wesen. Es sah aus, als würde die Kugeloberfläche als Leinwand für einen Filmprojektor dienen. Dann verschwand dieses Gebilde und ich sah das vertraute Raster wieder. In diesem Raster leuchtete ein kleines Quadrat auf, dass meinen Zustandsort symbolisierte. Ein zweites Quadrat darauf blieb aus. Dann erschien erneut ein Raster, aber in einer ganz anderen Farbe, aber auch dort blinkte nur ein Quadrat auf. Ich war enttäuscht. Ich wollte nicht aufgeben und auch nicht von vorn anfangen. Irgendwo musste es doch zwei Quadrate geben…

Kein Output. Nächster Modus?

»Solange, bis ich es habe.«

Ich weiß nicht, wie lange ich noch in dieser Welt der Flugwesen verweilte, als plötzlich ein Modus eingespielt wurde, der nach einer Spur aussah.

Dekorum gesichtet

Wenn diese Spur richtig war, dann war das fremde Wesen nicht amorph. Dem letzten Raster zufolge, schien es sich um eine perfekte, aufgebaute Tarnung zu handeln. Somit konnte die Kennung einer argen Verzerrung unterlegen haben.

»Revision und Kennung mit Radiation intermittieren.«

Du hast es!

Die Kugel erschien wieder. Die Oberfläche zeigte erneut das amorphe Wesen und langsam verwandelte sich dessen eigentliche Form und bildete eine neue. Ich hatte es tatsächlich geschafft, die Verzerrung zu neutralisieren.

»Es kommt vom hohen Plateau!«

Das Plateau war ein gewaltiger Bereich, indem die menschliche Form nicht mehr existierte.

»Kann ich da rein?«

Nein, du würdest sterben

Ein leichtes Vibrieren durchfuhr mich. Ich konnte es nicht fassen. Jetzt war ich schon so weit und nun sollte es hier enden?
Es gibt immer einen Weg! Es gibt keine Grenzen! Das Selbst kennt keine Schranken!

»Du weißt mich darauf hin, achtsam zu sein … Welcher Weg?«

Du müsstest für den Eintritt auf das Plateau hinter den Ringen deine menschliche Form für immer ablegen, das deinen persönlichen Tod bedeuten würde. Ich kann deinen Tod nicht zulassen. Es wäre zu früh!!

»Das soll ein Tipp sein?«

Ich konnte in diesen Informationen einfach keinen Hinweis entdecken. Lange verharrte ich, kramte in mir herum, versuchte, mich zu erinnern, aber es fiel mir keine Lösung ein. Erst nach langer Zeit verstand ich.

»Region fokussieren und Interlock.«

Ich wurde plötzlich beschleunigt. Für lange Zeit konnte ich überhaupt nicht mehr unterscheiden, ob ich mich nun bewegte, oder es sich um einen totalen Stillstand handelte. Manchmal sah ich Bilder, die von links nach rechts an mir vorbeizogen, aber viel zu schnell, als dass ich hätte genaueres erkennen können. Als letztlich dieser undefinierbare Zustand verschwand, strömten Millionen kleiner Farbkugeln auf mich zu und bildeten eine Art Tunnel. Blitzschnell tauchte ich in diesen Tunnel ein. Dabei beschleunigte sich meine Geschwindigkeit immer mehr und mehr.

Als hätte ich es geahnt, begann sich dieser Tunnel wie eine Schlange zu winden. Es war ein verrücktes Abenteuer. Ich befand mich ohne jede Orientierung im Irgendwo und raste mit einer unfassbaren Geschwindigkeit durch einen faszinierenden, anscheinend endlosen Tunnel. Die ganze Atmosphäre wirkte statisch aufgeladen und hochelektrisch. An den Tunnelwänden konnte ich seltsame, mir unbekannte, goldene Schriftzeichen erblicken. Ich hatte enorme Schwierigkeiten, dem Verlauf des Tunnels zu folgen, aber plötzlich hörte er auf, und ich schoss am anderem Ende aus ihm heraus. Mit einem Mal befand ich mich in einer pechschwarzen Umgebung. Ich konnte überhaupt nichts wahrnehmen.

»Wo bin ich?«

Interlock off-line

»Ist das gut oder schlecht?«

Es ist gut. Du brauchst jetzt nur noch zu warten

Das tat ich dann auch. Dann überkam mich ein mir völlig unbekanntes Gefühl. Es erinnerte mich an die Empfindung, in die Ecke gedrängt zu werden. Ich vibrierte leicht und die Schwärze um mich herum wurde ganz langsam zu einem tiefen Blau. In diesem tiefen Blau sah ich mit einem Mal winzig kleine, weiße Partikel, die, staubähnlich, wild durcheinander stieben. In weiter Entfernung vernahm ich ein unheimliches Reißen und unvermittelt entstand weit vor mir ein grelleuchtender, vertikaler Riss in der sich nun aufhellenden Schwärze, aus dem nun unzählige dieser Partikel herausströmten. Sie jagten sofort auf mich zu und plötzlich blitzte es um mich herum auf und ich stand auf einer ganz gewöhnlichen Wiese. In einiger Entfernung sah ich Bäume, Wege und sogar einige Menschen.

Im ersten Augenblick dachte ich, ich sei zurückgekehrt, aber dann hörte ich wieder dieses unheimliche Reißen. Ich drehte mich um und erblickte wieder einen vertikalen Riss inmitten der mich umgebenden, parkähnlichen Gegend. Es sah schaurig aus, denn es wirkte fast so, als stünde ich vor einer Filmleinwand, die von hinten mit einem scharfen Gegenstand vertikal aufgeschlitzt wurde. Im nächsten Moment blitzte es wieder und ich stand auf einer Straße. Links von mir sah ich parkende Autos und einige Fußgänger. Rechts erblickte ich gerade ein Kaufhaus mit einer schlichten Leuchtreklame, als sich wieder das schon fast vertraute Geräusch des Reißens einstellte. Wieder blitzte es und ich stand diesmal an einem Strand. Das Rauschen des Meeres wurde durch dieses Reißen übertönt, und dann sah ich zwei Hände, die sich durch diesen Riss schoben, um eine Art Öffnung in die Luft zu reißen. Nun wusste ich, dass eine innere Barriere in mir aufgebrochen worden war und ich es geschafft hatte, ihm zu begegnen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, das etwas in mich eindrang und mich in zwei Pole spaltete. Ich fühlte zwei völlig gegensätzliche Gefühle gleichzeitig, und dann dehnte sich der Riss aus, und ein Mann kam auf mich zu. Kurz vor mir blieb er stehen und lächelte mich an.

»Wir wollten dich schon lange einmal kennenlernen. Leider warst du nie bereit dazu, aber ich wusste, dass du irgendwann einmal hier auftauchen würdest – hier unmittelbar vor dem hohen Plateau.«

»Ich weiß dein Erscheinen zu schätzen, und ich bin gekommen, weil ich dich um etwas bitten möchte.«

»Dir ist doch wohl klar, dass ich Dir nichts verraten darf? Es läge außerhalb des vereinbarten Kontext.«

»Du hast es erlebt, Du bist ihm begegnet! Was ist es?«

»Wie wir angenommen hatten, war es tatsächlich kein amorphes Wesen. Es handelte sich dabei um ein Wesen höchster Perfektion. Man könnte sagen, dass es zu einer Art Liga gehört, die kleine Veränderungen trifft.«

»Somit hat es sich also eingemischt, ohne, dass mein Einverständnis gegeben wurde.«

»Das ist Unsinn. Du hast irgendwann dein Einverständnis gegeben. Du kannst doch nicht einfach behaupten, du hättest dein Einverständnis nicht gegeben, nur, weil du dich nicht daran erinnern kannst.«

»Das erscheint mir aber nicht sehr fair.«

»Das sind die Spielregeln und ohne die, gäbe es keinen vollen Spieleinsatz.. Jeder von euch hat sein persönliches Einverständnis gegeben, und nicht nur allein deshalb, weil ihr somit in den außergewöhnlichen Genuß eurer Realität kommen konntet.«

»Willst du damit sagen, dass meine Realität begehrenswert ist?«

»Ja, allerdings. Ihr habt alles für diese Realität aufgegeben. Ihr wart so fasziniert und begeistert und kaum zu bändigen, als ihr die Möglichkeit entdeckt hattet, dass es einen Zugang gab.«

»Wie kann ich wieder zurückkehren?«

»Es ist ganz einfach. Ihr müsst euch einfach nur an den Moment erinnern, in dem ihr den Zugang betreten habt, und der Rest ergibt sich von allein. Sobald …«

Tremor, vernahm ich eindringlich.

»…ihr das Rätsel der Dualität gelöst habt, werdet ihr eine dreidimensionale Denkform entdecken und euch en masse und individuell völlig uminterpretieren, das eine neue Realitätsgestaltung zur Folge besäße… «

Tremor!!

»Ich muss gehen.«

»Dann wünsche ich euch viel Glück. Auf Wiedersehen!«

Wieder vernahm ich das Reißen und ein Spalt entstand dicht vor mir. Er riss diesen feinen Spalt auf, machte einen Schritt mit dem linken Fuß hindurch und verschwand. Die extreme Polarität in mir löste sich auf.

Tremor!!!

»Gut, dann auf null-null.«

(© Jonathan Dilas, 1982)

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