Die ersten Momente nach der Trennung
Dream to Reality
Ein Traum wird zu einer Kurzgeschichte von @ Jonathan Dilas
Ich sitze hinten auf der Rückbank.
Der Fahrer fährt diese Zickzack-Kurven mit viel zu hoher Geschwindigkeit. Ich kann aus dem Fenster blicken, wie die Räder so eben noch auf der Fahrbahn bleiben können. Nur wenige Zentimeter fehlen und das Auto würde in die Tiefe stürzen, in die unendliche Tiefe.
Ich will dem Fahrer dringend mitteilen, dass er aufpassen solle, aber ich bringe kein Wort heraus. Ich höre nur ein Krächzen aus meinem Mund.
Dunkelheit. Es war nur ein Traum!
Was für ein Glück! Ich habe noch deutlich die Angst vor dem Anblick der Räder am Abgrund in meinem Kopf.
Langsam richte ich mich auf und möchte zum Kühlschrank gehen, um etwas zu trinken.
Nachdem ich wieder im Bett liege, nehme ich mir fest vor, diesmal nicht auf dem Rücken einzuschlafen. Ich lege mich auf die Seite und spanne ein Bein an, um die Position so zu stabilisieren, dass ich mich in der Nacht nicht mehr auf den Rücken drehe. Zudem gebe ich ihm keine Chance, mir die Luft und Energie zu rauben.
Mit der Hand taste ich nach der Lampe und schalte sie zögerlich aus.
Plötzlich befinde ich mich in einem anderen Haus.
Vor mir sehe ich eine Treppe. Langsam gehe ich Stufe für Stufe hinauf. Etwas zieht mich in einen bestimmten Raum im Obergeschoss.
Als ich vor einer dunklen Tür stehe, umfasst meine Hand die Klinke und ich drücke sie langsam nach unten. Ich höre das Knacken der Feder in der Klinke. Wie von Geisterhand schwingt die Tür plötzlich auf. Vor mir sehe ich einen großen Raum mit nun zwölf Betten, sechs links und sechs rechts. Gegenüber ein Fenster.
Vorsichtig betrete ich den Raum. Die Betten sind leer.
Als ich vor dem einzigen Fenster stehe, erkenne ich in den spiegelnden Scheiben, dass sich hinter mir unter der Bettdecke etwas zu bewegen scheint. Ich drehe mich blitzschnell um. Es stimmte! Es sieht aus, als würde sich ein Tier unter der Bettdecke bewegen, das hinter mir steht.
Mutig gehe ich zum Bett und hebe die Decke hoch. In diesem Moment springt ein seltsames Wesen heraus. Es ist etwa 1,50 Meter groß, rot, besitzt einen langen, spitzen Schwanz und hat kleine, schmale und dunkle Augen. Es ist böse. Es ist wild und will mich fangen oder gar töten.
Aus Angst, dem Wesen erneut den Rücken zuzukehren, stolpere ich langsam rückwärts, bis ich aus den Augenwinkeln erkennen kann, dass sich jetzt auch unter den anderen Decken etwas zu bewegen beginnt und mit einem Mal mehrere dieser Wesen aus den Betten springen. Sie kommen jetzt von allen Seiten auf mich zu, und ich sehe keine Chance, mich zu verteidigen. Es bleibt nur die Flucht!
Plötzlich realisiere ich, dass es ein Traum ist und beschwöre mich, so schnell wie möglich aufzuwachen.
Wieder Dunkelheit.
Ich taste nach dem Lichtschalter. Es klickt, aber die Lampe scheint defekt zu sein. Zum Kühlschrank ist es nicht weit.
Ich setze mich auf die Bettkante und stehe dann auf. Ich habe solchen Durst…
Am Kühlschrank öffne ich die Tür und erschrecke mich gewaltig. Im Kühlschrank sitzt eines dieser roten Wesen. Es spuckt, geifert und sieht mich durchdringend an. Schreiend weiche ich zurück.
Dunkelheit. Ich habe Angst. Ich versuche, um Hilfe zu rufen. Ich will mich befreien. Kann mich nicht rühren. Etwas bewegt sich lautlos in diesem Raum, und ich… ich kann mich nicht bewegen. Immer wieder versuche ich, um Hilfe zu rufen, doch ich kann nur krächzen:
„Hilfe. Hilfe.“
Ich kann nur noch meine Augen bewegen und in die Dunkelheit starren, um es zu entdecken, aber ich kann ihn nicht sehen … Doch! Da ist er! Es ist ein Schatten, ein dicker, fetter, dreidimensionaler Schatten. Lautlos wie ein Dieb bewegt er sich, doch seine Ausstrahlung und sein inneres Wesen wirken so mächtig, so übermächtig und abgrundtief dunkel. Ich kann nichts gegen dieses Wesen ausrichten.
„Verschwinde! Geh weg. Bleib weg von mir!“, denke ich.
Langsam kommt es auf mich zu, klettert auf mein hohes Bett und setzt sich auf meine Brust…
Mist, ich liege auf dem Rücken! Jetzt kann er mich wieder aussaugen. Ja, ich spüre schon, wie er von mir Besitz ergreift. Dieses seltsame Gefühl, wie ein Strom, so unangenehm, es überwältigt und erschüttert mich.
„Hilfe. Hilfe.“, will ich schreien, aber es kommen nur unverständliche Laute aus meinem Mund.
Warum kommt niemand und hilft mir?
Mein Atem! Ich bekomme keine Luft mehr. Ich werde ersticken. Mein Herz rast. Ich werde sterben, wenn er nicht endlich von mir heruntergeht.
Jetzt! Endlich kann ich wieder ein wenig meine Arme bewegen. Ich schlage um mich, um ihn zu treffen, aber meine Schläge gehen durch ihn hindurch! Es ist nicht zu besiegen. Es ist unantastbar. Es ist unüberwindbar. Was kann ich gegen ihn tun, wenn ich ihn nicht berühren kann?
Ich wache auf. Es war nur ein weiterer Traum. Das Licht geht an, und meine Mutter kommt herein.
„Was ist los, mein Kind? Hast du Albträume?“
„Ja.“
Sie stützt sich auf der Bettkante ab und nimmt zärtlich meine Hand.
„Du bist jetzt wach. Keine Sorge, ich bin da. Es war nur ein Albtraum.“
Wie schön es ist, Hilfe zu bekommen, wenn man danach ruft…
Plötzlich fällt sie etwas zu Boden. Sie bückt, um es wieder aufzuheben. Für einen kurzen Moment kann ich ihren Kopf nicht mehr sehen. Als sie wieder auftaucht, blicke ich plötzlich in ein furchtbar verzerrtes Wolfsgesicht, und sie schreit laut:
„Muuuaaahhhhh!“
Ich möchte schreien, aber es klappt nicht. Was ist passiert? Ich konnte eben noch sprechen, aber jetzt bin ich erneut gelähmt. Diese strömenden Wellen, die durch meinen Körper fließen… Sitzt es wieder oder immer noch auf mir? Wo ist es? Wer ist es?
Dunkelheit.
Dieses Mal bin ich nicht mehr aufzuhalten. Dieser Kampf nimmt sonst kein Ende. Wieder stabilisiere ich meine Position so, dass ich mich nicht im Schlaf automatisch auf den Rücken drehen kann. Es kann nur auf mich klettern, sobald ich auf dem Rücken liege. Doch wenn ich auf der Seite oder auf dem Bauch liege, kann es mir nichts mehr anhaben.
Ich taste nach dem Schalter der Lampe.
Klick. Ja, endlich, es geht wieder, also bin ich wach. Das ist gut.
Jetzt bin ich wieder hier. Ich will nichts mehr damit zu tun haben. Ich will endlich in Ruhe schlafen, ich will nicht jede Nacht und auf ewig um mein Leben kämpfen.
Wer fordert mich dort immer wieder heraus? Warum willst du nicht für immer und ewig verschwinden? Lass mich in Ruhe! Ich will einfach nur schlafen oder wach bleiben und keine Träume mehr haben.
Ich will hier bleiben. Ja. Für immer. Es ist mir egal. Ich will einfach alles vergessen. Warum lasse ich mich immer wieder auf diesen Kampf ein? Jetzt bin ich doch sicher. Hier kann mir niemand etwas tun. Hier bin ich bei meinen Eltern in Sicherheit. Weit weg von dieser einsamen, gefährlichen Natur, der ich nichts anhaben kann. Weg von all diesen schrecklichen Emotionen, dieser Qual und der anhaltenden Ungewissheit, welche Welt denn zu mir gehöre. Endlich sicher.
Dunkelheit.
Jetzt bin ich draußen und schaue hinauf in den Himmel. Ja, da sehe ich plötzlich, wie die Luft zu flimmern beginnt. Was für ein seltsames Phänomen?! Was kann das sein?
Dort oben! Es ist ein… nein, das kann nicht sein! Es ist ein Gesicht! Ein riesiges Gesicht am Himmel, und es blickt auf mich herab! Dort ist noch ein Gesicht. Ein Mann und eine Frau. Es scheint, als stünden sie vor einer riesigen Kugel, in der ich mich befinde. Als wäre ich in einer durchsichtigen Hülle und die beiden blicken hinein. Ihre Gesichter sind größer, viel größer als die Sonne, sie bedecken den ganzen Himmel. Sie lächeln mich an…
Geht weg! Ich will in Ruhe gelassen werden. Geht weg!
Sie wollen, dass ich herauskomme. Ich will nicht. Es ist so schön hier. Was soll ich nur dort tun? Verschwindet!
Dunkelheit. Ich wache auf.
Ja, heute war es eine ruhige Nacht. Dieses Mal kam es nicht wieder. Endlich. Jetzt bin ich es los und kann in Frieden schlafen, einfach nur schlafen. Keine Träume mehr, nein. Wofür auch? Endlich Frieden. Ich danke dir, Gott.
