Marswinde

Marswinde

 

»Wir schreiben das Jahr 1061,6910, nach den Umdrehungen des Planeten Mars um den großen Sonnengott, der den Inbegriff allen Psychischen und das Zentrum der persönlichen Natur darstellt. Unser geliebter Planet, der den vierten Hauptaspekt des großen Sonnengottes symbolisiert, dessen Name unaussprechbar für unsere Zungen ist und wir RA nennen. Die beiden Brüder unseres Hauptaspekts sind: Deimos und Phobos! Seit ewiger Zeit im Streit und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten um das große Fenster kreisend, der Brücke zur physischen Realität, das Loch zur Welt, die Welt der tausend Dinge, das geträumte und hineingeborene Selbst, unser Planet Mars. Doch es wird die Zeit kommen, in der sich der Himmel verdunkeln und das geliebte Licht unseres Sonnengottes unseren Planeten Mars nicht mehr erhellen und erwärmen wird. Auch die großen Vulkane werden erloschen sein und es werden Kälte und starke Winde herrschen, die uns mit Trauer und unvergesslicher Reue füllen werden. Haltet ein im Namen Ra’s. Haltet ein mit euren unsinnigen Taten und bauet an Schiffen, die den Raum durchkreuzen können, hin zum wunderschönen Wasserplaneten, jener dritte Hauptaspekt Ra’s, unsere neue Freiheit. Schon in den Schriften steht geschrieben, dass sich das vierte Volk Ra’s dem dritten Volke zuwenden werde. Wie Ihr alle wisst, ist bereits das fünfte Volk untergegangen und sein ganzer Planet in tausend Stücke zerrissen worden, die noch immer als Warnung für alle Lebewesen den großen Ra umkreisen.«

»Er steht dort jeden Tag und predigt. Es ist unglaublich«, sagte Ma-ahr-Kel, beeindruckt und strich sich über das Haar und blickte dabei durch die große Glaswand im Norden.

»Glaubst Du seinen Worten?«, fragte So-ki-Ron, noch immer gebannt von den Worten des Predigers, der zum heiligen Rat gehörte und schon oft Dinge vorhergesehen hatte.

»Ich weiß, dass er dem heiligen Rat schon oft mit seinen mentalen Kräften geholfen hat, dennoch wird ihm niemand glauben, dass unser Planet sich gegen uns wenden wird. Immerhin haben wir ihn ästhetisch behandelt und nie gereizt.«

»Da können wir lange rätseln. Lass uns doch heute Abend zu ihm gehen und ihn fragen«, schlug sie vor und lächelte verzaubernd. So-ki-Ron nickte.

Am Abend suchten sie den Prediger O-sa-Mihr auf.

»Verzeiht, aber Eure Reden haben uns nachdenklich gestimmt und wir sind gekommen, um für uns wichtige Fragen zu verstehen«, begann Ma-ahr-Kel.

»Es ist mir eine Ehre. Kommt herein und setzt euch.«

Im Inneren des Raumes fanden sie Platz und setzten sich. »Ehrwürdiger O-sa-Mihr, wir wissen, dass manche über Euch lachen, aber wir sind doch neugierig geworden und wollten Euch fragen, ob Ihr uns mehr weissagen könnt als Ihr bisher getan habt?«

»Natürlich kann ich das. Was habt ihr für Fragen?«

So-ki-Ron räusperte sich.

»Ist es wahr, dass unser Planet in Gefahr ist?«

»Nein, der Planet ist nicht in Gefahr, wir sind es! Der Planet wird bald lebensfeindlich sein, aber Ra wird ihn wiederbeleben, doch bis zu diesem Zeitpunkt werden viele tausend Jahre vergehen und wir viele Veränderungen erfahren. Darunter ist auch die Erfahrung des Todes vieler unserer Brüder und Schwestern.«

»Beschreibt uns was Ihr gesehen habt?«

»Ich sah, dass der Himmel sich verdunkelte und kein Licht mehr einließ. Dann kam eine große Kälte. Als die Dunkelheit wich, riss ein Loch den Himmel auf und ließ ein die tödlichen Strahlen Ra´s. Danach kam eine Dürre und all unsere Flüsse trockneten aus. In dieser Zeit wird das Volk erwachen und an Schiffen und untermarsianischen Höhlen bauen, damit einige gehen und andere bleiben können.«

So-ki-Ron und Ma-ahr-Kel schauten sich an und erforschten ihre Gefühle.

»Wir können Euren Worten kaum glauben.«

»Das müsst ihr nicht, aber auch ihr werdet sehen, was ich schon lange zuvor gesehen habe. Glaubt mir, jeder Planet kommt einmal in eine Stufe der Wandlung und auf dieser Stufe öffnet sich ein Loch am Himmel, das die Strahlen Ra´s durch lässt und Tod oder Segen bringen wird.«

»Wie meint Ihr das?«

»Das Volk, das gemeinsame Volk wird entscheiden, ob das Loch sich schließen oder weiterhin offen bleiben wird. Wird keine Übereinkunft im persönlichen Selbst getroffen und somit auch nicht im Volk, so wird unser geliebter Planet Mars uns wie lästiges Ungeziefer abschütteln.«

Wie gebannt schauten sie in O-sa-Mihrs Augen.

»Und dann werden sie aufstehen und ein riesiges Monument errichten, ein Zeichen für alle Lebewesen setzen, die unseren traurigen Planeten besuchen kommen.«

»Ein Monument? Was für ein Monument?«, fragte So-ki-Ron neugieriger denn je.

»Das, meine Kinder, sollt ihr selbst sehen. Aber nun ist es an der Zeit zu gehen. Geht hin und verkündet ruhig meine Worte jenen, die sie hören wollen.«

»Aber was nutzen Eure Worte, wenn Ihr bereits gesehen habt, wie es kommen mag und unausweichlich scheint?«

»Das ist meine persönliche Torheit. Ich versuche zu ändern, was nicht zu ändern ist. Dennoch habe ich ein wenig Hoffnung, denn es mag sein, dass es viele Zukünfte gibt und unser Volk doch noch zu sich selbst finden wird.»

Sie vergaßen O-sa-Mihrs trauriges Gesicht niemals …

Jahrzehnte später waren die ersten Anzeichen zu erkennen, dass O-sa-Mihr Recht behielt. Auf dem Planeten Mars wurde es immer kälter und viele Tornados und Windstürme plagten die Einwohner. Danach öffnete sich der Himmel und die Strahlen Ra’s kamen hindurch und vernichteten die Planetenoberfläche langsam und gründlich. Einige Marsianer arbeiteten fieberhaft an Gefährten, die sie zum Wasserplaneten bringen sollten und andere an untermarsianischen Tunnelgängen. So-ki-Ron und Ma-ahr-Kel hatten durch ihre einflussreichen Eltern Stellungen in führenden Positionen erhalten und arbeiteten ehrgeizig an beiden Projekten mit. Als Zeichen ihrer Kultur, ihrem Sinn für Ästhetik gleich sowie ihrer Liebe zum Planeten und dem großen Propheten O-sa-Mihr zu Ehren bauten sie ein Monument aus den Tafelbergen. Es war ein gigantisches Gesicht, ganz nach dem Vorbild O-sa-Mihrs, das dem Himmel zugewandt war, um in die Richtung zu blicken, in die sie geflohen sind, fort von ihrem geliebten Heimatplaneten.

Ma-ahr-Kel hatte sich dazu entschieden, mit vielen anderen den Planeten Mars zu verlassen und auf den Wasserplaneten überzuwechseln. Mittlerweile hatten sie mehr als dreißig Raumschiffe gebaut, die eben genügend Fähigkeiten besaßen, die Strecke zum Wasserplaneten hinter sich zu bringen. Jedes Raumschiff fasste bis zu 200 Personen und waren fast hundert Meter lang. Einige Bastler hatten Raumschiffe gebaut, die höchstens zwei bis drei Personen aufnehmen konnten. Eins dieser kleinen Raumschiffe sollte zurückbleiben, denn So-ki-Ron hatte beschlossen, vorerst auf dem Heimatplaneten zu verbleiben. Er wollte später nachkommen, um Ma-ahr-Kel wiederzutreffen. Sie setzte ihren A.X.T.-Helm auf und koppelte den Sauerstoff- und den Wasserschlauch an die beiden Behälter auf dem Rücken und wies mit einem Nicken darauf hin, dass sie bereit war, das hintere Tor und den dahinter liegenden Glaseingang öffnen zu lassen. So-ki-Ron öffnete das Tor. Er steckte bereits in seinem Tu-mihl und er wusste, dass dies ihr letzter Spaziergang sein sollte. Schweren Schrittes durchliefen sie den hinteren Gang der Hauptpyramide mit ihren fünf Seiten, der bis zum Außentor mit Glas überdacht war. Das hintere Tor schloss sich nun und das Außentor öffnete sich automatisch. Jedes Mal, wenn So-ki-Ron außerhalb war und die nun lebensfeindliche Umgebung erblickte, fühlte er tiefe Reue.

»Ich weiß, was du denkst«, meinte Ma-ahr-Kel.

»Damals gab es dort drüben einen riesigen Park. In unserer Kindheit haben wir uns dort immer getroffen. Ich hatte dich schon da geliebt, aber ich war immer der Ansicht, dass du Ri-sam-Pahn liebst.«

»Nun aber bist du kindisch, mh? Lass es! Es ist besser den letzten Moment unseres Abschieds nicht in Tränen zu vergeuden. Weitaus klüger wäre es, diesem Moment freudig entgegenzugehen und sich vor Augen zu halten, dass unsere Spezies doch nicht aussterben wird. Wir werden weiterexistieren und wenn wir es nicht tun, dann unsere Kinder.«

Sie schaute in seine Augen und lächelte in Trauer. Er blieb stehen.

»Ich hätte nun gern für einen Moment O-sa-Mihrs Fähigkeiten, denn dann könnte ich jetzt sehen, wie zukünftige Besucher unser Gesicht interpretieren werden.« Er blickte zum großen Monument. »In diesem sonderbaren, orange-rötlichem Licht sieht das Gesicht aus wie ein Totenschädel.« Eine Schauder lief über seinen Rücken.

Nach minutenlangem Schweigen berührten sie noch mal einander und Ma-ahr-Kel ging die verbliebenen Schritte zur Absperrung, hinter der sich das Raumschiff befand, dem sie zugeteilt worden war. Auf der Rampe stehend winkte sie ihm zum letzten Mal zu und verschwand im Inneren. So-ki-Ron beschloss, sich den Start von einem der Wabenfenster aus anzuschauen und ging zurück.

Als er den Gang entlang ging, erinnerte er sich noch an das letzte Gespräch mit O-sa-Mihr. Er hatte Ma-ahr-Kel und ihn zu sich rufen lassen, als seine Zeit zum Sterben gekommen war. Ein letztes Mal durften sie sein Haus betreten und mit ihm sprechen. O-sa-Mihr hatte ständig über den Wasserplaneten gesprochen. Er behauptete, dass er in seinen Träumen bereits dort gewesen sei und gesehen habe, dass die meisten Landteile dort zwar bevölkert waren, aber die Lebewesen dort über keinerlei Technik verfügen. Es hatten sich zwar Völker gebildet, aber diese seien noch sehr abergläubisch. Mit ein wenig Geschick, so hatte er gemeint, würde es kein Problem sein, diese Lebewesen freundlich zu stimmen. Als Rat hatte er uns mitgegeben, dass es die Pflicht eines jeden Marsianers sei, auch auf dem Wasserplaneten Pyramiden zu bauen. Immerhin seien sie das Symbol des martialischen Volkes. Es sollten aber keine drei- oder fünfseitigen Pyramiden sein, wie auf dem Heimatplaneten, sondern ausschließlich vierseitige, denn das sei das Symbol des vierten Volkes, dass sich dann dem dritten Volke Ra’s anschließen wird.

Es war ein seltsames Gefühl, dass So-ki-Ron beschlich. Er erinnerte sich an dieses Gespräch und schaute mittlerweile durch eines der Wabenfenster dem Start des ersten Raumschiffs zu. Viele Marsianer schauten in diesem Moment aus den Fenstern und er wollte nicht wissen, wie sie sich nun fühlen mochten. Ma-ahr-Kel befand sich in dem Raumschiff und leitete mit diesem Start eine neue Ära der Marsianer ein. Sie hatten ihren Planeten verloren, aber RA gab ihnen eine zweite Chance auf einem entfernten Wasserplaneten.

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

1 thought on “Marswinde

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.