Sie sind Wesen der Nacht

Wesen der Nacht

Sie sind Wesen der Nacht

 

Sie nimmt ihre Arme hoch, bis sie hoch über ihrem Kopf gestreckt sind. Ihre Finger berühren sich, während sie ihren Körper streckt und dabei leicht ihre Hüften bewegt. Sie ist ganz in schwarz gekleidet. Ein langer Rock, der bis zu den Fersen reicht und wie eine zweite Haut ihre Figur nachzeichnet. Ein enganliegendes Oberteil, das mit dem Rock durch eine handbreit schwarzer Spitze verbunden ist, die ein Teil ihres Bauches durchschimmern lässt. Ein schwarzes, durchsichtiges Tuch aus Seide ist um ihren Hals geschlungen und fällt sanft über ihre linke Schulter. Ein weiteres Tuch, das an ihren langen, schwarzen Haaren befestigt ist, lässt diese noch länger aussehen. Sie bewegt sich langsam. Ihre Hüften bewegen sich hin und her, als tanze sie nach einer unhörbaren Musik. Ihre Arme kommen nun herunter und ihre Hände gleiten langsam an ihrem Körper entlang bis zu den Hüften, wo ihre Handflächen sich gestreckt von ihnen fortbewegen. Sie streckt ihre Handflächen aus, die Finger dicht beieinander gelegt und dreht sie, einer Inderin gleich, im Handgelenk.

Immer wieder dreht sie ihre Hände im Gelenk und tanzt weiter einen unverständlichen aber anregenden Tanz. Jetzt bewegt sie sich ein wenig nach vorn und ihre Hände gleiten zurück zu ihren Hüften, nun ihren Körper entlang und zeichnen dann ihre schmale Figur nach, gehen den ganzen Weg wieder zurück, bis sie sich erneut über ihrem Kopf berühren. Ihr Blick ist dabei fest fixiert in die Dunkelheit, als wolle sie ein Wesen bannen, das sich dort versteckt hält.

Plötzlich spürt man deutlich einen Windzug, wie er kurz und fast unbemerkt über die Lichtung huscht. Kaum wahrgenommen, ist er wieder verschwunden und nun taucht eine weitere Frau wie aus dem Nichts auf. Sie dreht sich schnell im Kreis, ihr Haar und ihr langer, schwarzer Mantel wird herumgewirbelt und sie wird immer kleiner, bis sie mit ihrem Po auf ihren Fersen zum Sitzen kommt. Die Beine sind leicht gespreizt und ihre Hände ruhen offen mit den Handrücken auf ihren Oberschenkeln. Sie trägt eine schwarze Lederhose und einen breiten Ledergürtel. Um ihren Hals sieht man ein Lederband geschlungen, an dem ein silberner Metallring befestigt ist. Ihr Kinn ist leicht angehoben und ihre Gesichtszüge sind unnahbar und kalt. Nichts kann in dieser Nacht ihre Kälte und Gewissheit beirren. Ihr Blick ist ebenfalls weit in die unendliche Schwärze gerichtet. Eine weitere Frau tritt auf.

Sie geht langsam in den Kreis der Lichtung und der silberne Mond legt eine leichte, milchige Aura um ihren Körper. Sie trägt ein ledernes, schulterfreies Oberteil, das in Höhe ihres Dekolletés in zwei Lederstriemen endet und sich über der Brust kreuzen und ihren Hals umschlingen. Weißsilbriges Fleisch kommt zum Vorschein, als ihre Arme unter ihrem Umhang hervorkommen und in die Höhe gerissen werden. Für einen Moment vernimmt man eine absolute Stille, aber nur, um sie gleichen Moment wieder zu beenden.

Nun tanzt sie einen verrückten Tanz, bei dem sie ihren Körper wie den einer Schlange bewegt und ihr schwarzer Umhang und ihr weites schwarzes Kleid mit Spitze und Unterrock leise raschelt. Sie dreht sich, und ihre Arme nun ausgebreitet, wirkt sie wie ein Kreisel, der immer mehr Raum einnimmt und Schleier und Tücher wie aus dem Nichts umgeben sie mit einem Mal und verzerren das Bild zu einer grotesken Wahrnehmung von Unmittelbarkeit und surrealer Betrachtung. Jeder Beobachter hätte sich nun in die Schwärze geflüchtet, denn jede ihrer Bewegungen sind wie Angriffe gegen alles Bekannte und Vertraute der normalen Welt.

Sie stimmen nun gemeinsam in einen Tanz ein, auch wenn sie sich unabhängig voneinander bewegen, und wirkt hypnotisch ohnegleichen. Ein Blick in ihre leuchtenden Augen, die wie tiefe, klare Seen in die Seele blicken lassen, zeigen doch eine dunkle Seele, ihrerselbst nah. Je tiefer der Blick, desto weiter gelangt man in ihre Seele und wird mitgerissen in einem Strudel von Bildern, die längst Vergessenes ins Bewusstsein befördern und einen zu ihresgleichen macht. Denn dann verwandelt man sich mit Kleidung, Denken und Fühlen in einen von ihnen, die wie Todesfeen in der Nacht auf neugierige Blicke hoffen.

Das Gewand nun aus Leder, die Hosen und Stiefel schwarz, ein Lederhalsband umgelegt mit silbernem Metallring, damit man wiedererkennt, woher man kommt und wohin die Reise geht.

Nur ein inneres Gespür bringt einen zu diesem Ort, wo sie sich in der Dunkelheit treffen. Sie tanzen eindringliche und unvergessliche Tänze, bis man in ihren Bann gerät und zu ihnen gehen muss. Doch ein Moment der Unachtsamkeit und sie nehmen einen mit hinaus in ein unbekanntes Land, das so fern von einem selbst ist, das es schnell vergessen macht, wer man zuvor noch gewesen ist.

Nicht einen Moment der Atemlosigkeit in dieser stillen, schweigenden Stunde, in der sie miteinander und umeinander tanzen, bis sich ein Tor öffnet, das sie verschlingt.

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

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