der letzte versuch fantastische literatur

Der letzte Versuch

 

Es war ein harmloser Sonntagabend als ich, ohne jeden ersichtlichen Grund, plötzlich in Ohnmacht fiel und mir dabei den Kopf an meinem Tisch stieß. Vielleicht habe ich dort tagelang gelegen, vielleicht aber auch nur Minuten. Ich denke, es waren eher Minuten, aber das war mir völlig gleichgültig, als ich wieder erwachte.

Zwar wird immer wieder behauptet, dass man bei einem Blackout ohne Bewusstsein und Wahrnehmung sei, aber in der Zeit, in der ich bewusstlos war, hatte ich sehr wohl etwas wahrgenommen. Anfangs sehr vage, aber dann verwandelte es sich in ein Bild unvergleichlicher Klarheit:

Ich saß einfach nur in einem dunklen Raum auf dem Boden und habe dort vor mich hingestarrt. Links und rechts von mir saßen insgesamt drei Frauen, und wir hielten uns an den Händen. Ich konnte leider nur die zwei Frauen ausreichend erkennen, die jeweils links und rechts von mir saßen. Ein kaum wahrnehmbares Licht fiel auf ihre Gesichter. Ich konnte sehen, dass ihre Augen geschlossen waren.

Ihre Gesichter waren mir seltsam vertraut. Ich erkannte sie in diesem diffusen Licht, ihre Gesichtszüge, Stirn, Lippen und Nase. Als ich meinte, mich wieder an ihre Namen und unsere gemeinsamen Erlebnisse erinnern zu können, traf mich die Erkenntnis schockartig und schonungslos: Ich befand mich nicht in einem Traum, sondern mein ganzes bisheriges Leben war der Traum! In Wirklichkeit saßen wir hier alle gemeinsam in diesem Raum und träumten unseren Alltag!

Es war eine unumstößliche Erkenntnis und daran war von diesem Zeitpunkt an nichts mehr zu ändern. Ich wusste, dass ich diese Frauen in meinem Alltag aufsuchen und sie davon überzeugen musste, dass wir eigentlich in diesem Raum saßen und unsere Welt träumten und unsere Alltagsrealität nicht der tatsächlichen Realität entsprach. Doch, wie konnte ich sie davon überzeugen? Würden sie mir überhaupt glauben?

Mit diesen Fragen erwachte ich auf meinem Teppich. Mein Kopf war leicht aufgeschlagen, und ich blutete durch eine Platzwunde. Ich wischte mir mit einer Handbewegung das Blut von meiner Stirn, hielt sie dann einen Moment vor meine Augen und beobachtete, wie es im Dämmerlicht auf den Boden tropfte. Langsam richtete ich mich auf. In meinem Schädel dröhnte es, und mir war leicht schwindelig. Normalerweise hätte ich mir Sorgen gemacht, ob ich mir vielleicht eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte, aber das war mir völlig gleich. Ich wollte nur noch eins: diese drei Frauen finden, die dort mit mir in diesem Raum saßen, und sie davon überzeugen, dass wir hier nicht richtig waren…

Die erste Frau fand ich auf einem Sportplatz. Sie schien dort jemandem zuzuschauen, den sie persönlich kannte.
Ich näherte mich ihr und stellte mich neben sie.

»Ein interessantes Spiel«, sagte ich und lächelte, während ich, ohne sie auch nur einmal anzusehen, weiter auf das Spielfeld blickte.

Ob das Spiel nun wirklich interessant war oder nicht, war nicht wichtig. Ich wollte sie nur in ein Gespräch verwickeln.

»Mhm«, entgegnete sie.

Für die erste Kontaktaufnahme war dies herzlich wenig. Ich wollte dann nach der Uhrzeit fragen, aber das hätte das Gespräch in eine Richtung mit schnellem Ende gedrängt.

»Kennst du dort jemanden persönlich?«

»Ja, dort spielt ein guter Freund von mir«, antwortete sie.

Nun sah sie mich an. Sie stutzte einen Moment, sie schien mich wiederzuerkennen. Ich schöpfte Hoffnung.

»Kennen wir uns?«, fragte sie nach.

»Ja. Kannst du dich an etwas erinnern?«

»Nein.«

Sie blickte mich weiterhin an und zog ihre Stirn kraus. Anscheinend hatte sie für einen Moment ein Gefühl der Erinnerung besessen, doch es war offensichtlich, dass sie es jetzt nicht schaffte, mehr daraus zu machen.

Wir trafen uns noch einige Male nach diesem Tag und wir verstanden uns ganz gut. Anfangs hatte sie geglaubt, dass ich vielleicht nur flirten wollte, aber als sie mich angesehen hatte, wusste sie, dass es etwas anderes sein musste, weshalb wir uns an jenem Ort getroffen hatten. Nach einiger Zeit konnte ich es wagen und erzählte ihr von meiner Vision. Sie glaubte mir natürlich zunächst nicht, aber es wurde mit der Zeit besser.

Zuversichtlich ging ich los, um die zweite Frau zu finden. Wir hatten geplant, sie – die erste Frau – notfalls als Köder einzusetzen, um eine Freundschaft mit der zweiten und dritten Frau zu erlangen. Immerhin, so rechtfertige ich es vor mir selbst, kannte ich sie bereits und versuchte jetzt nur noch, das zu verwirklichen, was eigentlich schon lange war.

Die zweite Frau traf ich einige Jahre später auf einer Versammlung. Das war eine sehr leichte Kontaktaufnahme. Als sich unsere Blicke das erste Mal trafen, war sofort etwas da, das man als telepathische Verbindung bezeichnen würde. Sie kam sogar auf mich zu und sprach mich an. Sie meinte, dass ich ihr sehr vertraut vorkäme, und sie würde sich die ganze Zeit fragen, woher wir uns nur kennen würden. Wir trafen uns danach mehrere Male in kurzen Abständen, und sie war sehr offen. Auch ich empfand eine deutliche Vertrautheit ihr gegenüber, wesentlich intensiver als es in meiner Verbindung der ersten Frau gegenüber der Fall war. Wir verbrachten viele Nächte damit, uns über meine ungewöhnliche Erfahrung zu unterhalten, und immer wieder tauchten die gleichen Fragen auf:

Warum saßen wir dort? Wie ist es dazu gekommen? Sind wir dort gefangen oder hatten wir ein bestimmtes Ziel, uns so stark auf die Alltagsrealität zu konzentrieren? Und, was würde geschehen, wenn ich es tatsächlich schaffte, die drei Frauen dazu zu bringen, sich mir anzuschließen? Wir konnten es uns einfach nicht erklären. Wir wussten noch viel zu wenig.

Wir fanden immer mehr Bestätigungen dafür, dass meine Vision stimmte und dass wir alle nur in einem Traum lebten, ohne dass es uns bewusst war. Nach längeren Überlegungen kamen wir zu dem Schluss, um jeden Preis ein Treffen zu viert zu provozieren und sie gemeinsam dazu zu bewegen, sich mit mir in einen dunkeln Raum zu setzen, der genauso aussah, wie jener in der Vision, und uns dann auf den anderen Raum zu konzentrieren. Es schien, als hätten wir uns in diesem dunklen Raum verloren und schaffen es nicht mehr, dort wieder aufzuwachen.

Mittlerweile war es der zweiten Frau und mir gelungen, die erste Frau vollkommen zu überzeugen. Ihr Herz und ihre Intuition verhalfen ihr zu dieser Erkenntnis. Sie erkannte, dass es keinen anderen Ausweg gab, als sich diesem Schicksal zu ergeben und zu versuchen, mit uns zusammen an diesem anderen Ort aufzuwachen. Es war mir persönlich ein unerträglicher Gedanke, dass wir alle gefangen waren in diesem Raum, und dem nicht mehr entfliehen zu können. Für immer in der Alltagsrealität zu verweilen, zu arbeiten, zu essen, fernzusehen, zu schlafen, zu glauben, und dann zu sterben. Das war kein Leben, das ich akzeptieren konnte, und die beiden Frauen stimmten mir zu. Nun mussten wir nur noch die dritte Frau finden und ebenfalls überzeugen.

Wie es das Schicksal wollte, traf ich diese Frau in Begleitung der zweiten Frau. Sie hatte sie gefunden, ohne jemals wirklich gewusst zu haben, wie sie aussah. Ich weiß, das alles klingt verrückt, aber in kürzester Zeit standen sie alle drei vor mir und ihre Gesichter waren höchstwahrscheinlich die aus meiner Vision. Wirklich sicher sein konnte ich nicht, denn der Raum in der Vision war sehr dunkel gewesen. Ich konnte mich dabei nur auf meine Intuition verlassen. Was immer sie wirklich von mir dachten, so war ich doch voller Hoffnung, uns alle aus dieser falschen Welt herauszuholen.

Die dritte Frau entpuppte sich als sehr feinfühlig und auch sie benutzte ihre weibliche Intuition, um Schritt für Schritt zu erkennen, dass meine Vision nicht nur ein simpler Traum oder gar eine Lüge war.

Alles lief viel zu gut, als dass es wahr sein konnte. Unser Vorhaben und unsere Absicht waren so nahe, dass ich das Erwachen förmlich vorausfühlen konnte. Doch es sollte alles ganz anders kommen: Die dritte Frau erkannte eines Tages mit Schrecken, dass ich tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte, und ihr Geist füllte sich rasend schnell mit Angst.
Ihre Begeisterung und ihr Ehrgeiz waren ebenso stark ausgeprägt wie ihr Fluchtversuch vor der Erfüllung meiner Vision. Sie bettelte mich an, den Fluch des Wissens von ihr zu nehmen, und verlor sich in ihren Gedanken als Opfer und Verfluchte. Mit aller Kraft bäumte sie sich auf und verließ unseren Kreis. Mit Tränen in ihren Augen sagte sie Lebewohl, und wir sahen sie nie wieder.

Wir wissen nicht, ob es ausreicht, wenn wir nicht komplett sind. Doch vielleicht genügt es, und wenn nicht, dann müssen wir versuchen, diese Vision zu betrügen.

Die zweite Frau lächelte jedoch in Trauer und flüsterte in unser Herz:

»Vielleicht findet sich eine andere, die ihr ähnelt. Vielleicht fällt es der Vision nicht auf, dass wir nur Betrüger sind.«

Ihre Augen, klar und hell, sahen mich an und sie fuhr fort:

»Vielleicht kommt sie aber auch zurück und tastet noch einmal nach dem einzigen Stern, der jemals in ihrem Leben erschien: die Hoffnung auf ein anderes Leben.«

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

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