Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Die Tastatur-Karawane

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

 

In den letzten Monaten sind seltsame Dinge in meiner Wohnung passiert. Meistens waren es flüchtige Bewegungen, die man an der Augenperipherie wahrnahm, manchmal auch kurze seltsame Geräusche, als fiele etwas zu Boden oder auf den Tisch, was man nicht sehen konnte. Sie kamen meistens von meinem Schreibtisch. Einmal sah ich sogar etwas winzig kleines durch die Luft fliegen, das kurz darauf aber wieder verschwand. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin dann langsam auf die Lösung gekommen. Es kam von meiner Tastatur!

Ich weiß nicht, ob Sie sich schon mal Ihre Tastatur näher betrachtet haben. Was ich jedenfalls sah, als ich mir meine näher betrachtete, war doch schon ein wenig peinlich. Aber glauben Sie mir, Ihre Tastatur ist auch nicht die sauberste! Aus Jux und Dollerei habe ich dann einmal eine Makro-Fotografie von meiner Tastatur gemacht... Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich habe mit Schrecken erkannt, daß sie wirklich nicht porentief rein war, auch wenn ich ab und zu mit einem Lappen darübergegangen war.

Na ja, was soll ich sagen, ich sah mehr als nur Tasten, Buchstaben und Cremeweiß, sondern auch Kakao-, Kaffee- und Teeflecken, sowie kleinste Staubpartikel und andere undefinierbare Spurenelemente von was weiß ich. Na ja, dachte ich, das kann einem schon passieren, der viel schreibt. Ja, vielleicht müßte man einmal wissenschaftliche Untersuchungen darüber anstellen. Oder hätte man auf die Werbung hören sollen, die diese Staubabdeckschutzplastikdinger empfehlen, damit die Tastatur sauber bleibt, oder einfach nur mehr putzen sollen?

Vielleicht leben ja da mittlerweile kleine Organismen drin, so winzig-kleine Tierchen. Die könnten doch rein theoretisch darin leben, irgendwo zwischen den Tasten. So ganz klein, noch kleiner als die Kinder einer Eintagsfliege. Wie dem auch sei, meinte ich etwas auf meiner Tastatur plötzlich zu sehen. Es war ein flüchtiger Moment, eine unscheinbare Bewegung, ähnlich der, die ich bereits vor Wochen einmal gesehen hatte. Da bewegte sich etwas auf, bzw. zwischen den Tasten meiner Tastatur! Doch als ich genauer hinsah, war es wieder verschwunden.

Jetzt war ich doch mißtrauisch! Also habe ich mir flugs meine High-Tech-Kamera mit doppelten Makro-Hyper-Matrix-Zoomer geschnappt und noch ein paar detailgenauere Aufnahmen gemacht!


Bereits nach einigen Vergrößerungen kam ich schon an etwas sehr Seltsames heran. Es schien eine Art Leuchten oder schwache Reflektion zu sein.

Es nutzte nichts, denn viel mehr war nicht zu sehen.

Ich mußte 'ihn' also aktivieren, den Double-Featured-Makro-Hyper-Matrix-Zoomer und machte damit Aufnahmen, die fast bis auf die subatomare Ebene reichten. Nun wollte ich dem Rätsel auf die Spur kommen. All diese seltsamen Bewegungen in meinen Augenwinkeln, die seltsamen Geräusche, die ich ab und zu gehört hatte und nie Erklärungen dafür erhalten hatte. Ja! Jetzt war es so weit. Ich war sicher, daß ich etwas Unglaubliches entdecken würde, etwas, daß die Welt noch NIE gesehen hatte!

War es etwa ein Atom oder ein ein winzig kleiner Krümel, den ich da wahrnahm? Nein, das konnte nicht sein, denn es würde bestimmt nicht leuchten. Okay, sehr stark hat es nicht geleuchtet, wie Sie selbst sehen können, aber ein klein wenig schon!

Es konnte kein Atom sein. Meine Kamera kann zwar bis in die Urtiefen der Materie eindringen, aber so weit? Ich war mir nicht sicher, das können Sie mir glauben. Also habe ich eine weitere Aufnahme gemacht mit stetig zunehmender Makrovergrößerung des Bildausschnittes im Frame.

Wenn ich jetzt nicht wissenschaftlich erzogen worden wäre, mit einem Weltbild, daß sich streng an die Physik und Logik hält, würde ich glatt sagen, daß diese kleine Schattierung oben und unten wie eine Verbindung zwischen zwei Tasten aussieht. Als hätte irgendwas, natürlich durch reinen Zufall, eine Verbindung geschaffen zwischen zwei Tasten. Um etwa von einer Taste zur anderen kommen zu können? War es eventuell eine Art Brücke? Was denke ich denn da? Es ist bestimmt irgendein kleines Tierchen, das sich dort eingenistet hat. Würde mich auch nicht wundern bei diesen Verschmutzungen im Mikrokosmos. Mikrokosmische Verschmutzungen, das klingt doch gut!? Vielleicht war es das, was ich entdecken sollte? Eine neue Art der Verschmutzung. Doch wen interessiert denn so was? Niemanden. Nun gut, beschloß ich, mache ich eine weitere Aufnahme, aber die letzte, dachte ich mir.

Was ist denn das??? Das sieht aus wie ein Wurm oder ein Auge von irgendwas. Ich kniff meine Augen genau so zusammen wie Sie jetzt, aber ich wußte nicht, was es sein sollte. Es führte kein Weg daran vorbei, es mußte noch weiter geforscht werden: Also schoß ich eine weitere Aufnahme und gelangte zu einer der unglaublichsten und wohl spektakulärsten Entdeckungen unserer Zeit!

Wir hatten schon immer Recht gehabt! All die Kinder, die wir auch mal waren, welche immer auf dem Teppich herumgekrabbelt sind mit Vorstellungen, die kein Erwachsener jemals hätte nachvollziehen können: Lebendige Miniaturwesen, die in den Teppichen leben. Je flauschiger der Teppich war, desto wahrscheinlicher war es doch, daß dort wer drinnen lebte! Das ist doch logisch! Je flauschiger der Teppich, desto mehr Schmutz sammelt sich an, bis fast zur subatomaren Ebene, ja bis zur präsubatomaren Ebene, und desto mehr war damit doch eine Basis für die Entstehung von leben geschaffen! Ein Biotop sozusagen. Tastatur-Forming. Da lebten sie schon immer, solange es Teppiche gibt. Ja, auch Tastaturen. Und wer weiß nicht, wo sie noch zu finden sind. Das ist kaum auszudenken. Da sucht die Menschheit nach Leben im All und dabei ist es hier mitten unter uns! Sie waren schon immer hier!



Nachdem ich mich gefangen hatte, von meiner spektakulären Entdeckung, habe ich versucht, einmal die Bewegungen der kleinen Miniaturkarawane festzuhalten in dem Moment, wo ich auf der Tastatur schreibe und sie vielleicht dabei emporgeschleudert werden. Wenn Sie genau hinschauen, dann sehen Sie, wie sie gerade durch die Luft fliegt und wohl irgendwo auf der Tastatur wieder zu landen kommt. Sobald sie gelandet sind, so meine bisherigen Beobachtungen, was nicht unbedingt immer auf der Tastatur sein muß, so ziehen sie wieder zurück zur Tastatur, dort, wo ihre wahre Heimat ist.
Nun weiß ich endlich, wieso man sich innerlich so sträubt seine Tastatur zu säubern... Wer will den schon eine Karawane töten oder andere seltsame Tierchen und Wesen, die darin leben könnten.