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»Schauen Sie nicht in die Bücher! Sie sind verboten!« hatte mein Chef eben noch gesagt, schon längst mir seinen Rücken zugewandt und den Hof verlassen. Ich schlug das Buch zu und warf das nächste ins Feuer. Es war wieder eins dieser Bücher, die ich verbrennen musste. Eigentlich hatte ich Bücher immer geliebt, aber manchmal zählt gutes Geld mehr als die Förderung meines Intellekts. Mein Chef hatte verlangt, ich solle diese Bücher vernichten, da sie ohnehin niemand mehr lesen würde. Es sollte nicht ein Schnipsel übrig bleiben! Wie durch einen Zufall hatte ich zuvor ein Telefongespräch mit dem ursprünglichen Besitzer dieser Bücher mitbekommen. Mein Chef meinte, dass er ihm das Geld für seine kleine Büchersammlung liebend gern und schnell überweisen würde. Es waren dieses Mal nur vier Bücher gewesen und mein geiziger Chef hatte ihm ganze 300.000 Euro dafür gezahlt! Ich wunderte mich, wieso er so viel Geld für ein paar alte Bücher ausgab, die er dann auch noch verbrennen ließ? Meine Schulden waren mit dem Lohn nicht zu bezahlen, aber er war gut. Okay, wenn ich eins dieser Bücher behielte, würde ich gewiss viel mehr Geld bekommen, aber wenn das jemals herauskäme, wäre ich nicht nur meinen Job los! ![]() Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter! Diese Sprache und auch eigentümliche Rechtschreibung dieses Buches kamen mir so bekannt vor... Es war so alt und trotzdem schien es mir völlig vertraut! Die Atmosphäre war ebenso antik, irgendwie barock, und drang in meinen Geist ein, erfüllte mein ganzes Sein und schien an mir zu rütteln. Sekundenbruchteile blitzte es vor meinen Augen auf und es schlichen sich Bilder in mein Bewusstsein, die ich längst als vergessen und stets für Phantastereien gehalten hatte, wundervolle Momente in herrlicher Umgebung, mit grandiosen Bauwerken, Pyramiden, Tempeln und Steinkreisen. All diese Bilder waren nur ganz kurz vor meinem geistigen Auge aufgetaucht, nur um wieder in einem dunklen Sumpf zu verschwinden, zurück zu den grauen Häusern meiner Heimatstadt und den grauen Türen, schlecht gestrichen, nur pragmatischen Sinnes. ![]() Ich dachte an all die Milliarden Menschen, die mittlerweile unsere Welt bevölkerten und es kamen immer mehr und mehr Kinder zur Welt. Die Geburtenrate hatte die globale Sterberate schon längst überschritten. Wo sollte diese Bevölkerun gsexplosion hinführen? Welchen Sinn besaß sie? Was trieb die Menschen dazu an, Mutter Erde auszuplündern und sie überzubevölkern? Welche Gedanken trieben sie an? ![]() Irgendwas in mir hetzte mich immerfort. Ich hatte den Eindruck, dass mir das Buch befahl, ich solle es zügig und ohne Unterlass lesen. Ich beeilte mich immer mehr und fing nur noch Kernsätze auf, wichtig markierte und auffällige Textpassagen... ![]() Es war so gruselig, in diesem Buch zu lesen, so alt und bekannt. Das Bild einer Kuckucksuhr entstand in meinen Kopf, und der Kuckuck schoss aus der Uhr hinaus und verwandelte sich in ein seltsames Wesen mit Fühlern und Tentakeln, als sei es oben in meinem Kopf und das Türchen, wo der Kuckuck lebte, war nun meine Stirn, oder ein Punkt zwischen meinen Augen, welcher einmal für etwas anderes gedient hatte... ![]() Intuitiv blickte ich einmal auf und sah zwei Männer am Eingang stehen, die dauernd in meine Richtung blickten. Sie waren irgendwie auffällig. Einer von ihnen trug anscheinend ein kleines Mikrofon im Ohr und sie nickten sich kurz zu, als sie sich auch schon in meine Richtung bewegten. Ich schlug das Buch zu und ging schnell durch den Hinterausgang, den ich noch aus meiner Kindheit kannte. ![]() Der Zug fuhr gerade an, und ich schaute hektisch aus dem Abteilfenster. Ich sah, wie zwei Männer noch hinterherrannten, und der Schaffner sie eben noch einstiegen ließ, danach schloss er die Tür. Meine Angst wuchs. Was, wenn das die Männer waren, die an meiner Tür geklopft hatten? Was, wenn sie auf irgendeinem Videoband im Nachhinein entdecken konnten, dass ich eins der Bücher nicht verbrannt, sondern eingesteckt hatte? Immerhin waren diese viel Wert gewesen. ![]() Ich strand auf und srellte mich ans Fenster. Das Schild "Bitte nicht hinauslehnen" blickte mich höhnisch an. Langsam öffnete ich das Fenster und der Wind blies mir mit voller Kraft ins Gesicht... Dann flatterte das Buch aus dem Fenster... Einige Seiten verlor das Buch und sie wurden vom Wind erfasst und davongetragen. Eine unglaubliche Last fiel mir von meiner Seele, aber auch eine Träne fand ihren Weg in den Wind.
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