Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Der Virenleser

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas)

 

Für nur einen kurzen Augenblick nimmt er gewaltige Wolkenkratzer wahr, die hoch in den Himmel ragen. Ein Dunstschleier zieht sich durch die steinigen und metallischen Schluchten, der ihre obersten Stockwerke verschleiert und das gebotene Bild in eine bedrückende Stimmung rückt. Nun wandeln sich die Bilder und er gleitet wie in einem Segelflugzeug zwischen den Gebäuden hindurch und sinkt tiefer und tiefer, als treibe er zwischen gigantischen Truhen mit großen Fenstern, die ihn wie tausend Augen anstarren, gen Boden, trudelt dicht an ihnen vorbei und aus seiner Distanz wird zunehmend eine immer stärker werdende Identifikation, als sei er aus den Höhen des Makrokosmos in die Tiefen des Mikrokosmos gestürzt und nimmt für einen weiteren, kurzen Augenblick einen lahmenden Hund war, der sich auf drei Beinen hält und sein Herrchen in einer Menschenmenge sucht, entfernt sich von ihm und schon längst auf dem Boden gelandet schrumpft er zu einem Atom zusammen und erkennt dort gleichzeitig einen einzelnen Wassertropfen, der quecksilberartig am Boden auf rissiger, vertrockneter Erde wabbert, als habe ihn eine fast unspürbare Erschütterung in Vibration gebracht, nunmehr an Ruhe gewinnt und neben den Wolkenkratzern den Buchstaben M in seiner Oberfläche widerspiegelt.

Nachdem er die Augen öffnete, begannen seine Augen schnell die Umgebung zu prüfen. Er befand sich wieder in seiner vertrauten Umgebung, lag in seinem Bett im Schlafzimmer und ein wenig Licht, das durch die Ritzen seiner Jalousien fiel, beruhigte ihn zunehmend. Die Information war angekommen! Er hatte den Virus gelesen. Er setzte sich langsam und schwerfällig auf, stützte seine Rückenlage mit dem heruntergerutschten Kissen und ging noch einmal die wahrgenommenen Szenen durch:

„Eine Zivilisationskrankheit, viele Menschen haben diesen Virus aufgenommen und in seiner Wirkung, lästig, aber harmlos, erhalten.“, sagte er leise vor sich hin, um seine Visionen besser reflektieren und analysieren zu können, „Der Hund sucht seinen Besitzer, ist verletzt und auf Hilfe angewiesen. Vielleicht ist es der Virus selbst, der hier als Regentropfen mit dem Buchstaben M in seiner Ähnlichkeit mit Quecksilber dem durstigen Boden als Nährstoff zu dienen versucht…“ Seine Gedanken schweiften leicht ab und er fragte sich, wie er diese Informationen verwenden konnte, während er zu den Taschentüchern griff, seine Nase gründlich putzte und das Taschentuch zu einigen anderen legte, die sich mittlerweile angesammelt hatten. Sein Kopf dröhnte und das Fieber erhitzte ihn stark, während der restliche Körper fror. Sein folgender Atemzug war nicht besonders tief und er verschaffte sich mehr Luft, indem er den Mund zusätzlich öffnete.

„Bestimmt gibt es eine Verbindung zwischen dem Hund und seiner Suche nach dem Herrchen, der verantwortlichen Person, die ihn von seinem lästigen Leid befreit, vielleicht einen Dorn in der Pfote, während es dem Boden nach Wasser dürstet. Eventuell ein Hinweis, sich viel zu duschen oder zu waschen, die Hochhäuser als Hinweis auf eine Zivilisationskrankheit, für eine Grippe, aber es kann auch mit der Nase zusammenhängen, die viel Flüssigkeit absondert… Doch wieso hat mein Körper diesem Virus die Türe geöffnet und ihm Einlass gewährt? Warum hat er für einen Augenblick seinen natürlichen Schutzschirm deaktiviert und ihm die Führung überlassen…?“

Sein Flüstern schien ihn ein wenig in Trance zu versetzen, reinigte und klärte seine Gedanken, bis er plötzlich einen Moment der Erkenntnis gewinnt, in dem er die Bedeutung des Virus auf einer hochsymbolischen und höheren Verständnisebene erkennt.

„Aber natürlich!“, rief er laut aus und im selben Augenblick verschwinden auch sämtliche Symptome wie von selbst und er sprang mit Leichtigkeit und gesund aus dem Bett. Die Grippe war binnen weniger Sekunden völlig verschwunden!

Zwei Jahre später.

„Ich bin’s.“

„Was gibt es?“, hörte er am anderen Ende der Leitung.

„Nun, ich glaube, ich habe eine Krise und brauche deine Hilfe.“

„Hast du einen neuen Virus?“, fragte sie ihn lauernd.

„Ja, habe ich. Ich habe mittlerweile vierzehn Viren finden und dechiffrieren können. Ich bin durch die Städte gezogen und habe immer Ausschau nach Menschen mit irgendeinem Virus gehalten, um mich mit ihm anzustecken. In dem Moment, als ich seine Botschaft erfassen und erkennen konnte, verschwanden die Symptome sofort. Es ist immer das gleiche Prinzip. Auch stecke ich mich mit dem Virus nicht mehr an, den ich schon einmal dechiffriert hatte.“

„Ich verstehe. Du bist überzeugt, dass es mit jedem beliebigen Virus so geht?“

„Natürlich!“, antwortete er, „sofern man ihn versteht und die Botschaft angekommen ist.“

„Wie betrachtest du die Position des Körpers dabei?“

„Der Körper öffnet für einen Moment seinen natürlichen Schutzschirm und lässt den Virus ein, danach liest er die Daten ein und verwertet sie unterbewusst. Das ist der Moment, in dem man ansetzen kann, um den Lesevorgang bewusst zu machen und ggf. zu dechiffrieren. Ist man zu spät, tauchen die ersten Symptome auf und versuchen zusätzlich Hinweise zu geben, indem sie die Persönlichkeit schwächen und destabilisieren, damit der Zugriff zum Unterbewusstsein leichter wird. Der Körper und das Unterbewusstsein arbeiten hier völlig bewusst zusammen…“

„Und wieso lässt der Körper den Virus ein?“

„Meistens deshalb, damit die Persönlichkeit ihrer Vorlieben und Wünschen entsprechend die Zeit gewinnt, sich vom Alltag zurückzuziehen, Herausforderungen oder Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, aber in meinem Fall haben sich die Prioritäten verschoben. Ich habe meinen Körper derart beeinflusst, dass er einen Virus aufgrund meiner simplen Anweisung einlässt.“

Es entstand eine kurze Pause, in der jeder über die gesprochenen Worte nachdenken konnte. Sie wechselte den Hörer von einem Ohr zum anderen und wartete gespannt auf die nächsten Worte. Als sie nicht folgten, hakte sie hinterher:

„Und wieso rufst du mich morgens um 3 Uhr an?“

„Nun, ich habe eine neue Botschaft und ich glaube, ich habe es dieses Mal übertrieben.“

„Du hast einen Virus gefunden, den du nicht knacken kannst? Na, das ist wirklich eine Krise!“

„Richtig. Und ich befürchte, dass ich ihn zu dechiffrieren habe, wenn ich noch weiter unter den Lebenden verweilen möchte… Und du weißt genau, ärztliche Hilfe ist für mich keine Option, in keinem Fall, denn damit verrate ich meine Ideale und meine Forschung.“

Ihr Atem stockte, als ihr bewusst wurde, was er damit meinte und er sich definitiv übernommen hatte, denn seine Botschaft war, dass er diesen gefährlichen Virus entweder knacken oder daran sterben würde. Er hatte tatsächlich einen lebensgefährlichen Virus eingelassen und konnte ihn nicht mehr abschütteln!

„Du bist verrückt! Du konntest dich doch nicht nach lumpigen vierzehn Viren gleich an einen solchen heranwagen. Wie hast du ihn denn überhaupt bekommen?“

„Na ja, ich habe mich, sagen wir mal, in zweifelhaften Etablissements herumgetrieben.“

Sie verstand. Es war nun tatsächlich seine Wahl gewesen, die Generalprobe vorzeitig abzubrechen und einen Sprung ins Ungewisse zu wagen, dorthin, wo der Tod sich beteiligte.

„Hast du den Virus schon ausgelesen?“

„Natürlich, aber die Daten sind sehr verwirrend und schwer verständlich, trotz meiner bisher gesammelten Erfahrungen.“

„Sag mir, was du hast…“

„Ich sah unseren Planeten, wie er für einen Moment in Konjunktion mit dem Mond stand, danach einen Fluss, der sich in der Mitte teilte und in eine Fabrik mündete. Menschen mit Masken und eine riesige Burg, die den Ansturm von Millionen Kriegern nicht standhielt, aber dann auch wieder ein Pärchen, das in ihrer Einsamkeit weinte und sich die Hände hielt. Hochhäuser und eine schwarze Sonne, die sich in den Fenstern tausendfach spiegelte. Kapseln und Spritzen mit metallischen Mänteln…“, die weiteren Sätze verloren sich in einem Gemurmel.

„Das ist wirklich schwer. Wie verfährst du sonst mit einem Virus, nachdem du ihn gelesen hast?“

„Ich beobachte meine Gefühlszustände und setze meine Gedanken in Beziehung dazu. Mache mir Notizen über die verschiedenen Gedankenverläufe, Denkarten, Gefühle und spontanen Informationen, so widersprüchlich und unsinnig sie auch scheinen mögen. Wenn ich diese Notizen zusammen habe, bringe ich sie in Verbindung mit den Informationen des Virus. Das Unterbewusstsein reagiert darauf und es entstehen Veränderungen, die routinierte Informationen umwandeln und neue Bilder ergeben. Bisher konnte ich es immer lösen, aber dieses Mal ist es besonders schwierig.“

„Wenn du den Virus knackst, wirst du deine Arbeiten veröffentlichen?“

„Auf jeden Fall! Ich bin überzeugt, dass es einen Universalschlüssel für sämtliche Viren gibt, ja, für jede Krankheit, die man sich überhaupt vorstellen kann. Vielleicht werden meine Ergebnisse eine Richtung klarmachen, wohin man zu schauen hat, wenn die Naturwissenschaftler wirklich daran interessiert sein sollten.“

„Glaubst du, dass sie es nicht sein könnten?“

„Ich denke ja, denn Stromautos sind auch schon seit vielen Jahren möglich und würden die Umwelt deutlich entlasten, aber sie werden aus wirtschaftlichen Gründen nicht serienmäßig hergestellt, somit verbleiben die Benzinautos auf unseren Straßen. Nun stell dir einmal vor, welche Folgen es für die Wirtschaft besäße, wenn die Pharmazeutik und Ärzteschaft nur noch geringe Gelder einbringen würden, weil ein Universalschlüssel entdeckt wurde.“

„Aber es wäre ein Segen für die Menschheit!“, protestierte sie.

„Natürlich wäre es das, aber nur für jene, die kein Geld an den Ängsten und Krankheiten der Menschen verdienen sowie für die Betroffenen…“

„Du bist aber noch von dem Schlüssel entfernt, oder?“

„Ja, das bin ich, aber ich habe einige Viren lesen können und mein Umgang mit ihnen zeigte mir den richtigen Weg… Vielleicht habe ich mir dieses Mal zuviel zugemutet, aber ich habe die Chance, auch diesen zu knacken.“

Sie telefonierten noch viele Stunden. Manchmal schliefen sie auch einige Minuten ein, erwachten wieder und sprachen weiter, bis sie sich dazu entschied, ihn zu besuchen und zu lesen, was er gelesen hatte. Wenn er sterben würde, dann nicht allein