Jonathan Dilas Kurzgeschichten Stories out of Dreams

Die Vorreiter

(Eine fantastische Kurzgeschichte von © Jonathan Dilas, 1995)

 

Es war einmal vor vielen tausend Jahren irgendwo in unserer Welt. Dort lebten Pedro und sein Freund Samuel in einem dichten Wald in der Nähe eines großen Meeres. Jeden Morgen, und manchmal auch etwas später, standen sie auf und gingen zum Strand, um Fische mit Speeren zu jagen. Spärlich bekleidet gingen sie zum Strand und schlugen sich gegenseitig alle paar Meter einmal auf die Schulter. Jeder von ihnen versuchte noch fester als zuvor zuzuschlagen, damit der andere ins Straucheln kommt oder gar hinfällt. Sie lachten ausgelassen und Pedro sah sich schon mit einem gebratenen Fisch in der Hand vor dem Feuer sitzen.

»Was ist?«

»Ich esse gleich Fisch.«

Samuel nickte bestätigend und rieb sich seinen Bauch. Pedro verschluckte sich und Samuel nahm diese Chance wahr und schlug mit aller Kraft auf seinen Rücken. Er torkelte, ruderte mit den Armen und plötzlich fiel er der Länge nach hin. Der Speer rutschte ein Stück auf dem Sand und die Spitze traf auf einen Stein und brach ab.
Fluchend stand Pedro wieder auf und trat nach Samuel, aber er machte einen Satz zurück und noch bevor er über Pedros vergeblichen Versuch lachen konnte, hatte er auch schon in eine zerbrochene Muschel getreten. Schreiend hüpfte er auf einem Bein zum Wasser. Pedro lief hinter ihm her, aber die Wut in seinem Bauch verschwand ebenso schnell, wie sie gekommen war.
Endlich kühlte Samuel seinen Fuß im Wasser, als beide auch schon anfingen zu lachen. Da dies alles sehr anstrengend gewesen war, beschlossen sie erst einmal, ein kleines Nickerchen zu machen. Ihr Schnarchen hörte man weit über das Meer hinaus. Nach einigen Stunden erwachten sie in der Nachmittagssonne und griffen gähnend nach ihren Speeren und gingen zum Wasser. Samuel stampfte ins Wasser hinein und suchte nach einem Fisch. Pedro hingegen versuchte seine Speerspitze wieder in Ordnung zu bringen. Einige Zeit später hatten sie gemeinsam einige Fische gefangen und machten sich sofort daran, ein Feuer zu machen. Pedro und Samuel hockten auf dem Boden über trockenem Holz, getrocknetem Gras und Blättern und versuchten ihrem gemeinsamen Feuerstein einige Funken zu entlocken. Als das Feuer endlich brannte, spießten sie ihren Fisch auf einen abgebrochenen Ast und hielten ihn in die Flammen. Pedro und Samuel hatten nun zuende gegessen und berieten sich über einen kleinen Ausflug in den Dschungel, um ein kleinen Nachtisch zu sich zu nehmen, vielleicht in Form einiger Beeren: »Ich habe noch Hunger!«

»Da! Nimm Fisch!«

»Kein Fisch...! Beeren!!!«

Pedro bekam große Augen. Er wußte, daß es viele Beeren im Dschungel gab, aber dort lauerten auch Gefahren, von denen sein Urgroßvater erzählt hatte. Oft hatte er Geschichten von seltsamen Gewächsen erzählt, die nach einem greifen konnten oder ihn fangen und dann fressen würden.

»Ich gehe nicht mit!« rief Pedro.

Samuel lachte laut auf und schlug Pedro auf den Kopf.

»Du kommst mit! Leckere Beeren!«

Pedro nickte zögernd.

Nun gingen beide in den Dschungel hinein, der ganz in der Nähe des Strandes begann. Unterwegs versuchten sie sich gegenseitig ein Bein zu stellen, aber diesmal fiel keiner von ihnen hin.

Als sie ein Stück ins Dickicht hineingegangen waren, wurde es ganz still um sie ab herum. Pedro schaute ständig nach rechts und links, drehte sich ab und zu mal um und hielt dabei seinen Speer fest umklammert. Samuel schien sich sicherer zu fühlen, vielleicht war er schon öfter dort.
Plötzlich standen sie vor einem Busch mit großen, leckeren Beeren.

»Haha!« rief Samuel und griff augenblicklich zu den Beeren und stopfte sich einige in den Mund.

Pedro zupfte zaghaft eine Beere ab, nachdem er natürlich beobachtet hatte, daß Samuel nicht von dem Busch angegriffen worden ist, und steckte sie sich in den Mund. Langsam kaute er auf der Beere herum und sein Gesicht hellte sich merklich auf. Samuel sah, daß Pedro nickte und lachend auf die Beeren zeigte, und schlug ihm auf die Schulter. Das wollte Pedro nicht auf sich sitzen lassen und schlug zurück. So schlugen sie sich Beeren essend ständig auf die Schulter und lachten grölend herum. Nach einigen Stunden waren ihre Bäuche prall gefüllt und der Busch all seiner Beeren beraubt. Pedro leckte seine von Fruchtsaft beschmierten Finger ab und als er wieder aufblickte, sah er, wie Samuel in einiger Entfernung vor einer Pflanze stand und laut redete. Pedro hatte überhaupt nicht bemerkt, daß Samuel sich entfernt hatte. Langsam trottete er ihm nach.

»Was ist los?« fragte Pedro neugierig.

»Da! Was ist das?« entgegnete Samuel laut und deutete auf eine hagere, grüne Pflanze, die einen fast unsichtbaren weißen Lichtschimmer auf ihren Blättern trug.

»Nicht!« rief Pedro und erinnerte sich an die Geschichte seines Urgroßvaters. Samuel schaute Pedro an und dann wieder die Pflanze. Letztlich griff er nach ihr und riß sie aus dem Boden.

»Ich nehme sie mit!« meinte er und steckte sich die Pflanze unter seine Kleidung. Pedro hatte schützend die Arme hochgenommen, als Samuel nach der Pflanze griff, aber nun sah er, daß nichts geschehen war. Trotzdem hatte Pedro ein seltsames Gefühl, was diese Pflanze betraf und im Geiste sah er den mahnenden Zeigefinger seines Urgroßvaters, dessen lange Geschichte noch immer im Kopf dröhnte:

»Esse niemals Pflanzen ohne Beeren! Sie werden dich auffressen!« Es wurde abend und gemeinsam schauten sie dem Sonnenuntergang zu, als Samuel in einer leicht unerklärlichen, melancholischen Stimmung unter seine Kleidung griff und die Pflanze zum Vorschein brachte. Pedro rutschte sofort ein Stück weg von ihm und schüttelte den Kopf. Samuel lachte.

»Du Hase!«

Pedro hielt seine Hände vor Samuels Gesicht und ließ seine rechte nach der linken Hand schnappen. Samuel schaute unverständlich und steckte sich nun demonstrativ die ganze Pflanze in den Mund und kaute darauf herum. Er wollte sie schon wieder ausspucken, denn sie schmeckte gar nicht süß, aber Pedro war augenblicklich aufgefahren und weil das Samuel so amüsierte, behielt er die Pflanze weiterhin in seinem Mund. Sie alberten noch eine Weile herum, bis Pedro begann, seine Angst zu verlieren, als Samuel plötzlich unvermittelt umfiel. Pedro lachte und trat mit seinem Fuß einige Male gegen Samuels Kopf, aber er blieb liegen.

»Samuel?«

Keine Antwort.

»Du kaputt?«

Plötzlich ein Stöhnen. Samuel richtete sich auf.

»Was war?«

Samuel erhob sich antwortete aber nicht. Langsam ging er zum Strand und sah, wie die Sonne im Meer versank. Dann drehte er sich um und schaute Pedro an. »Weißt Du, dies ist eine runde Welt und die Sonne ist ein glühender Ball, um den sich unsere Welt dreht.«
»Samuel?« fragte Pedro verunsichert.
Pedro konnte einfach nicht glauben, was nun geschehen war. Samuel erzählte plötzlich Geschichten, sogar längere als die seines Großvaters! Zwar konnte Pedro sie einigermaßen verstehen, aber es war doch anstrengend zuzuhören. Kurz versuchte Pedro seinen gewohnten Samuel zurückzubekommen:

»Gestern, die Jagd nach den Fischen!« Er hoffte, Samuel erinnere sich.

»Die Vergangenheit ist nur eine Ansammlung elektromagnetischer Verknüpfungen in unserem Gehirn.«

Pedro bekam einen gewaltigen Schreck. Er fiel auf seinen Hosenboden und mit offenem Mund sah er seinen Freund an.

»Du bist krank!« meinte Pedro und rief es noch einige Male laut aus. »Ich bin nicht krank. Ich sehe zum ersten Mal klar und deutlich, was und wer ich bin und was das hier alle soll. Du mußt unbedingt auch von der Pflanze essen.«

Pedro schüttelte den Kopf. Das würde er niemals tun, das wußte er. Er wollte nicht so werden wie sein Freund.

»Nein!« schrie er und schüttelte dabei den Kopf.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Morgen wird alles wieder so sein, wie du es gewohnt bist. Wichtig ist nur, daß du einmal siehst, was ich sehe.«
Pedro schüttelte wieder den Kopf und lief dann fort.
Nach diesem Ereignis hatten sie sich viele Tage nicht mehr gesehen. Pedro war sehr traurig, denn er war immer gern mit Samuel zusammen gewesen und nun sollten sie sich nie wiedersehen? Er dachte nach und kam zu dem Ergebnis, daß er seinen Freund unbedingt wiedersehen wollte. Vielleicht war es möglich, Samuel wieder gesund zu machen und ihn von dieser gefährlichen Pflanze wegzubekommen. So machte sich Pedro auf den Weg.
Einige Tage später fand er Samuel. Er stand vor einem kleinen Hügel, den er sich ganz genau anzusehen schien.

»Samuel!« rief er freudig aus und lief auf ihn zu.

Er drehte sich um und lächelte.

»Wie geht es dir? Es freut mich, daß du zurückgekommen bist«, Pedro blieb stehen und hörte wieder diese Geschichten. Samuel hatte sich immer noch nicht zurückverwandelt. Er aß anscheinend keinen Fisch mehr, sondern nur noch diese Pflanzen.

»Nein, Pedro. Ich esse diese Pflanzen nicht mehr. Ich habe sie nur einige Male genommen, bis ich das Wichtigste verstanden und erfahren hatte. Nun brauche ich diese Pflanzen nicht mehr und esse auch lieber Fisch.«
Pedro erschrak und schaute ihn mißtrauisch an.

»Du bist nicht krank?«

»Ich bin nicht krank. Ich habe mich auch nicht verändert, sondern nur erweitert.« Pedro schaute stirnrunzelnd zu Boden und verdrehte die Augen.

»Soll ich dir zeigen, was ich sehe?« fragte Samuel plötzlich. Pedro wollte erst den Kopf schütteln, aber Samuel versprach, daß er dazu keine Pflanzen nehmen müsse, und so nickte er.
Samuel legte seinen Arm um Pedros Schultern und noch bevor er sich ducken konnte, sah er ein seltsames Licht am Himmel. Es war strahlend hell und es gingen von ihm haarfeine Strahlen aus. Es war ein unglaubliches Gefühl, daß Pedro durchströmte. Er wußte nun, daß er seinem Schöpfer gegenüber stand und es kam ihm so vor, als würde er in es hineinschweben, aber er blieb am Boden stehen. Im weiteren kniff ihn Samuel immer wieder in die Seite und das dämpfte seine starken Gefühle.

Plötzlich fiel ihm auf, daß mit diesem Licht etwas nicht stimmte. Vielleicht war es doch nicht sein Schöpfer... als er plötzlich glasklar denken konnte.

»Siehst du das Licht?« fragte Samuel und Pedro nickte.

»Dieses Licht muß irgendeine rätselhafte Kraft sein, denn wenn du länger hinschaust, fällt dir etwas auf.«

Das konnte Pedro nur bestätigen.

»Ja Samuel, du hast Recht. Dieses Licht sendet Gedanken aus, die wir empfangen. Das würde ja bedeuten, daß wir gar nicht denken, sondern gedacht werden, daß wir Gedanken empfangen und nur meinen, daß es unsere sind. Empfangen wir denn alle die gleichen Gedanken?« Plötzlich wurde sich Pedro dessen bewußt, was und wie er das gesagt hatte, was er gesagt hatte und zitterte am ganzen Körper.

»Du brauchst keine Angst haben. Wenn du später wieder so sein willst, wie du es bisher warst, dann kannst du das tun, aber in diesem Moment ist es anders.«
Pedro verstand. Der Moment war günstig. Er mußte verstehen, was es mit diesem Licht auf sich hatte.

»Ich habe dieses Licht noch nie zuvor gesehen, aber ich fühle, daß es immer dagewesen ist... Ach ja, es ist getarnt gewesen. Es war unsichtbar für unsere Augen, weil wir stets anders gedacht hatten. Ich kann es nicht ausdrücken. Es ist so, daß die Zeit verlangsamt worden ist und nun all die Dinge sichtbar werden, die sonst zu schnell an uns vorüber gezogen sind. Mehr ist das nicht. Es ist unglaublich!«

»Wie ich sehe, verstehst du langsam, daß mit dieser Realität irgendetwas nicht stimmt. Wir haben die ganze Zeit angenommen, daß wir denken. Und schon dieser Gedanke war ein Trugschluß. Dieser eine Gedanke kann schon alle anderen Gedanken in eine Interpretation verwandeln, die dann ein ganzes Leben anhält.«

»Die Zeit wird einfach gedehnt und schon sieht man, wie die Welt wirklich ist. Das ist eine hervorragende Art der Tarnung, aber wer hat daran ein Interesse...? Das muß von diesem seltsamen Licht dort kommen. Diese haarfeinen Fäden, die dieses Licht spinnen, verbinden sich mit uns und wir empfangen die Gedanken, die wir dann zu denken meinen. Aber warum denken wir nicht alle stets das gleiche?«

»Weil es mehrere dieser Fäden gibt und wir wählen einfach einen aus. Wir denken also alle das gleiche, nur aber zeitlich versetzt«. Pedro fand, daß Samuel ganz genau das formuliert hatte, was er gerade empfangen hatte.
Dann stand er auf und blickte zum Hügel. Mit einem Mal durchflutete ihn ein Schaudern und er sah, daß das gar kein Hügel war. Es war ein Gebäude! Pedro hatte schon öfter hier gestanden und nie bemerkt, daß es ein Gebäude war.

»Siehst du Pedro, langsam verstehst du, daß hier ganz gewaltig etwas nicht stimmt. Du siehst auch, daß du nun anders denkst, dich aber nicht verändert hast. Du rast nur von einem Faden zum anderen und das hat den Effekt, daß du die Gedanken miteinander in Beziehung setzen und dann verknüpfen kannst. Jeder Faden vermittelt eine Reihe von geordneten Gedankengängen, die mit einem Grundgefühl gefärbt sind, bis der nächste Faden sich mit dir verbindet. Bevor der nächste Faden sich mit dir verbindet, vergehen oft Stunden. In unserem Fall aber rasen wir über diese Fäden hinweg und wechseln sie somit fast minütlich.«

»Das verschafft uns den Überblick!« rief Pedro daraufhin aus. »Nur, wer oder was verbirgt sich hinter dem Licht? Warum können wir das nicht erfahren? Meinst du, daß es unser Schöpfer ist?«
Samuel schüttelte den Kopf:

»Das glaube ich nicht. Wir müßten einen Weg finden, um das in Erfahrung zu bringen. Als erstes mußten wir lernen, auf diese Art wahrnehmen zu können, ohne weiter diese Pflanzen zu verzehren. Logisch wäre es zu lernen, das kognitive Denken auszuschalten, denn darüber sind wir sehr leicht zu beeinflussen. Es scheint ganz so, als wolle das Licht uns nicht hindurchsehen lassen. Auch habe ich schon mal probiert, mich dem Licht zu nähern, aber das war unmöglich«. Pedro zog seine Stirn kraus und aufgrund all der Gedanken, die er fast gleichzeitig empfing, konnte er sich immer mehr ein Bild davon machen, was dieses Licht zu verbergen schien. Die Gedanken erschienen ihm als Puzzle-Teile, die er nun in einer unglaublichen Geschwindigkeit zusammensetzte und langsam, ganz langsam vervollständigte sich dieses Puzzle zu einem unglaublichen Bild, das ihm den Atem raubte...